Lütt Dirn, komm man röwer, ick hebb ne Birn

Schreibstipendium in Mansfeld/Putlitz
Ein Gastbeitrag von Clementine Skorpil – Gewinnerin des Stipendiums „42 Tage Putlitz“ 2018

Viel wurde und wird spekuliert, ob es die Genetik oder die Erziehung ist, die die Menschen prägt. Welche Rolle aber spielt die Landschaft, in die ein Mensch geboren wird, in der er lebt und ist, die um ihn ist als Immerwährendes, dennoch Veränderliches? Hat sie einen Einfluss? Oder hat Gott – von dem wir der Einfachheit annehmen wollen, dass es Ihn gibt – die Mannigfaltigkeit der Landschaft etwa nur geschaffen, um den Literaten ein entsprechendes Repertoire an Metaphern an die Hand zu geben, mithilfe derer die diversen Seelenzustände geschildert werden? So wie es Georg Büchner im „Lenz“ vorexerziert hat? Dann eignet sich hohes Gebirge mit seinen Wetterkapriolen als Analogie zu geistiger, seelischer Zerrüttung, Schizophrenie, Wahn. Wie aber verhält es sich mit der Ebene? Mit einer Landschaft, so flach und sanft, dass man die „Berge“ mit einem entsprechenden Hinweisschild ankündigen muss, damit sie nicht übersehen werden, wie ebenjene Ruhner Berge, die man passiert, wenn man von Mansfeld nach Parchim zum Einkaufen fährt, und die, wie ich Wikipedia entnehme, stolze 176 m in die Höhe ragen. Zwei Fragen sind es also, die sich mit der Topografie in diesem Zusammenhang verknüpfen: Wie formt sie den Charakter, so sie es denn tut, und für welche inneren Zustände kann sie stehen, will man sie in lyrischer oder auch prosaischer Weise verdichten?

Anton Bruckner, dem man ein kleinkariertes, ja, hausbackenes Wesen nachsagt, wohnte und lebte zum Teil im oberösterreichischen Mühlviertel, einer Gegend, die man neutralerweise als karg bezeichnen könnte, vielleicht sogar als öde. Was natürlich ungerecht ist, denn: Es gibt wunderbar wildromantische Landstriche ebendort. Aber: Auch Adalbert Stifter, der Dichter, der durch die Schönheit der Schilderung von Natur die Menschen zu läutern gedachte, lebte und schrieb im Mühlviertel – und starb durch eigene Hand, nachdem ihm Leberzirrhose und anhaltende Depression weitere Existenz unlebbar machten. Hätte Bruckner anders komponiert, hätte er sich etwa im üppigen Salzkammergut angesiedelt? Wäre Stifters „Nachsommer“ ereignisreicher, hätte Stifter sich in Kärnten oder im Tirolerischen verortet? Wir wissen es nicht.

Was bietet die Landschaft der Prignitz rund um Putlitz? Weite. In keiner Richtung wird der Blick geblockt. Ist es also ein großzügiger Menschenschlag, den diese Gegend hervorbringt? Im nahe gelegenen Havelland jedenfalls lässt Fontane seinen Herrn Ribbeck die Kinder großzügig mit Birnen bedenken und ja, dessen Sohn war sparsam und geizig, aber wissen wir, ob dieser Sohn nicht anderswo verdorben wurde?

Wende ich mich nun der zweiten Frage zu, jener, welche Seelenlandschaft der der Prignitz entspräche, so wäre es wohl Ruhe, Gelassenheit. Jene Form der inneren Ausgeglichenheit, nach der der erwähnte Stifter sich sehnte, sie – nachzulesen im Vorwort zu den „Bunten Steinen“ – für wahrhaft groß hielt. Jene Gelassenheit, mit der der Rote Milan über Mansfeld seine Kreise zieht, mit der der Bussard auf den Stangen am Straßenrand sitzt und den Autofahrern entgegenblickt, mit der die Störche im Feld stehen, während die Radfahrerin staunend an ihnen vorüberfährt, keine zehn Meter entfernt.

