Teil 2 einer Collage von
Tom, magico, Ulis S., Antje, (Katla), Beate, Christoph und Michael Höfler
Er dachte an die Worte aus dem Brief, die davon erzählten, wie er für seine damalige Freundin, deren Namen er tatsächlich vergessen hatte, mit der Hand Fische gefangen haben soll. Ja, diesen Hanspeter hatte es einst gegeben. Er griff nach dem Stofffisch, aber die junge Frau sagte: „Halt!“ Er hielt in der Bewegung inne.
„Der Fisch ist dein Schlüssel. Du darfst ihn auf keinen Fall verlieren.“
Der kleine Hund bellte zur Bestätigung, wirbelte dann herum und verschwand im Gebüsch.
„Der Schlüssel?“, echote Hanspeter.
„Wenn du ihn verlierst, kannst du nicht zurückkehren“, sagte sie und lächelte dabei wie jemand, der einem etwas verkaufen möchte, das man auf keinen Fall braucht, aber unbedingt haben muss.
„Zurückkehren?“ Hanspeter kam sich allmählich wie die Rückspulfunktion eines Kassettenrecorders vor.
Sie nickte. „Wozu du das Handtuch brauchst, solltest du aus den Büchern wissen.“
Dieses Mal wiederholte er nichts. Er griff nach dem Fisch.
Als er ihn berührte, war schlagartig die Welt verschwunden.
***
Schwärze umfing ihn. Von irgendwo kam ein schwacher Lichtschein. Bevor er panisch werden konnte, hallte das Echo der Frauenstimme nach: „… solltest du aus den Büchern wissen … solltest du aus den Büchern wissen …“
Aus welchen Büchern? Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt wirklich ein Buch gelesen hatte. Vor allem: In welchem davon waren Handtücher vorgekommen?
Etwas verwirrt sah er auf die Gegenstände in seinen Händen. Rechts der Stofffisch, links das Handtuch. Seine Füße waren immer noch nass.
Es tropfte aus einer unbestimmbaren Richtung. Oder war es ein Piepen?
Tatsächlich! Langsam schwoll die Lautstärke des Geräusches an und erinnerte ihn entfernt an das Warnsignal, wenn ein Lkw rückwärts fuhr.
Und plötzlich war da dieser Gestank. Alter Fisch, kalter Zigarettenrauch, faulige Bananen …
***
Alles um ihn herum drehte sich. Hanspeter kannte das Gefühl aus der Röhre der Superlutscher-Rutsche im Spaßbad. Darin war ihm immer so schlecht geworden, dass er getreu dem Motto „Alles muss raus“ auf die Toilette raste. Er ging nur dann in die Röhre, wenn er wieder einem Mädchen imponieren wollte. Aus den Lautsprechern dröhnte: „Hello Mary Lou“ – hieß sie nicht Mareike?
Der Müllgestank wich dem Duft der Großen Freiheit, und plötzlich lag eine bunte Blumenwiese vor ihm. Feen in weißen Minikleidchen tanzten schwebend über der Wiese. Hanspeter schwang das Handtuch wie ein Lasso über seinem Kopf. Marc Bolan sang „I drive a Rolls Royce, ‘cause it’s good for my voice”, und Hanspeter grölte mit. Auch bei „Pretty Belinda” juckte es in den Beinen. Die Bücher, egal. Vielleicht hatte er sich getäuscht, es gab die „Strawberry Fields Forever“ tatsächlich und auch ein Leben nach dem Tod, viel bunter als er es sich hätte träumen lassen.
Dann spürte er wieder den Stofffisch in der rechten Hand und wusste, es war noch nicht das Ende.
***
M – M wie Mama, jetzt hatte er es, jetzt hatte Hanspeter das Rätsel gelöst! Die Fischstäbchen, natürlich, mit Pommes und Spinat, und die schönen Geschichten – der „Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“, ja, Bücher gab es auch. Jetzt stand sie vor ihm, seine Mama, die Hände in die Hüften gestemmt, es roch nach Fett, und Hanspeter sagte: „Bin ich im Himmel?“
Die Mutter fluchte, ein unverständlicher Strom von Kraftausdrücken, ihr liebes Gesicht gerötet, ihr Schalke-Hoodie grau von der Liebe und den Jahrzehnten. „Junge, Junge!“, ihre Stimme wurde immer lauter. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass die Dinge niemals einfach sind? Die Dinge sind immer kompliziert! Du weißt, welches Buch, Piddelmann.“
Piddelmann. Wie früher. Hanspeters Augen wurden feucht.
