Murphys Zweites Gesetz

von 42er

Teil 1 einer Collage von:

Tom, magico, Uli S., Antje, Katla, Beate, Christoph und Michael Höfler

Hanspeter konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt einen handgeschriebenen Brief erhalten hatte. In seinen jungen Jahren, vor Dekaden, hatte er eine innige, lange währende Brieffreundschaft gepflegt, die tatsächlich eine Briefliebe gewesen ist, während derer hunderte Briefe entstanden waren. Was wohl aus Caro geworden ist? Er verdrängte den Gedanken gleich wieder, weil es nur zu Frust führte, wenn man tiefer in der Vergangenheit grub. Kürzlich hatte er auf Facebook ein Bild von Stefanie gefunden, seiner ersten Langzeitfreundin, die er bis zu diesem Moment als gutaussehende Zwanzigjährige in Erinnerung gehabt hatte: Jetzt war sie eine alte Frau. Genau wie er ein alter Mann war. Ein älterer Mann, wie er sich gerne einredete.

Ein Brief also. Handadressiert, handgeschrieben, aber ohne Absender und ohne Unterschrift. Einfacher Umschlag, einfaches Papier. Mit einem Poststempel, der nichts aussagte. Immerhin in Deutschland in den Kasten geworfen.

Er begann zu lesen.

***

Lieber Hanspeter,

ich weiß, wie seltsam es dir erscheinen mag, dass ich mich nach so vielen Jahren bei dir melde, und ja: Auch ich finde es wenigstens ungewöhnlich.

Aber ich kenne ebenfalls deine niemals versiegende Neugierde. Zumindest hoffe ich das. Damals, in jenem Sommer, als wir uns kennenlernten (also … als ich dich kennenlernte), warst du der aufgeweckteste Typ, der mir je untergekommen war.

Du hast auf dem Handtuch am Fluss gelegen. Neben dir, dieses Mädchen, von dem ich immer wusste, dass sie nicht bei dir bleiben wird.

Wie du mit bloßer Hand einen Fisch gefangen hast, nur um sie einmal kreischen zu hören, oder wie du von der alten Weide einen Kopfsprung in die einzige tiefe Stelle gewagt hast, daran erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen.

Auch deinen beruflichen Ein-, Auf- sowie Ausstieg habe ich mit Begeisterung verfolgt. Deine Hobbies sowieso. Aber so viel weiß ich: Tennis ist nicht dein Sport. Du solltest lieber wieder Schach spielen. Vielleicht mal gegen mich.

Und jetzt fragst du dich sicher, wer dir überhaupt schreibt. Eventuell siehst du dich auch gerade um, ob dir jemand über die Schulter blickt? Doch, sei unbesorgt. Ich bin keine Stalkerin.

Wenn allerdings immer noch dieser Funke der Neugier in dir sprüht, komm am Sonntag, um 19 Uhr, zum Steg am Waldteich.

Ich denke, wir werden uns bald sehen.

Viele Herzensgrüße

M.

P.S. Eventuell wäre ein Handtuch nicht verkehrt.

***

Hanspeter zog die Lesebrille von der Nase, legte den Brief auf den Tisch und lugte hinaus. Sein Blick schweifte über den Garten.

Mareike oder Manuela? Der Brief verwirrte. Was würde er dafür geben, Mareike wiederzusehen! Zwei Sommer lagen sie im hohen Gras, unten am Fluss. Sanft zauberten ihre Finger wohlige Schauer auf seinen Körper. Jetzt kribbelten höchstens Fliegen auf der Haut.

Manuela zu begegnen, vermied er, egal wo sie auftauchte. Kein Wiedersehen mit ihr, niemals. Die alte Zicke hatte ihm genug angetan!

Der Wind peitschte dicke Tropfen gegen das Küchenfenster, dessen Rahmen schon lange nach einem Anstrich gierte. Im Kleiderschrank lagen verblasste Bluejeans, T-Shirts und karierte Hemden. Wann hatte er sich zuletzt in Schale geworfen, seit er hierher aufs Land gezogen war? Vergessen.

Alles, was er sich für den Tag vorgenommen hatte, unwichtig. Hanspeter machte sich auf den Weg zum Waldteich, um ein Versteck zu suchen, von dem er unentdeckt den Steg im Blick hätte.

***

Er stellte seinen Volvo auf dem Wanderparkplatz am Waldrand ab. Ein einziger Wagen stand schon dort im Regen – ein knallrotes BMW Cabriolet. Ein Oldtimer, der ihm vage bekannt vorkam. Weit und breit war niemand zu sehen.

Von hier aus ging es nur noch zu Fuß vorwärts. Wurzeln zogen sich über die aufgeweichte Erde; Hanspeter musste sich konzentrieren in seinen ausgelatschten Turnschuhen. Ohnehin war er lang nicht mehr so weit gelaufen,; ein ausgeprägter Knickfuß hatte ihm in den letzten Jahren einen Strich durch die Rechnung gemacht.

War der Waldteich früher nicht ausgeschildert gewesen? Und warum wollte M. sich unbedingt an diesem Ort treffen, den die letzten Hitzesommer in einen stinkenden Tümpel verwandelt hatten?

Die Wildsträucher schienen sich hinter ihm zu schließen, sobald er den Weg passiert hatte. Er hätte wirklich sein Handy einpacken sollen.

