Pilates Heil

von 42er

Ein Gastbeitrag von Dorit David

Es beginnt harmlos auf einer hellblauen Gymnastikmatte, mit gutem Bodenkontakt und einem langen, starken Rücken. Wo bin ich? In einem kleinen Studio mit einem wirksamen Angebot und einer kompetenten Lehrerin. Seit mehreren Jahren schwitze ich dort. Wie auch an diesem Montag. Das Powerhouse fest angespannt, stehe ich im Vierfüßlerstand, atme ein und aus, erzeuge Stabilität. Und dann folgt eine Bewegung, die mir zwar einen starken Rücken beschert, mich aber in eine andere Welt katapultiert. Ich rede nicht von den gewissen Beckenbewegungen.

Ich meine es politisch. Wie mir der Blick in den Spiegel bestätigt, halte ich wie alle anderen meinen rechten Arm leicht schräg nach vorn ausgestreckt und kann einer grässlichen Assoziation nicht entkommen. Es ist nicht zu leugnen: Ich befinde mich in einer verbotenen Position – zwar auf allen vieren, aber dennoch problematisch. Körperlich bin ich noch immer bemüht, die neutrale Haltung zu wahren, mental gerade unmöglich, denn eine sonderbare Energie durchströmt mich schneller als mir lieb ist. Und das irritierende daran ist die enorme innere Kraft, die dieser Geste innewohnt: zielgerichtet und durch den ganzen Körper gehend. Und noch peinlicher: Es fühlt sich gut an. Vermutlich ist genau das auch Sinn und Zweck dieser Geste, sonst wäre sie nicht so populär geworden, rede ich mir rechtfertigend ein und beruhige mich mit Ich-Botschaften: Ich mache ganz neutrales Pilates. Ich bin fraglos die Einzige, die diese Assoziationen hat. Ich habe in der letzten Zeit zu viele historische Dokus gesehen. Ich atme. Ein und aus.
Nur noch zehn Sekunden muss ich diese neutrale Position mit gehobener Hand halten. Dann folgt der erlösende Ausruf: Lasst alles los! Und das tue ich dann auch.

Nach der Stunde fragt mich meine Pilatestrainerin nebenbei, ob ich gegebenenfalls Linkshänderin sei, es würde so aussehen. „Nein“, sage ich, „Eigentlich nicht, aber heute bin ich es ganz gerne, einfach für die innere Balance.“