Kristin kocht mit den Protagonisten: Hulalatsch und Heringsstipp

Meinem Mann kann man überhaupt nichts recht machen, vor allem beim Essen nicht. Beinahe täglich verbringe ich Stunden am Herd, nur, um ihm ein schmackhaftes und bekömmliches Gericht zu bereiten. Oder zumindest Minuten. Aber an manchen Tagen ist alles, was ich tue, falsch, falsch, falsch ‒ und alles, was er kann, ist meckern, meckern, meckern.

Ich blicke auf mein Laptop, lese mir das Rezept bei chefkoch.de durch und runzele die Stirn. Da steht, man soll eine Dose Sauerkraut mit einem Becher Schmand und einer Packung Maggi fix für Zwiebelsuppe verrühren. Das klingt einfach, das kann ich! Ich gebe auf jede Kasselerscheibe einen Klacks von der Sauerkrautmischung und eine Handvoll geraspelten Emmentaler und schiebe die Auflaufform in den vorgeheizten Ofen. Halbe Stunde bei zweihundert Grad, Flockenpüree dazu reichen, zack, fertig.

Später bei Tisch bin ich nachdenklich. Ich nehme noch eine Gabel und überlege, ob es schlimm-komisch oder nur normal-komisch schmeckt, da fällt mir auf, dass mein Mann gar nicht schmatzt. Ganz still mümmelt er sein Essen.   

„Schmeckt’s etwa nicht?“, frage ich.

„Doch, doch“, sagt er und kaut weiter. Normal-komisch, entscheide ich, aber sicher bin ich nicht. Zwei Minuten verstreichen. 

„Du sagst gar nichts zu meinem Essen“, sage ich. 

„Ich dachte nicht, dass ich mich mit dem Essen unterhalten soll“, sagt mein Mann. Und nach weiteren zwei Minuten: „Hast du das aus dem Internet?“

Ich blicke auf. „Ja, wieso?“

„Nur so.“ Schweigend essen wir weiter.

„Man muss ja nicht jedes Rezept aufheben“, sagt er etwas später.

„Was willst du damit sagen?“, frage ich.

„Gar nichts. Ich meine nur. Die Festplatte ist ja immer so schnell voll und so.“ Er nimmt vom Flockenpüree nach.

Ich schaue ihn scharf an.

Er räuspert sich. „Ich finde es lieb, dass du für mich kochst. Gibt es Nachtisch?“

„Nein“, erwidere ich gekränkt. Ich stelle die Teller zusammen, lege das Besteck darauf und trage alles in die Küche. „Den Sauerkrautauflauf gibt es jetzt nur noch“, rufe ich ihm zu. „Jeden Abend. Zur Strafe.“

„Ich freu mich“, ruft er zurück.

Am Wochenende brät mein Mann Filetsteaks. Hübsch und rosig sehen sie aus, wie sie da zwischen dem Leipziger Allerlei auf dem Teller liegen. Ich hebe mein Steak mit dem Messer an, um mir die Unterseite anzuschauen. Dann nehme ich meine Gabel und pieke vorsichtig hinein. Etwas Rosafarbenes läuft aus dem Fleisch heraus und zwischen das Gemüse.

Mein Mann beobachtet mich. „Stimmt was nicht?“

„Alles prima“, sage ich und dann: „Es blutet.“

„Das ist kein Blut, das ist Fleischsaft.“

„Fleischsaft …“ Ich spieße eine Möhre auf und schnuppere an ihr.

„Genau, Fleischsaft“, sagt er. „Und wenn du weiter mäkelst und herumstocherst, dann koche ich beim nächsten Mal Hulalatsch. Das gab es früher oft bei uns zu Hause.“

„Was ist das denn?“, frage ich und nehme von den Bratkartoffeln nach.

„Das braucht dich nicht zu interessieren“, sagt er. „Wichtig ist nur, dass es recht tranig schmeckt und von dicken gelben Fettadern durchzogen ist.“

Schweigend beenden wir unsere Mahlzeit. Ich weiß, wann es Zeit ist, den Mund zu halten.

Tja, was bleibt? Eigentlich nur Heringsstipp. Den mögen mein Mann und ich beide. Und während er von Gabi, der Moderatorin des Schleswig-Holstein-Magazins, abgelenkt ist ‒ was findet er eigentlich an dieser albernen Person? ‒, nehme ich mir eine zweite Portion.

Mein Mann wirft mir einen Seitenblick zu. „Fischst du etwa nach Heringsstückchen?“

„Nein …“, antworte ich. Da! Da ist noch eins.

Heimlich schaue ich zu ihm hinüber. Mit dem Mann wird es immer schlimmer. Auf Dill und Zwiebeln, die eigentlich unbedingt an das Essen gehören, verzichte ich ja seit Jahren schon. Aber nun liegen auf seinem Tellerrand kranzförmig aufgereiht die Tomaten-, Salatgurken-, Gewürzgürkchen- und Apfelwürfel, mit denen ich die guten Sahnefilets von Aldi immer so liebevoll verfeinere.

Markt hat angefangen, eine unserer Lieblingssendungen. Mein Mann interessiert sich sehr für die Verbraucherinformationen, und ich … Jo lächelt mir vom Bildschirm zu. Ach, Jo! Er würde dankbar alles essen, was ich ihm koche, und niemals würde er ‒

„Die Pellkartoffeln lassen sich übrigens sehr schlecht pellen“, sagt mein Mann und fügt hinzu: „Ganz schön affig, dieser Jo.“ Allein, wie er Jo betont!

„Gleich kommt noch ein Film mit Andrea Sawatzki“, sage ich boshaft. Schweigend beenden wir unsere Mahlzeit. Mein Mann weiß, wann es Zeit ist, den Mund zu halten. Vor Andrea Sawatzki hat er ein bisschen Angst. Ich glaube, es hängt mit dem Größenverhältnis ihres Mundes zu ihrem Gesicht zusammen. „Ein Haps und du bist weg“, pflege ich zu sagen.

Während wir den Film schauen, kommen mir die Zeilen eines alten Liedes in den Sinn. We’re just two lost souls swimming in a fish bowl year after year … und ich denke: Sind mein Mann und ich nicht auch wie zwei Fische, die Jahr für Jahr in ihrem Heringsstipp herumschwimmen? Und ich sehe ihn von der Seite an und weiß genau: Wenn er nicht dort in der Sofaecke säße, in seiner Hausjoppe und still vor sich hingrantelnd, würde ich doch nichts denken als: Wish you were here!

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