„Mama!“ Er steckte die Hände aus. Aber sie verschwand mit einem diabolischen Heulen.
Zurück blieb nur ein Bild. Ein dickes Buch. Der dunkelrote Einband, die Eselsohren. Und die Seite, die er als Kind penibel herausgetrennt hatte: die Seite 42.
***
Da war er noch klein gewesen. Die Zeichnung hatte ihm Albträume beschert, weil er dachte, dass alles, was in dem roten Buch stand, wahr werden würde, und weil er wusste, dass – obwohl alles in Schwarz-Weiß gezeichnet war – die Tropfen und Lachen auf dem Bild Blut und nicht Wasser war.
Er drückte den Fisch, der sich feucht-klebrig anfühlte. Seine Beine hätten nachgegeben, hätte er nicht sowieso im Gras gesessen: Was hatte auf der Seite 41 gestanden, der Vorderseite des Blattes? Wenn sich tatsächlich alles erfüllte, was in dem Buch gestanden hatte, was bedeutete das für die Seite 41?
Und als seien seine Gedanken nichts anderes als Bestellungen an das Universum, färbte sich der See, der nun wieder neben ihm ans Ufer schwappte, rot und verströmte einen metallischen Geruch. Wie kleine Boote dümpelten Bücher darauf. Die verbotenen Bücher, die er heimlich unter der Bettdecke gelesen hatte. Ja, da war etwas mit einem Handtuch … Aber woher wusste Mama das?
***
„Ein Handtuch ist ein sehr nützlicher Gegenstand.“
Die Stimme schien aus dem blutroten See zu kommen. Hanspeter stand auf, um besser sehen zu können. Aber da war niemand. Da waren nur die Bücher und der intensive Blutgeruch. Speichel sammelte sich in seinem Mund. Er schluckte. Jetzt bloß nicht kotzen!
„Du kapierst es nicht, oder?“
Die Stimme kam aus einem Buch, das nah am Ufer trieb.
„Bücher können nicht sprechen“, hörte er sich sagen.
„Jetzt pass mal auf, Piddelmann.“ Das Buch lachte gehässig. „Da du geistig ja leider etwas – nun ja – beschränkt bist, gebe ich dir einen weiteren Tipp.“
„Tipp?“
„Konzentrier dich, verdammt nochmal!“
Hanspeter straffte sich. Das konnte doch alles nicht wahr sein!
„Deine Mutter weiß alles. Und wenn ich sage alles, dann meine ich auch alles. Auch, was du mit Seite 42 du-weißt-schon-welchen Buches getan hast.“
Vor Scham hätte er sich am liebsten in Luft aufgelöst.
„Und noch etwas“, sagte das Buch.
„J-j-j-ja?“, stammelte Hanspeter.
„Verlier auf keinen Fall den Fisch.“
***
Die jüngere Version seiner Ex, ein sprechendes Buch, ein blutender See, schwimmende Bücher, die Reinkarnation seiner vor zehn Jahren verstorbenen Mutter. Da waren aber nur der Stofffisch und das Handtuch, das ihm auf einmal um den Hals hing. In seiner Hand das gräuliche Polyester-Artefakt, vermutlich ein Seelachs. Hanspeter frug sich, wer oder was das stofferne Ding so klebrig gemacht hatte. Die Erinnerung an das Handtuch damals mischte sich mit dem Handgefühl des Fisches, und ihm kam das Wort „Tschurifetzn“ in den Sinn. Er hatte diesen Ausdruck für Intimtuch zur Wendezeit von einer Kurzzeit-Liaison in Wien gelernt. Diese Klebrigkeit war eine etwas andere, aber sie musste weg! Ihm fielen die laschen, ausladenden Wülste auf, die so ein Stofftier für seine Form nicht brauchte. Wendezeit! Hanspeter drückte seine pappigen Finger in den pappigen Fischbauch. Das Ding ließ sich umstülpen! Auf einmal hielt er einen neuen, flauschigen Gegenstand in der Hand, darauf geflockt „§ 2“.
