Prignitzer Sternfahrten oder: Der Geist von Putlitz

Liebes Tagebuch!

Nun muss ich dir unbedingt von meinem Wochenende in Putlitz erzählen. Mein Mann und ich hatten uns lange darauf gefreut, und als wir am Freitagnachmittag nach dreistündiger Fahrt im Hotel am Schloss Wolfshagen ankamen, saßen Dorrit, Cordula, Tom und Amos schon gemütlich bei Kaffee und Limonade im Garten. Und obwohl man doch immer denkt, bestimmt sind alle, die man ein Jahr lang nicht gesehen hat, alt oder zumindest dick geworden, habe ich sie gleich wiedererkannt. Keiner alt, keiner dick, alle wie immer. Etwas später traf nach langer Staufahrt Beate ein, wie schön!, und zwar in Begleitung eines imposanten, ganz in Schwarz gekleideten Mannes, dessen Namen ich mir nie richtig merken kann, da er fast genauso heißt wie eine bekannte isländische Rockband, deren Namen ich mir auch nie merken kann, bloß, dass es den Mann schon viel länger gibt als die Band. Wie auch immer.

Ich bestellte Brathering. Irgendwo gackerte ein Huhn.

Viel Zeit, die ländliche Ruhe zu genießen, blieb aber nicht, denn schon hieß es: Frischmachen und ab nach Putlitz, wo in der legendären Pfarrscheune die Lesung von uns 42erAutoren stattfinden sollte. Kaelo – ulkig, dass mir der Name des imposanten Mannes jetzt doch wieder einfällt – führte als geschmeidiger Conférencier durchs Programm.

Ganz ehrlich: So, wie er den Abend gerockt hat, kann er das ganze letzte halbe Jahr nichts anderes getan haben als sich darauf vorzubereiten. Am nächsten Morgen sollte er übrigens in einzigartiger Weise die Mitgliederversammlung moderieren, aber das ahnten wir da natürlich noch nicht. Jedenfalls war das Putlitzer Publikum prima. Ein bisschen Lampenfieber gehört immer dazu, wenn man vorliest, aber die Leute lachten an den richtigen Stellen und vor allem an den richtigen Stellen nicht, was eigentlich noch wichtiger ist, wie du, liebes Tagebuch, bestimmt weißt. Dann war Pause, irgendwo röhrte ein Porsche, und schon waren mit Karen die 42er komplett.

Am nächsten Tag rauschte auf dem Weg zum Tagungsort wieder viel, sehr viel Prignitzer Gegend an uns vorbei. Hitzeflirrende Dörfer, die auf –ow oder –itz enden, das Gras so ausgedörrt und braun wie in Andalusien im Spätsommer.

Was ich dann bei der Mitgliederversammlung am besten fand, waren zum einen die vielen Beschlüsse (und dass Kaelo es mit dem Auszählen der Stimmen immer irgendwie hingekriegt hat, obwohl er gar nicht so viele Finger hat, wie es Stimmberechtigte gab), und zum anderen die Tatsache, dass wir hinterher ein richtiges Grilllokal besuchen sollten! Während ich noch darüber staunte, ging auch schon eine Karte herum und wir durften, und jetzt halt dich fest, liebes Tagebuch, je ein Tellergericht bestellen! Ich glaube, ich wählte die Taubensuppe, aber mag sein, ich bringe da gerade etwas durcheinander.

Nach dem Essen ging es zurück ins Hotel, das inzwischen von unbekannten Gesichtern wimmelte, die, noch bevor man recht zum Fremdeln kam, zu bekannten Gesichtern wurden. Das waren die Preisträger des diesjährigen Putlitzer Kurzgeschichtenwettbewerbs mit ihren Begleitern, die inzwischen aus den verschiedensten Ecken Deutschlands angereist waren, und mit denen wir am späten Nachmittag zur Pfarrscheune fuhren, um von dort zur Kirche zu gehen.

Was dann kam, kannte ich bereits aus dem letzten Jahr: Zum Geleit des Putlitzer Fanfarenzugs zogen alle, die diesen Riesenspaß möglich gemacht hatten und ohne die er nicht denkbar wäre, plus jede Menge treue und sympathische Putlitzer Zuschauer in die Kirche ein.

Die Feier war super. Bis auf eine Sache, die ein bisschen … hm war. Cordula und Tom standen vorne im Altarraum und moderierten den Abend. Das war soweit halbwegs okay. Beziehungsweise, wenn man ganz ehrlich ist, muss man sagen, die beiden machten das verdammt klasse. Bloß mittenrein in die eigentlich gute Stimmung erzählten sie plötzlich eine hanebüchene Geschichte: dass da einer tot vor der Pfarrscheune läge; also dass dem jemand eine Schreibfeder bis zum Anschlag in die Brust gerammt hatte – und als ich das hörte, bin ich ziemlich erschrocken. Wobei es sein kann, dass ich es nicht so ganz richtig kapiert habe, denn mir fiel auf, dass außer meinem Mann und mir alle lachten, und dann war’s vielleicht doch nicht so schlimm, keine Ahnung.

