Neues von Frau Holle

von 42er

Horst-Dieter Radke

Wir kennen es alle, dieses Märchen, das die Grimms in ihre Sammlung aufgenommen haben. Frau Holle schüttelt ihre Betten aus und es schneit. Kommt ein tugendhaftes und arbeitsames Mädchen zu ihr, erfährt sie Glück. Die andere, die faule, lässt sie gnadenlos ins Unglück rennen. Aber woher kommt sie eigentlich, diese Frau, die es in den letzten Jahren immer öfters unterlässt, ihre Betten ordentlich auszuschütteln. Vernünftige Schneewinter hatten wir lange nicht mehr. In vielen regionalen Sagen taucht Frau Holle ebenfalls auf, oft herumziehend und die Leute neckend, aber hier und da auch hilfreich unterstützend.

Durch investigative Forschung habe ich nun folgendes herausgefunden: Frau Holle war früher ein schönes und tugendsames Mädchen. Das hieß Martha und wohnte in dem Dorfe Dudenrode (heute Stadtteil von Bad Sooden-Allendorf in Nordhessen). Weil sie so gut und fromm war, gab ihr die Göttin Hulda den stärksten und schönsten Burschen des Dorfes zum Manne, der hieß Holle (ob die Gründer des Schweizer Bio-Babynahrungshersteller einem verwandtschaftlichen Zweig dieser Holles darstellen, konnte nicht ermittelt werden). Diesen Burschen machte aber das Glück übermütig. Er arbeitete nicht, sondern trank und spielte. Zuletzt verlor er dabei sein Hab und Gut, ja sogar seine Freiheit. Er wurde als Sklave verkauft und kam weit in die Fremde. Da stand nun die gute Frau Holle ganz verlassen da und wusste nicht, was sie essen und trinken und wo sie wohnen sollte. In ihrem Kummer ging sie tief in den dunklen Wald hinein, weinte und klagte. Der Ort, wo sie sich aufhielt, heißt noch heute der Weinbusch. Aber die Göttin Hulda erbarmte sich über sie und schenkte ihr den ganzen Meißnerberg (der ›Hohe Meißner‹ ist ein 751 Meter hoher Berg im Osthessischen Bergland) zum Eigentum. Die Göttin gab ihr zum Lohn ihrer Tugend auch eine Zauberglocke. Die besaß Wunderkräfte, und wenn sie damit läutete, so gehorchten ihr die kleinen Geister in Wasser, Feuer, Luft und Erde. Zur Wohnung gab die gute Göttin ihr ein prächtiges Zauberschloss mit einem herrlichen Blumengarten. Beides lag auf dem Grunde eines schönen Waldteiches, der heißt bis auf diesen Tag Frau-Hollenteich.

Nun fehlte es der Frau Holle an nichts. Sie hatte auf dem Berg Gewalt über alles, auch über die Menschen. Den Guten und Fleißigen half sie, den Faulen und Schlechten schadete sie. Besonders nahm sie sich der armen Frauen an, die böse Männer hatten. Die schlechten Männer neckte und plagte sie auf alle Weise. Diejenigen, die viel tranken, verwandelte sie in Kälber und ließ sie Gras fressen. Die Bergwiese, wo sie weideten, heißt noch heute die Kalbe. Viele Frauen, denen es schlecht ging, kamen zur Frau Holle und fanden Schutz bei ihr. So könnte man sie auch als die Begründerin der Frauenhäuser bezeichnen. Besonders nahm sie die armen Mädchen auf, die von ihren Verlobten treulos verlassen waren. Manche darunter aber waren eitel und putzsüchtig. Jede wollte die Schönste sein, und es gab viel Neid und Streit unter ihnen. Als Frau Holle eines Tages nach Hause kam, war der größte Lärm im Hause. Da wurde sie zornig, schüttelte ihre Zauberglocke, und sogleich waren die Mädchen in Katzen verwandelt. Die Katzen mussten ihr auch weiter dienen und etwa Wanderern durch Nebel und Wald den Weg weisen.

Frau Holle waltete auf diese Weise lange Jahre auf dem Meißner. Die einen priesen sie als echte Hulda, die andern schalten sie als böse Hexe. Besonders die Faulen und Schlechten erzählten weit und breit viel von ihrem Hexenspuk. Aus der guten Frau Holle, der Holden, machten sie eine Unholdin. Darum wollte auch niemand mehr über den Berg gehen. Auch ein frommer Einsiedler, Namens Bernhardt, hatte am fernen Rhein von dem Teufelsspuk am Meißner viel gehört. Er war selbst aus dem Hessenlande gebürtig und machte sich auf, um die bösen Geister zu bannen. Zuerst kam er nach Germerode. Hier erzählte man ihm jedoch viel Gutes von Frau Holle. Bernhard aber tat doch, was er sich vorgenommen hatte. Er stellte sich unter eine dicke Buche, rief einen Bannspruch in den Wald hinein und verbot darin den bösen Geistern, noch länger Zauberei zu treiben. Feierliche Stille folgte seinen Worten. Doch plötzlich vernahm er den sanften Klang einer Stimme, die vom Weinbusch herüberklang. Die Stimme kam ihm so bekannt vor. Es war die seines Weibes, das er einst so elend gemacht hatte. Bernhard war nämlich Holle. Er hatte sich gebessert und war ein Mönch geworden. Seine Frau hielt ihm alle seine Sünden vor und verfluchte ihn. Er aber bat sie herzlich um Vergebung. Dann predigte er ihr von Jesus Christus, der die Menschen von den Sünden erlöst hat, und bat sie, abzulassen vom Götzendienst und von der Zauberei. Da versöhnte sie sich endlich mit ihm, wurde eine Christin, warf die Zauberglocke in den Hollenteich und wurde wieder die Frau ihres Mannes. Beide lebten fortan in Glück und Frieden bis an ihr seliges Ende.

Und damit ist auch klar, warum es jetzt so selten schneit. Die faulen Mägde haben wohl überhandgenommen und die wenigen fleißigen kommen selten genug zum Ausschütteln der Betten. Vielleicht haben sie auch nicht mehr die guten alten Federbetten, sondern solche modernen mit Kunststofffüllung. Das gibt bestimmt keinen richtigen Schnee.

Andere aber sagen, Frau Holle ziehe immer noch umher. Sie fängt damit in der Weihnachtszeit an und ist bis zur letzten Raunacht, der vom 5. auf den 6. Januar, unterwegs. Der 6. Januar gilt als der ›Frau-Holle-Tag‹.

Bis zur nächsten investigativen Sagen-Recherche,

Ihr

Horst-Dieter Radke