Teil 3 einer Collage von
Tom, magico, Uli S., Antje, (Katla), Beate Chtistoph und Michael Höfler
Aber im Inneren dieses flauschigen Gegenstands, der entfernt Quaderform hatte, spürte er einen weiteren, härteren Gegenstand, umgeben von schützender Watte oder vielleicht Wolle. Als Hanspeter jetzt Druck ausübte, hörte er ein Muhen, wie aus dieser Dose, die ihm seine Mutter damals in den Bergen als Andenken gekauft hatte, und auf der eine Kuh abgebildet gewesen war, wiederkäuend auf einer Gebirgsalm. Nein, das war kein Muhen, das war ein Wort, das eine krächzende Automatenstimme sagte. Ein englisches Wort. Genauer genommen ein Name. Die Stimme muhte: Murphy. Immer wieder. Murphy.
Gesetz Nummer zwei. Murphy. Das hatte keinen Sinn. Er kannte Murphys Gesetz, ohne Zusatz „erstes“: Was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Gab es ein weiteres? Und wenn ja, wie lautete es?
Plötzlich tröpfelte Erinnerung in sein Bewusstsein. Diese alberne Runde am Ende der Studienzeit. Sie hatten sich fast abendlich getroffen, in der Kneipe, und Quatsch geredet, lachend, trinkend, ihr leichtes Leben feiernd.
***
Unbeschwerte Zeiten. Bis zu jenem letzten Abend, als Murphy zugeschlagen hatte.
Da er direkt vom Baggersee zu der Runde gestoßen war, hatte er seinen Rucksack mit den Badesachen dabei. Ein rosafarbenes Handtuch hatte herausgeschaut, weil er in der Eile alles schnell hineingestopft hatte.
Natürlich zogen seine Kommilitonen ihn wegen der Farbe auf und er war zu stolz, um ihnen zu sagen, dass es Mareikes Handtuch gewesen war.
Schließlich endete es damit, dass er dieses Handtuch in Bier getränkt und damit „Peitschenhiebe“ verteilt hatte, bis sämtliche Biergläser zerbrochen, alle Stühle umgefallen und der Boden nass und klebrig gewesen waren. Sie waren hochkant rausgeflogen.
Am Nachbartisch hatte Mareike, von der er nicht gewusst hatte, dass sie da war, alles schockiert mit angesehen.
***
Mareike, faselte Hanspeter vor sich hin. Sie war der Schlüssel des Rätsels. M-M-M: Mareike, Murphy, Mutter. Dazu der Stofffisch, mutiert zu einem krächzenden Lautsprecher, das Handtuch und Buchseite 42.
Eine verletzte Seele bringt dich schneller um als ein Bazillus. Das hatte Mareike ihm mitgegeben. Lass die grauen Wolken hinter dir und folge der Sonne. Das war ihr 2. Gesetz. Es hatte nichts mit Murphy gemein. Murphy war destruktiv, Mareike schäumte über vor Unternehmungslust. Nichts ging schief mit ihr!
Das Handtuch, sie hatte es immer bei sich, schließlich konnte irgendwo ein Tümpel lauern, in den sie springen und dem sie mit triefend nassen Haaren und einem breiten Lachen entsteigen konnte. Mareike kämpfte gegen die Negativität, die Murphy und Mutter verkörperten.
Auf Buchseite 42 standen Musik, Morgensonne und Maiglöckchen. Dort, das wurde Hanspeter augenblicklich klar, wo sie zusammentrafen, würde er die Geheimnisvolle treffen, die ihm den Brief geschrieben hatte. Und der Stofffisch war das Erkennungszeichen.
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Hanspeter riss die Augen auf. Alles tat weh. Er lag am Ufer des Tümpels. Es dämmerte, und niemand war zu sehen. War alles bloß ein Fiebertraum gewesen?
Er stöhnte und streckte die Finger aus. Ertastete etwas Klebriges. Der Fisch war noch da! Hanspeter stemmte sich hoch und nahm ihn in die Hand. Bewegte ihn hin und her. Murphy. Muuuuuuuurphy.
Er stutzte. Von wegen Seelachs. War das nicht eine Makrele?
Mareike und er, am Ende jenes Abends. Sie hatten auf dem Bürgersteig gesessen, unter der trüben Laterne. Und Mareike hatte beschlossen, auf Murphys 1. Gesetz zu pfeifen. Alles wird gut, hatte sie gelacht. Wenn ich ein 2. Gesetz hab, kriegt Murphy auch eins verpasst.
Betrunken, verliebt und albern hatten sie es notiert. Mit Lippenstift auf eine Brockhaus-Seite. Er hatte das Lexikon immer dabei, aus Angst, sich zu blamieren. Jetzt opferte er gerne ein Blatt – die Seite mit M wie Murphy. Wie Massaker, Maiglöckchen, Morgensonne. Und M wie Memento, verdammt! Wie hieß Murphys zweites Gesetz?
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Er kam nicht drauf, ER KAM NICHT DRAUF!!! Tränen schossen in seine Augen, er schluchzte, bekam Schluckauf – wie damals als Kind, wenn die Mutter die Hände in die Hüften gestemmt und geschimpft hatte – war wieder Piddelmann und heulte „Mama“, obwohl er wusste, dass das die Mutter nur noch wütender gemacht hätte.
„Moment! Ich hab‘s gleich!“, schrie er trotzig, denn dunkel war da etwas, und das hatte mit Murphy zu tun. Und mit seiner Mutter und Mareike. Eine blöde Kuh hatte Mareike sie genannt und Hanspeter hatte nicht widersprochen.
Wein, Lippenstift, eine Seite aus dem Brockhaus, aber das war nicht die Seite 42. Was hatte die damit zu tun? Mutters Strafe für Seite 42, ja und Mareike und Murphys zweites Gesetz. Nicht zu verwechseln mit Mareikes zweitem Gesetz … Er führte den Fisch an die Nase, er roch tatsächlich nach Räuchermakrele, wie ging das mit der Klebrigkeit zusammen? Gar nicht.
„Halte dich nicht mit Nebensächlichkeiten auf“, sagte jemand in seinem Kopf.
„Aber der Fisch …“
„Den darfst du nicht verlieren, das ist das einzig Wichtige an ihm. Du bist der Lösung schon ganz nah, lass dich nicht ablenken!
***
Lippenstift auf Lexikonblatt? Sie hatten damals in ihrer Ferienwohnung in Perpignan zwei Flaschen Roussillon geleert, noch ehe sie draußen den Sommerabend im Jasminduft genossen. Mareike bestand darauf, dass sie sich eine Verpflegung in Form von Erdbeertoast mitnahmen. Butter und Marmelade waren schnell auf zwei Toastscheiben geklatscht.
Unten auf der Straße stolperte Hanspeter mit den Toasts über den weißen Bordstein, den er übersehen hatte. Die Toasts landeten auf dem Trottoir, jedoch überraschenderweise mit der Marmeladenseite nach oben! Nur eine Sekunde später stolperte Mareike. Mit dem Leinenkleidchen, das sie trug, fiel sie seitwärts — zielgenau mit beiden Pobacken jeweils auf einen Erdbeertoast. Die dritte Flasche Roussillon, die sie trug, zerschellte, und der Wein schwappte unter das Kleid zu den Toastresten. Erstaunlicherweise kam sie prustend auf den korrekten Wortlaut von Murphys erstem Gesetz: „Alles, was schief gehen kann, geht schief.“ Und dann sagte Mareike: „Nicht alles, jeder!“
