Leise Geräusche in der Fremde

Ein Lausch-Text aus dem Seminar der 42erAutoren zum Schreiben von Hörspielen

von Heike Duken

Eines vorne weg: Hörspiel ist Wahnsinn. Wirklich. Das akustische Universum spielt verrückt, wenn man es lässt. Alles ist möglich. Aber damit alles möglich ist, muss man aufhören zu sehen und beginnen zu lauschen. Das ist das Wichtigste. Das war die Lektion eins im Seminar. Jay Monika Walter, u.a. versierte Hörspielautorin und unsere Vereinsvorsitzende, führte uns durch etliche weitere Lektionen, es gibt so viel zu lernen! Zum Beispiel, dass es nicht darum geht, eine Geschichte akustisch zu illustrieren. Nein, keine Regentropfen, wenn einer sagt, dass es regnet. Und bitte auch keine Kissen werfen. Denn welches Geräusch macht bitte das Werfen? Genau, gar keines.

Es gilt stattdessen, aus Geräuschen und Tönen, Musik und Stimme, aber auch aus Stille ein Werk zu komponieren, das eine Geschichte erzählt, nicht allein mit Worten, vielleicht sogar ganz ohne Worte, durch ein Zusammenklingen, eine Melodie, einen Sound.

Jay hat mittlerweile einigen unserer Arbeiten ein  Prädikat verliehen : SENDEFÄHIG. Ja, wir sind ganz schön stolz, wir Hörspiel-AnfängerInnen.

Aber gehen wir noch einmal zurück zum Anfang. Ich war auf Reisen, als mich die erste Aufgabe erreichte. Ich sollte einfach, was auch sonst, lauschen. Nach den leisen Geräuschen, die anders sind als daheim. Und tatsächlich, das Land, das ich schon so oft bereist hatte, wurde noch einmal ein anderes für mich.

So entstand dieser Text.

Die Blätter säuseln nicht. Wenn der Wind im Nürnberger Reichswald die Birkenblätter bewegt, dann gibt das so ein zartes Wispern, ein Säuseln eben, als würde einem jungen Mädchen etwas ins Ohr geflüstert. Hier, auf der Insel, ist die Luft tropisch feucht, alles verrottet und vermodert, wird nicht beständig gepflegt, und in den Pfützen und Schalen steht das Wasser, lauter kleine Moskito-Zuchtanlagen. Um zu überleben, tragen die Bäume harte, oft riesige Blätter, der Kasuarina, ein Gummibaum, die Bananenpflanze und natürlich die Palmen.

Die Blätter der Banane schaben bei Wind aneinander, manchmal schlagen sie leicht, es klingt wie Holz. Die Palmblätter hingegen rauschen weit oben in den Kronen wie das Meer, wenn es nicht gerade aufgebracht ist.

Ganz anders sind hier auch die Schritte (wenn man Glück hat). Alle tragen ja diese Latschen, Flip-Flops, ob Einheimische oder Touristen, anderes Schuhwerk wäre ja auch sinnlos, wozu? Damit der Sand die Füße aufreibt ? Man kennt ja das Klapp-Klapp von zu Hause, das Flip-Flop, wenn die Sohlen an die Fersen klatschen. Hier, auf der Insel, wenn man Glück hat, klatscht nichts. Das Gehen der Thais ist ein Schlurfen, wenn man es ihnen noch nicht aberzogen hat, es macht nur ein haatsch-haatsch oder tscht-tscht, wenn die Sohlen über den Beton schleifen, Sand dazwischen. Wunderbar. Denn niemand beeilt sich. Niemand hebt den Fuß an, das wäre doch unnötig, ist das Leben nicht schon anstrengend genug?

Am ersten Tag nervt das, wo bleibt mein Kaffee, da schlurft sie herbei, stellt mit beiden Händen vorsichtig die Tasse vor meinen Begleiter hin, lacht uns beide an, weil sie nichts verschüttet hat, dann schlurft sie wieder los, tscht-tscht, um den zweiten Kaffee zu bringen, für mich. Wieder nichts verschüttet! Sie strahlt mich an. Dann bin ich nicht mehr genervt. Ich versuche lieber, zu schlurfen. Langsamer zu werden. Es ist gar nicht so schwer.

Die Frösche sind genauso laut wie die am Weiher, wenn man vom Steinbrüchlein zum alten Kanal geht. Quak.quak, quaaak, quaaak und so weiter. Aber hier gibt es neben den lauten Fröschen auch die leisen Kröten. Sie machen ein mööp-mööp-piep-piep. Das mööp-mööp klingt wie ein Räuspern, ein wenig verdruckst und verklemmt, das piep-piep hört sich mehr wie ein Vogel an, ein ganz kleiner mit sehr heller Stimme, er pfeift in die Nacht.

