Märchen aus Japan
Vor langer Zeit, lebte ein Ehepaar inmitten des Bambuswaldes in einer einfachen Hütte. Manchmal haderten sie mit ihrem Schicksal. Das Dach ihres Häuschens war an vielen Stellen undicht, doch konnten sie sich eine Reparatur nicht leisten. Der Verdienst des alten Mannes als Reisschneider, reichte gerade, um mit dem Nötigsten zu überleben.
Abends, wenn das Ehepaar beim kargen Abendessen saß, sprach das Mütterchen ihrem Mann Mut zu. Denn ihr Glück bestünde nicht aus einem dichten Dach, nicht aus Fleisch, das jeden Tag auf den Tisch käme noch aus Schmuck und schöner Seide, wie sie erklärte, sondern darin, dass sie abends gemeinsam ihren Tee tranken und den Abendliedern der Vögel lauschten. Mit leuchtenden Augen zog sie ihren Mann hinaus und servierte den Tee.
Ihr Ehemann aber spürte ihren Verdruss. Nicht wegen der materiellen Dinge, sondern ihr schweres Schicksal, nicht mit einem Kinde gesegnet worden zu sein. Das war ihrer beider größter Wunsch gewesen.
Eines Tages, als der Alte zum Reisschneiden aufbrach, ging die Frau mit einem Korb voller Wäsche an den Fluss, um diese dort zu waschen. Sie zog bereits das alte Hemd hervor, als etwas im Wasser auf und ab schwankte. Was war das? Ein Pfirsich? Ein monströser Pfirsich! Hastig stellte sie den Korb beiseite, suchte sich einen langen Ast, angelte nach der leuchtenden Frucht und lenkte sie zu sich. Erstaunt über die Größe des Pfirsichs nahm sie ihn aus dem Fluss und trug ihn heim. Aufgeregt legte sie ihn auf den Tisch und konnte an nichts anderes mehr denken, als die freudigen Augen ihres Mannes, wenn er diesen Pfirsich zu sehen bekäme! Wann hatten sie das letzte Mal süße Früchte naschen können? Sie seufzte und schritt nervös auf und ab, bis sich endlich die Tür öffnete.
„Wie schön, dass du wieder zu Hause bist. Sieh, was ich heute gefunden habe! Lass es uns gleich schmecken!“
Der Mann machte Augen. „Das ist der größte Pfirsich, den ich je gesehen habe. Das ist wirklich eine Überraschung“. Er nahm ein Messer, um den Pfirsich zu teilen. Als er die Klinge anlegen wollte, fiel die Frucht in zwei Teile auseinander und es lag ein kleiner Junge dort, wo sonst der Kern wuchs. Er breitete freudig die Arme nach den beiden Leutchen aus.
Diese schlugen sich die Hand vor den Mund und dankten mit Tränen in den Augen Gott für dieses himmlische Geschenk und nannten das Kind Monomato, was Pfirsichjunge bedeutete.
Sie zogen den Jungen mit großer Liebe groß. Auch das Kind liebte die beiden Alten. Er war von reinem Herzen, schöner, stärker und intelligenter, als andere Kinder. Er half seinem Vater bei allen Arbeiten und entwickelte geschickte Hände.
Als er älter wurde, ließ ihm der Gedanke keine Ruhe, wie er sich für all die Liebe bedanken könnte, die das alte Paar ihm über Jahre erwiesen hatte. Wie er ihr ärmliches Leben zu eines in Wohlstand verwandeln könnte.
Abends in seinem Bett aus Stroh kam ihm die Idee, am nächsten Morgen zum Tempel zu laufen, und dort in einem inbrünstigen Gebet nach Rat zu fragen.
Nachts träumte er, wie er zur Insel Onigaschima reiste. Dort lebten die Oni, das waren böse Geister und niemand wagte, sich dorthin zu begeben. In seinem Traum sah er all die Schätze, die die Oni den Menschen geraubt hatten und wie er die Dämonen mithilfe der Götter in Tiergestalten besiegte und all die Kostbarkeiten von dort mitnahm.
Am nächsten Morgen rannte er sogleich zu seinem Vater und erzählte ihm von dem Traum und bat um seine Erlaubnis, dorthin reisen zu dürfen, um die Dämonen zu besiegen. Die Alten blickten sich bestürzt an. Ihr geliebter Junge wollte sie verlassen. Er wollte in den Krieg ziehen! Die Oni besiegen. Der Alte nickte seinem Sohn zu und strich seiner Frau über ihr silbriges Haar. „Sorge dich nicht. Er ist ein himmlisches Kind und ganz sicher wird er große Beschützer haben und unversehrt zurückkehren.“ Die Frau blinzelte die Tränen weg und eilte voller Gottvertrauen in die Küche, um Momotaro Reiskuchen zu backen, als Proviant.
Der Junge marschierte an den Reisfeldern vorbei, die im Sonnenlicht glitzernd vor ihm lagen. Auf dem Weg saß ein struppiger, grauer Hund, der sich zu ihm gesellte und mit dem Schwanz wedelte. „Wo gehst Du hin?“, wollte er wissen.