Jedenfalls wurden dann die Siegergeschichten vorgelesen, und zwar aufsteigend von der sechstplatzierten bis zu den bis dato geheim gehaltenen dritt–, zweit– und erstplatzierten. Eine richtig gute und berührende Geschichte folgte auf die andere. Die Autoren trugen sie aber nicht selber vor, sondern es waren eigens Schüler vom Goethe–Gymnasium Pritzwalk dafür engagiert worden, die das unglaublich gut übernahmen. Gewonnen hat zum Schluss Ulrike Sabine Maier mit ihrer Geschichte Und unsere Schritte. Es geht darin um ein paar Jugendliche, die jede Menge dumpfen Mist im Kopf haben und aus lauter Langeweile jemanden umbringen, und als das vorgelesen wurde, war es ganz schön still in der Kirche.

Zwischendurch gab’s Musik von einer Kindermusikgruppe. Und was ich dir jetzt anvertraue, liebes Tagebuch, das darfst du bitte nie jemandem verraten: Ich bin nämlich fast sicher, dass ich – möglicherweise, als sie dieses Stück von Vivaldi spielten – ein klitzekleines bisschen Pipi in den Augen hatte.  Nicht nur, weil das zum Teil sehr junge Kinder waren, die da ganz ohne Dirigent und jeweils wechselnd an verschiedenen Instrumenten spielten, sondern auch und vor allem, weil in jeder einzelnen Note eine Lebendigkeit und ein Jazz steckten, wie ich sie bei manchem virtuos–perfektem und streng nach Metronom getakteten Konzert nicht erlebt habe.

Außerdem – und jetzt weiß ich auch wieder, wie ich vorhin auf Taubensuppe kam, wo ich doch die Nudelpfanne hatte – wurde die Siegerin des in diesem Jahr erstmals von den 42erAutoren ausgelobten Romanpreises gekürt. Der Siegerroman heißt Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte, und geschrieben hat ihn wie gesagt diese Siegerin. Also die Autorin. Also Anna Basener, so, jetzt haben wir’s, liebes Tagebuch. Und Anna Basener las dann auch ganz richtig ein Stück aus dem Roman vor. Das war herrlich. Sogar mein Mann hat gelacht, und der lacht ja nun echt selten. Bisschen merkwürdig fand ich dieses krumme Preisgeld, das sie bekam, 42 Euro 42, wer hat sich das bloß ausgedacht, und dass der Scheck so unhandlich war. Ich sehe die Autorin da schon hantieren mit dem Ding, irgendwo in Berlin vor einem Automaten, und hinter ihr murren sie, aber andererseits ist das ja auch nicht mein Problem.

Wir haben dann noch bis tief in die Nacht alle zusammen weitergefeiert. Erst in der Pfarrscheune, dann im Hotel. Überhaupt, zum Hotel muss ich doch mal kurz was sagen. Denn egal, was da passierte, ob morgens als Erstes eine Hühnermutter mit ihren sechs kleinen Halbstarken unterm Fenster vorbeispazierte, oder ob man sich beim Frühstück im Garten dicken, leckeren Honig aufs Brötchen träufelte, den der freundliche, über die Maßen geduldige und unermüdliche Wirt gebracht hatte – und wo fing der Satz nochmal an? Auf jeden Fall hatte man bei allem das Gefühl, dass es genau das war, was man gerade brauchte, ohne dass man es vorher gewusst hätte. So ein Hotel war das.

Am letzten Abend kam zum Beispiel ein Getränk auf den Tisch, das, als ich es vorsichtig probierte, schaumig und leicht bitter schmeckte. Die anderen redeten mir gut zu und meinten, ich sollte mehr und immer mehr davon trinken. Ich bin dem Rat gefolgt und habe es nicht bereut, liebes Tagebuch! Erst wurde mir lustig zumute, später etwas schwindelig. Zum Schluss müde. Vor dem Zubettgehen habe ich mich noch ein bisschen in dem großen Hotel verlaufen. Dem Geist von Putlitz, von dem alle so viel sprachen, bin ich aber nicht begegnet. Dafür habe ich viel geträumt: von Kirchturmspitzen und tönernen Gänsen. Von verdorrten Wiesen, Storchennestern und wieder von dieser Nudelpfanne; von einem Lagerfeuer im Pfarrgarten und schönem Quatschen mit Leuten, die man viel zu selten sieht.

Und nun? Bin ich wieder zu Hause. Und versuche, damit zurecht zu kommen, dass es wieder ein Jahr dauern soll, bis wieder Putlitz ist und ich dieses unglaubliche Dorf in der Prignitz erneut besuchen werde. Gute Nacht, liebes Tagebuch, gute Nacht!