Die Menschen sind hier so leise. Sie lächeln viel, die Zähne weiß, sie strahlen, gewinnend ist das, jedes Mal wieder, doch sie lachen niemals brüllend laut hinaus. Es ist ein Kichern. Wie von der Kellnerin, die einfach nicht mehr aufhören kann zu kichern, weil ein Tourist seine Stirnlampe angemacht hat, um die Speisekarte besser lesen zu können. Sie hat ja recht, er sieht so albern aus ! Sie versucht immer wieder, ernsthaft seine Bestellung aufzunehmen, doch dann das Kichern, ihr Kollege am Grill kichert schon mit und die Chefin hinten am Tisch mit der Kasse auch.

Ganz besonders leise sind die Kinder. Keines schreit wie am Spieß. Sie weinen manchmal, sie meckern, aber nur kurz und eben leise. Wie machen die Eltern das ? Die Kinder toben am Strand, planschen und lachen, aber sie machen kaum Lärm. Wie geht das? Im Flugzeug kurz vor dem Start, die Kinder müssen sich anschnallen, alle brüllen, nur die Thai-Kinder nicht. Die Mütter halten sie fest im Arm, wippen mit den Beinen, die Maschine startet, und nur die Thai-Kinder kuscheln sich einfach an ihre Mamas, beschweren sich vielleicht leise, schlafen aber bald ein.

Die Schlager brüllen auch nicht so. Helene Fischer. Atemlos durch die Nacht, atemlos will sie immer irgendwas oder irgendwen und schmettert es hinaus im Wissen, denen da unten, die sie so bewundern, denen geht es genauso, die wollen das auch: Liebe, Abenteuer, diesen Mann, diese Frau, ein anderes Leben, leben. Die Thai-Schlager schmettern nicht. Sie sind zart. Sie sind mehr so: lalala, ach ja, diese Sehnsucht, lalala, und in den Videos schauen die Mädchen schamhaft und bescheiden ihre Liebsten an, und die nähern sich vorsichtig, zurückhaltend, oft machen sie erst etwas falsch und bereuen es dann, oh oh, lalala, oh oh, das ist schlimm, wenn man es selber so falsch gemacht hat, aber am Ende steht die Familie immer zu einem. Es gibt nicht dieses laute Wollen , als stünde einem im Leben irgendwas zu.

Es säuselt trotzdem etwas, das Meer natürlich. Eine Insel ist vorgelagert, es gibt kaum Wellen. Das Meer schwappt nur in den Sand und säuselt beim Zurückfließen, wenn sich eine zarte Gischt bildet und sofort wieder verschwindet.

Die Eidechsen machen beim Schlängeln durch die Blätter am Boden ein Geräusch. Nicht wie bei uns die Amseln oder Mäuse, so abgehackt, so hüpf-hüpf, nein, die Eidechsen machen ein längliches Rascheln, gedämpft durch die Feuchtigkeit der Erde.

Und noch ein leises Geräusch gibt es hier anders als daheim. Es ist ein Äh-äääh. Oder ein Oh-oooh. Der erste Ton ist hoch, der zweite tiefer. Es klingt immer ein bisschen besorgt. Wie ein Oh-weeeh ! Das ist der Riesengecko. Er steckt manchmal seinen großen Kopf hinter einem Palmblatt hervor, aber er ist scheu. Meistens hört man ihn nur. Und leise ist er, wenn er sehr weit weg wohnt. Sonst ist er laut, wirklich laut.

Überhaupt ist Thailand oft laut. Die traditionellen Longtailboote knattern mit ihren untraditionellen Motoren, erst tuckern sie langsam los, aber dann, wenn sie Gas geben, versteht am Strand keiner mehr sein eigenes Wort. Die Fernseher sind laut. In den Wohnzimmern, in den Bussen, in den Kneipen, wenn man Pech hat. Liebesschmonzetten ohrenbetäubend. Die Russen sind laut, die Technobeats des Partyvolkes, die Fahrer der Taxiboote (Boat-Boat-Boat!!!, klingt wie Bot-Bot-Bot!!!). Die Fähren dröhnen, die Überlandbusse auf dem Festland, die Generatoren. Vom Stau in Bankok mal ganz abgesehen. Die Thais hassen die Stille. Die Stille ist für sie der Tod, Lärm ist Leben. Nur selbst sind sie leise. Auch beim Trauern. Kurz nach dem Tsunami habe ich einmal einen Thai auf die Katastrophe angesprochen. Sein Lächeln verschwand, er bekam wahnsinnig traurige Augen, sah vor sich hin und sagte nur leise : Ooooh. Ooooh.

 

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