Ich möge berichten von meinem Aufenthalt dort, in Mansfeld zu Putlitz. Ich berichte: Noch bevor ich dort ankam, gab es Mails und Telefonate. Mit der Gruppe der 42er-Autoren, die mir das Stipendium zugesprochen hat. Und mit Susanne und Gebhard zu Putlitz, die den Stipendiaten jährlich das Häuschen in Mansfeld überlassen, damit diese sich dort schreibend einem Werk widmen können. Ich könne meinen Mann nicht so lang mit den Kindern allein lassen und ob es möglich wäre, sie eine Zeitlang ebenfalls dort unterzubringen. Das sei kein Problem, es gebe genügend Betten, genügend Raum für alle. Unkompliziert – großzügig – gelassen reagierten zu Putlitzens auf mein Ansinnen, meine ganze Familie mitzubringen.

Als ich ankam, mit dem Zug, wurde ich von Susanne und Gebhard zu Putlitz in Pritzwalk abgeholt, denn von dort hätte ich einen Rufbus nehmen müssen. Ich war dankbar für das Entgegenkommen im wörtlichen Sinn. Es folgte eine Einladung zum Abendessen. Dabei lernte ich den Lyriker und Essayisten Jürgen Rennert und seine Frau, Johanna, kennen. Ob ich denn auch eine Lesung machen würde, fragte mich Jürgen Rennert. Würde ich. Und da auch mein Mann, Helmut, nachkäme, könnte ich ihn bitten, das Akkordeon mitzubringen. Er begleitet mich auch in Österreich bei den Lesungen.

Am nächsten Morgen durfte ich mit Susanne und Gebhard zu Putlitz frühstücken. Da zeigte er sich: Majestätisch zog er in den Lüften seine Bahn. Und nein, ich hätte ihn nicht erkannt. Der Hausherr war es, der mir sagte, dass dieser große Vogel der Rote Milan sei. Nach der ornithologischen Unterweisung – auch der Eisvogel brütet in der Gegend – fuhren wir durch Putlitz-Land. Felder und Wälder in Besitz der Familie. Schließlich zeigte mir Gebhard zu Putlitz in der Stadt selbst das elegante, große Herrenhaus, in dem er geboren wurde, jetzt von der Gemeinde als Seminarzentrum genutzt. Auf dem Rückweg nach Mansfeld noch in Laaske vorbei, wo die Großeltern des heutigen Edlen zu Putlitz gelebt hatten. Ein Haus, nein, ein Schloss, nicht ganz einheitlich im Stil, da mehrere Generationen daran gebaut haben. Heute im Besitz eines Hamburger Immobilienmaklers. Ob es ihm leidtäte, dass die beiden Häuser nun nicht mehr ihm gehörten, frage ich. Nein, sagt Gebhard, das müsse schließlich erhalten werden. Und: „Ich hänge nicht an Gebäuden.“

Was für ein Satz – großzügig und gelassen. Gebäude können zu Putlitzens einfach loslassen. Die Menschen aber sind ihnen wichtig. So hat Gebhard zu Putlitz jenes Waldstück von der Gemeinde erworben, in dem der Friedhof seiner Familie liegt. Rührende Geschichten gibt es über die Menschen, die dort in ihren Gräbern liegen. Geschichten, die es wert sind, aufgeschrieben zu werden, was auch geschieht – eine ganze Trilogie zur Geschichte der Familie hat Ulrike Renk geschrieben, sie steht auf der Bestseller-Liste des „Spiegel“.

Zurück in Mansfeld spazierten Susanne zu Putlitz und ich zum Teich, der auch zu dem Anwesen gehört – ein mit Wasserspflanzen übersätes Gewässer, in dem – wie könnte es anders sein – Wasservögel, Taucher, wie ich später erfuhr, ihre Brut das Schwimmen und Leben auf dem Wasser lehren. Frösche gibt es zuhauf, grün mit schwarzen Streifen, die sicher einst von Carl von Linné einen passenden Gattungsnamen verpasst bekamen. Ich kenne ihn nicht. Über der Wasserfläche surren Libellen und auf der durch die anhaltende Sommerhitze verbrannten Wiese fliegen kleine und große Schmetterlinge. Sie finden immer noch Blühendes.

Das Bild des von Blüte zu Blüte schwärmenden Falters ist abgedroschen. Sehe ich ab von der sexuellen Konnotation, können Schmetterlinge und Blumen als Allegorie für den nach Bildern, Wörtern, Sätzen Suchenden herhalten, für die umherschweifende Fantasie, die einmal da, einmal dort etwas entdeckt. Meine Arbeit wurde in Mansfeld beflügelt. Ich habe in den paar Wochen mehr geschrieben als in vielen Monaten davor. Es gibt keine Abwechslung. Rundum die unaufdringlich schöne Gegend, Maisfelder, Windräder, Ruhe, geschenkte Zeit. Die ersten beiden Wochen nur ich und der Laptop.