Mareike. Süße Mareike. Ihre roten Wangen. Diese Grübchen, wenn sie verstohlen grinste. Für Mareike würde er sofort aus dem Versteck springen.

Hanspeter taumelte.

***

Hanspeter stolperte im Zickzack vorwärts, kurzatmig und dehydriert, glaubte fast an eine Halluzination, als jenseits des Unterholzes Wasser glitzerte. Er duckte sich. Kroch ein Stück auf den Knien weiter und linste zwischen den Blättern hindurch. Am Ufer saß jemand. Mareike – untrüglich! So, wie er sie in Erinnerung hatte: Ein Polka Dot Kleidchen, Laufmaschen in den Nylons, den Kussmund nicht zu rot geschminkt und die Locken unordentlich aufgesteckt, als wäre sie gerade aus dem Bett gefallen. Frech, sexy. Jung.

Jung?

Sie hob den Kopf, schaute zu seinem Versteck. Kniff ein Auge zu und legte zwei Finger wie eine Pistole auf ihn an. „HP, du miserabler Versteckspieler! Mutter sagte ja immer, du wärst der Tollpat…“

Hanspeter überdeckte einen Schreckenslaut mit einem Husten, erhob sich (so hastig es der Rücken zuließ) und klopfte die Hose ab. Nichts davon brachte Ordnung in seine Gedanken. Da war nur das Gefühl, in der Falle zu sitzen. Etwas Wichtiges vergessen zu haben, mit Mareike damals.

***

„Ma…“, aber sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. Sie legte den Finger auf ihre Lippen. Lächelte. Er blickte zu ihr hinüber.

„Setz dich doch“, sagte sie.

Er machte ein paar Schritte auf sie zu.

„Nein, nicht hier, setz dich da drüben hin.“

Er gehorchte ihr, setzte sich in etwa drei Metern Abstand hin. Er spürte die Feuchte des Grases durch seinen Hosenboden. Sie zupfte nervös Halme aus der nachgiebigen Erde, lächelte wieder. Keine Grübchen! Da waren keine. Der rot geschminkte Mund war nicht Mareikes. Aber es war Mareike, oder? Das war sie doch. Eindeutig!

„Die Zeit hat es gut mit dir gemeint“, wagte er einen neuen Anlauf.

Sie runzelte die Stirn. „Woher willst du das wissen?“, fragte sie streng.

Hanspeter ließ verlegen den Blick von ihr weg über den Steg, den See wandern. Eine Kinderzeichnung schob sich in seinen Kopf, ihm vor langer Zeit zum Geburtstag geschickt – von der Tochter seines besten Freundes … oder einer seiner Nichten?

„Hast du an ein Handtuch gedacht?“

***

„Handtuch?“

Er sah zu der brackigen Pfütze, die früher einmal der „Waldteich“ gewesen war. Das Wasser war höchstens einen halben Meter tief. Jemand hatte eine Kühlbox hineingeworfen. Hier war schon lange niemand mehr geschwommen.

„Ist ja auch egal“, sagte die fremde Frau unvermittelt. „Nimm einfach das hier.“

Sie warf ihm ein bunt gestreiftes Badetuch zu. Er griff daneben und es landete neben seinen Füßen im Gras, wo er es ratlos ansah.

„Du bist also Mareikes Tochter.“

Sie legte den Kopf schief und sah ihn interessiert an. Er schätzte die Frau auf Anfang, vielleicht Mitte dreißig. Genauer konnte er es beim besten Willen nicht sagen. Wann war das damals mit Mareike zu Ende gegangen? Er durchforstete seine Erinnerungen nach einem Anhaltspunkt. Gleich nach dem Studium. Er hatte gerade bei Jansen angefangen. Kurz danach war dann Schluss. Er rechnete, verwarf das Ergebnis und rechnete noch einmal. Das konnte doch nicht sein. Unmöglich. Und wenn doch?

„Ich bin nicht deine Tochter, falls du das denkst.“

***

Hanspeters Kopf drehte sich zurück zu der Pfütze, als hätte die Kühlbox a. D. dort hilfreiche Erinnerungen für ihn konserviert. Der Anblick dieses Dings half nicht, kühlen Kopf zu bewahren. Sein Blick schwenkte wieder zu dem weiblichen Wesen im Pünktchenkleid. Von Locken umspielte sanft geweitete Augen blickten ihn belustigt an. Etwas Totgeglaubtes kribbelte in Hanspeter, wollte von der Vitalität dieser Frau ergriffen werden. Etwas anderes aber formte die Worte: „Du kennst mich gar nicht und lockst mich mit diesem Brief hierher!? Geht’s noch?“

„Ja!“ Mareikes junge Wiederkehr knabberte an einem Grashalm und strahlte ihn an.

„Und jetzt?“

Nun strahlte sie noch mehr. „Jetzt kannst du was erleben!“
Es raschelte von den Wildsträuchern her. Ein wuscheliges Hundebündel sprang aus dichtem Grün und kam fröhlich auf Hanspeter zu getapst. Einen Armbreit vor seinem Knickfuß blieb es stehen und ließ den Gegenstand fallen, den es im Maul trug. Einen Fisch aus Stoff.

Fortsetzung folgt