Ludwig Storch, ein vergessener Dichter

Spaziert man aufmerksam durch Kreuzwertheim, fällt einem vielleicht die Tafel auf, die an einem Haus angebracht ist. Sie ist nicht auf den ersten Blick zu sehen, weil sie nicht in Augenhöhe zu finden ist. Man muss seinen Blick schon ein wenig heben, um sie zu bemerken.

Wohn & Sterbehaus

Des DICHTERS

Dr. LUDW. STORCH

Gest.5.Feb.1881

ist dort zu lesen. Ludwig Storch? Nie gehört! Erste Recherchen ergeben, dass er zu seiner Zeit ein durchaus gelesener Dichter war – aber kein Doktor. Also ein Fall für Vroniplag? Nicht immer weiß Tante Wiki alles. Wenn man dann etwas weiter forscht, findet man ausgerechnet bei der Landesbibliothek Gotha – also in der Stadt, die ihn so schlecht behandelt hat – eine Schrift, die mehr über Leben und Werk hergibt.

Ludwig Storch wurde 1803 in Ruhla, Bergstadt und Kurort in Westthüringen, geboren. Sein Vater war Arzt, bei Geburt seines Sohnes jedoch schon im 78. Lebensjahr. Er starb bald darauf. Seiner Frau hatte er das Versprechen abgenommen, den Sohn niemals Arzt werden zu lassen, und so musste der Sohn, nicht einmal 14 Jahre alt, eine Kaufmannslehre antreten. Das ging allerdings schief. Bereits nach 15 Monaten wurde er „unehrenhaft“ entlassen. Der Grund: dichterische Nebenbeschäftigung. Er besuchte zunächst das Gymnasium in Gotha. Das musste er jedoch ebenfalls wegen eines veröffentlichten Gedichts verlassen, aber nicht nur deshalb. In Nordhausen legte er die Reifeprüfung ab. An der Universität Göttingen begann er ein Theologie- und Philosophiestudium, welches er er aber bald wieder abbrach, um sich auf eine Schriftstellerlaufbahn zu konzentrieren.

Bereits 1825 heiratete er Ernestine Schramm, die er schon aus Gotha kannte und die ein weiterer Grund war, weshalb er Gotha verlassen musste. Bereits 1823 hatte sie ihm einen Sohn geboren. In Leipzig soll er ab 1825 seine Studien fortgesetzt und mit dem Doktorexamen abgeschlossen haben. Noch während er Vorlesungen besuchte, erschienen seine Romane und Novellen, schrieb er für Journale, arbeitete als Korrektor und Übersetzer. So konnte er seine Familie trotz Studium ernähren.

Fleiß kann man Storch nicht abstreiten. Er veröffentlichte Romane, Balladen, Gedichte, Erzählungen, Landschaftsbeschreibungen und, insbesondere in der Gartenlaube, auch historische Beiträge. Auf Rat von Alexander Ziegler, einem Reiseschriftsteller, ebenfalls in Ruhla geboren, schrieb er ab 1863 auch Gedichte in Ruhlaer Mundart. Geschäftlich hatte er weniger Glück. Ein 1841 gegründeter Verlag mit Buchdruckerei ging bereits drei Jahre später in Konkurs. Dazu hatte wesentlich die strenge Zensur beigetragen, die das von Storch herausgegebene Blatt für „zensurunfähig“ hielt, weil zu viel gestrichen werden musste. Monopolistische Bestrebungen zweier Gothaer Buchdruckereien taten ihr Übriges. Die Führung eines 1850 von seiner Frau gegründeten Kindergartens „nach Fröbelschen Grundsätzen“ in Nordhausen wurde von der preußischen Regierung untersagt. Storch, der in seiner Heimat, vor allem in Gotha, als Bankrotteur galt und mit Hohn und Geringschätzung behandelt wurde, führte eine Weile ein Wanderleben in Mitteldeutschland, insbesondere in Thüringen, zog 1866 mit seiner Frau nach Kreuzwertheim am Main. Als Pensionär der Schillerstiftung lebte er dort bis 1881, als er an den Folgen eines Hirnschlags starb.

Storch überrascht schon in frühen Gedichten mit einer sozialkritischen Haltung, etwa in dem Gedicht, das er seiner Vaterstadt „Ruhla“ widmet und das er 1820 schrieb, also mit 17 Jahren. Die letzte Strophe lautet:

Was des Fröners Fleiß mit Müh erworben,

frißt des Zwingherrn nie gestillte Gier,

das Gefühl des Mitleids ist erstorben,

nur Gewinn und Habsucht herrschen hier.

In der Vorrede zu seiner Novelle „Maiers Traum“ schreibt der Dichter:

Ich hasse nichts mehr als diese ekelhaften gesellschaftlichen Coterien, die stinkenden Gräber alles besseren öffentlichen Lebens; ich hasse die Menschen, die sich die planmäßige Ausbildung des erbärmlichsten Kleinigkeitsgeistes zum großen Ziel gesetzt, deren faulendes Austerleben sich um Klatsch, Kartenspielen und Tee dreht; ich hasse diese enge, ängstliche Bürgerwelt voll scheinheiliger Lumpe, voll breitmauliger Gesellen, die nur immer sich selbst und ihre großen Verdienste um Welt und Menschheit im Auge haben, die ewig über Freiheit radotieren, schwadronieren, rasonnieren, und zu Hause von einem „lieben Gänschen“ geleitet, mit ekelhafter Breite den Liberalismus zur ungenießbaren Wassersuppe brauen.

Storch war fleißig. Romane und Novellen entstanden am laufenden Band, aus einem ganz profanen Grund: Er brauchte Geld, um die Familie und Verwandte zu ernähren. In einem Brief aus dem Jahr 1836 schreibt er:

Es ist daher meine Pflicht, meine 67jährige alte Mutter zu unterstützen … Ich unterstütze eine Schwester meiner Frau bis zu ihrem Tod. Die Frau wäre bei ihrer langjährigen Krankheit ohne meine Hilfe verhungert … Ich unterstütze Rosalien, die oft krank und elend war, oft des täglichen Brotes mit ihren Kindern entbehrte. Du wirst mir nicht zutrauen, daß ich durch diese vertraulichen Mitteilungen bei Dir prahlen will, dann verloren sie ja allen Wert. Nein, ich will die Menge meiner mittelmäßigen und schlechten Romane nur damit bei Dir entschuldigen …

Das Werk Ludwig Storchs ist im Buchhandel fast nicht mehr vertreten. Einzig sein „Wanderbuch durch den Thüringerwald“ kann noch als Taschenbuchausgabe bezogen werden.

Manche Gedichte und manche Novelle haben sich die modernen Ohne-Papier-Verleger zu eigen gemacht. Es lässt sich ja alles so schön kopieren, etwa aus der Bibliothek Gutenberg oder aus den Quellenverweisen von Wikisource.

Wer sich mit dem Werk von Storch beschäftigen möchte, tut gut daran, sich direkt bei diesen Quellen zu bedienen und nicht die schlecht aufbereiteten E-Books zu Hilfe zu nehmen.

Ihr Horst-Dieter Radke