Fühlte ich mich einsam? Nie! Nicht, weil ich zu den griesgrämigen Einsiedlern gehöre, die angeblich unter Musikern, Künstlern, Literaten weitverbreitet sind und die, schenkt man einschlägigen Biografien Glauben, froh sind, wenn monatelang niemand ihre Kreise stört. Sondern weil jederzeit Menschen da waren, die mir zuhörten, mit mir redeten, mir die Zeit verkürzten. Mit großem Elan wurde vom Ehepaar Rennert meine Lesung vorbereitet, sie fand in der wunderschön ausgebauten Scheune statt, die der evangelischen Gemeinde von Putlitz gehört. Rennert rief bei der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ an. Die schickte Kerstin Beck vorbei, um ein Porträt über mich zu schreiben. Nicht nur dort wurde die Lesung angekündigt.

Die Lesung fand an einem heißen Samstagabend statt, im Fernsehen lief das Halbfinale der Fußball-WM. Ich las aus den „Bösen Geschichten“ und meinem jüngsten Roman, „Langer Marsch“. Helmut spielte Chopins „Trauermarsch“ und anderes. Der Saal war nicht brechend voll. Aber die Zuhörer taten, was Zuhörer tun sollten: Sie hörten zu. Sie stellten Fragen, sie waren präsent. Das habe ich schon anders erlebt. Das Missverständnis, das das Menschsein begleitet und durch Sprache nicht aus der Welt geschafft, ja, manchmal erst erzeugt wird, stand dann zwischen mir und dem Publikum, eine undurchlässige Wand, und alle waren enttäuscht. Ich, weil ich nicht verstanden wurde, das Publikum, weil ihm von einer angeblichen Krimiautorin statt Angstlust und wohligem Schauer über übel zugerichtete Leichen und einem spannenden Rätsel nun chinesische Namen, Zeitgeschichte, Politik serviert wurden.

In Putlitz aber ließen sich die Besucher ein auf die weite Reise – und sie verübelten mir nicht, dass ihnen nun eine, die stets in einem demokratischen Staat westlichen Zuschnitts gelebt hat, etwas über Kommunismus erzählte. Ein herzlicher Empfang auch hier.

Jürgen und Johanna Rennert fungierten auch noch als unsere local guides. Hamburg und Berlin sollten wir meiden, uns stattdessen Ludwigslust, Schwerin, Güstrow anschauen. Wir taten fast wie uns geheißen. Nach Hamburg fuhren wir dennoch – vorwiegend der Kinder wegen, denen wir die große kleine Welt der Modelleisenbahn zeigten. In Ludwigslust und Schwerin machte ich mir im Geiste Notizen zum barocken Lebensgefühl. Der Roman, an dem ich arbeite, spielt im 18. Jahrhundert. In Güstrow folgten wir den Spuren Ernst Barlachs.

„Was inspiriert Sie?“, fragte mich Kerstin Beck, als sie mich für das Porträt in der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ interviewte. Ich gab keine geistreiche Antwort. Habe bis jetzt keine gefunden. Ein Einzelnes zu benennen, fällt mir schwer. Alles zusammen aber hat mich zumindest insofern angeregt, als ich keinen Tag vor dem Bildschirm saß und nichts zu sagen hatte. Mag nicht alles zum Schluss auch bleiben – der Text ist nicht der Text, ein Buch nicht dann geschrieben, wenn der letzte Satz dasteht, sondern wenn der letzte unnötige gestrichen ist. Dennoch ist ein großer Teil des Corpus da. Dafür bin ich dankbar, geschenkte Zeit. Ich konnte sie nicht voll nutzen, musste früher zurückfahren als geplant, weil sich die Lage bei meinen Eltern dramatisch zuspitzte, mein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wir um sein Leben bangten. Er ist noch da. Auch ein Grund, dankbar zu sein.

Birnen haben wir in Putlitz übrigens keine gegessen. Dafür Morellen. Kiloweise. Der Nachbar – Herr Landgraf, ein Pächter der von Putlitzens – brachte einen Eimer (Kübel heißt das bei uns in Österreich) mit Sauerkirschen. Er war schnell leer. Wir durften nach Belieben nachfüllen, direkt vom Baum pflücken. Unentgeltlich, die Menschen hier sind eben großzügig.