Mein Sommerlesetipp von Kristin Lange

Verflixt, der Sommerlesetipp. Wollte ich schreiben; hab’s dank meines hitzebedingt auf ein Drittel eingedampften Hirns verbummelt. Und wir alle wissen, wie unsere Blogchefin sein kann, wenn man was verbummelt. Hinter vorgehaltener Hand nennen wir sie Die Eiserne Lady – und damit ist immerhin ein vager Bogen zu meinem Sommerlesetipp gespannt. Der kommt nämlich ebenfalls aus England, ist eigentlich (leider) nur eine längere Erzählung, spielt im Sommer 1920 und handelt von einem jungen Kriegsheimkehrer, der an etwas leidet, das man heute Kriegstrauma nennt, damals aber Granatenschock hieß.

Halt, stopp. Erster Weltkrieg? Granatenschock? Hätte ich da nicht ebensogut bei meinem ursprünglichen Plan bleiben können, Ihnen den zerquälten Roman einer Ex-DDR-Schriftstellerin zu empfehlen, in dem sie ihre unglückliche Ehe aufarbeitet?

Unser junger Kriegsveteran jedenfalls verbringt einen Sommermonat in einem Dorf in Nordengland, um dort seinen ersten eigenständigen Auftrag als Restaurator auszuführen. Er soll in der Dorfkirche ein mittelalterliches Wandbild freilegen und zieht dazu praktischerweise im Kirchturm ein, quasi auf seiner Baustelle. Hier, in der ländlichen Abgeschiedenheit Yorkshires, kommt auch er zur Ruhe. Die Dorfbewohner akzeptieren den unaufdringlich liebenswürdigen Burschen nicht nur; sie adoptieren ihn sozusagen auf Zeit. Verständlich: Auch ich bekomme beim Lesen sofort Lust, im Dorfpub ein Pint mit ihm zu trinken. Er verliebt sich ein bisschen in die Frau des Pastors (in allen Ehren natürlich; ein echter Puritaner weiß sich zusammenzureißen), versucht sich als Aushilfsprediger wider Willen und gewinnt einen Freund. Und es passiert nicht mehr und nicht weniger, als dass dieser August auf dem Land den Grundstein zur Heilung an Leib und Seele legt. Dabei werden die Schrecken des überstandenen Krieges weder verdrängt noch relativiert; sie werden nur aushaltbar. Die Geschichte von Tom Birkin, der vom stotternden und beziehungsunfähigen menschlichen Wrack zu einem mit vorsichtiger Hoffnung aufs Leben schauenden Mann wird, ist so unaufgeregt und poetisch-schlicht erzählt, dass man auch als Leser ein bis zwei Nummern glücklicher, ja: heiler wird. Übrigens mag ich es falsch in Erinnerung haben, aber mir ist, als ginge zwischendurch auch mal ein ergiebiger englischer Landregen nieder, was in diesen Wochen schon beim Lesen eine Wohltat ist.

Zwei Probleme habe ich allerdings mit dem Buch. Erstens: Es ist viel zu kurz und locker an einem Nachmittag ausgelesen. Zweitens: 1987 wurde es verfilmt (und zwar mit Kenneth Branagh und Colin Firth), was mich in den Konflikt bringt, dass ich einerseits unbedingt den Film anschauen möchte, mich andererseits aber sorge, dass die Filmbilder die wunderbaren inneren Bilder überlagern, die das Buch in mir hat entstehen lassen.

Einen schönen Lesesommer wünscht Ihnen
Kristin Lange