„Ich reise zu den Oni, um sie zu besiegen!“, erklärt Momotaro mit fester Stimme.
„Ich würde dich gerne begleiten und mit dir kämpfen, aber ich bin entsetzlich hungrig. Wenn du mir von den duftenden Reiskuchen aus deiner Tasche abgibst, werde ich dein treuster Gefährte sein und Gefahr schon aus der Ferne wittern.“
Der Junge nickte und fütterte den Hund mit etwas Reiskuchen.
Als sie an den Gemüsefeldern ankamen, wurden sie misstrauisch von einem Affen beäugt. Nervös sprang er auf und fragte, was sie hier wollten.
„Ich denke, wenn hier jemand etwas im Schilde führt, dann bist das doch sicher du, verehrter Affe. Oder interessieren dich die schmackhaften Gurken gar nicht, die dort wachsen?“
Das Tier blickte verstohlen zu Boden. „Du hast recht, ich wollte mir gerade den Bauch vollschlagen. Mir ist schrecklich langweilig und Hunger habe ich auch. Vielleicht kann ich euer Weggefährte werden?“
Der Hund knurrte. „Wir reisen in die Schlacht, um böse Dämonen zu bekämpfen. Das ist nichts für dich!“
Der Affe schlug sich die Faust auf die Brust und knurrte ebenso furchteinflößend. „Ich bin mutig wie zwei von dir und ich bin listig. Schleichwege sind mein Spezialgebiet und jeden schlage ich in die Flucht, der sich uns in den Weg stellt.“
Der Hund wollte protestieren, doch Momotaro deutetet eine Handbewegung an, worauf beide verstummten.
„Wenn du wirklich so mutig bist, wie du sagst, dann nimm ein Stück Reiskuchen und begleite uns.“
Sie hatten beinahe den Strand erreicht, als ein Fasan angeflattert kam.
„Verehrte Krieger, ich habe euch schändlich belauscht, mich aber nicht getraut, etwas zu sagen. Doch nun möchte ich euch bitten, mich in die Gruppe aufzunehmen, um die grausamen Oni zu stellen.“
Der Affe kicherte. „Du bist doch kein Kämpfer!“
Der Fasan stob in die Luft und flatterte um den Affen hin und her, sodass diesem ganz schwindelig wurde.
„Einverstanden“, rief Momotaro, um dem Geflatter ein Ende zu setzen. „Du scheinst mutig genug zu sein, um uns begleiten zu dürfen.“
Mit einem kleinen Boot fuhren sie direkt zur Insel, die sich aus einem wolkenverhangenen Himmel herausschälte. Auf den Klippen ragte eine Burg in die Höhe.
„Hör gut zu Fasan. Du bist unsere Vorhut und fliegst zur Burg und forderst die Dämonen zum Kampf heraus. Berichte ihnen, dass Momotaro gekommen ist, sie zu vernichten. Sollten sie sich ergeben wollen, dann müssen sie sich die Hörner abschlagen und um Gnade bitten.“
Der Vogel nickte, stob in den Himmel und flog zur Burg.
Das Boot erreichte schließlich die Insel. Der Affe sprang gleich heraus und fand einen geheimen Gang, der direkt in die Burg führte. Der Hund erschnüffelte die Kobolde, die Momotaro mit seiner Keule in die Flucht schlug.
Plötzlich kam der Höchste der Oni hinter einer Mauer hervorgesprungen und brüllte, dass die Wände bebten, doch Momotaro schwang erneut seine Keule und verdrosch den bösen Geist. Der Hund biss dem Dämon in sein Hinterteil. Der Affe sprang ihm auf den Kopf, hielt ihm die Augen zu und biss in seine langen Ohren.
Das Oberhaupt der Dämonen rief erfolglos nach seinen Kumpanen und bat schließlich um Gnade und gab sich geschlagen. Er wolle Momotaro sofort alle seine geraubten Schätze überlassen, wenn er ihn verschonen würde.
Der Oberdämon führte sie zu den Schätzen, wo der Fasan um die anderen Oni herumflatterte und ihnen in die Augen pickte. Als er Momotaro, Hund und Affe erblickte, setzte er sich mit stolz aufgeblähtem Gefieder auf einen Mauervorsprung, um auszuruhen.
Nun wurden die anderen Oni gewahr, dass ihr Anführer gefangen war, ergaben sie sich hastig und mussten alle Schätze zum Boot bringen.
Das alte Paar staunte und freute sich, als Momotaro wohlbehalten mit Gold, Silber und Seide zu ihrem Haus zurückkehrte. Sein Mut sprach sich im ganzen Land herum, sodass eine hübsche Prinzessin ihn besuchen kam. Der alte Mann hielt im Namen Momotaros um ihre Hand an, worauf sie heirateten. Alle lebten sie glücklich und verbrachten noch viele glückliche Jahre miteinander.
Nacherzählt von Birgit Gürtler
