Putzen, bis das Einhorn spricht
„Mama, erzählst du uns ein Märchen? Aber bitte sofort! Und mit Drachen.“
„Nein! Mit einem sprechenden Waschbären mit Glitzernase!“
„Der soll aber böse sein. Aber trotzdem irgendwie lieb.“
Und der Älteste ergänzt sachlich: „Ein Opfer-Täter“
Klar. Kein Problem.
Ich bin Mutter. Ich bin Tante. Und obendrein bin ich Autorin. Was bedeutet: Ich bin offiziell zuständig für Verpflegung, Pflaster, glaubhafte Begeisterungsausbrüche über seltsam geformte Steine, Vesperbox-Inhalte (bitte plastikfrei!) und dramaturgisch hochwertige Ad-hoc-Geschichten.
Selbstverständlich jederzeit abrufbereit. Auch morgens beim Zähneputzen. Oder während ich versuche herauszufinden, was dieses grünliche Ding im Kühlschrank früher mal gewesen sein könnte. Oder was das Finanzamt da eigentlich genau von mir will – und wenn ich es falsch beantworte, bin ich dann etwa eine Steuersünderin? Unwissentlich?
Doch irgendwann musste ich mir eingestehen: Ich kann nicht mehr.
Die Geschichten wollten einfach nicht mehr sprudeln. Nicht zwischen Tür und Angel. Nicht beim Schnürsenkelbinden. Nicht beim Sockensuchen. Nicht mal mehr beim Kaffee. (Das war der Tiefpunkt.)
Aber weil ich Autorin bin, fiel mir eine gute Erklärung ein: Ich kann nur noch beim Putzen Geschichten erzählen. Eine seltene Form der Schreibblockade, quasi. Fast magisch.
Die Kinder haben mich zunächst skeptisch angesehen. Dann haben sie es akzeptiert – man akzeptiert als Kind ja so viel Seltsames. Warum also nicht auch das?
Und siehe da: Es funktioniert.
Sobald ich den Staubsauger zücke, erscheinen die ersten Ideen. Die Heldin verirrt sich unter das Sofa, der fiese Zauberer lauert im Besenschrank, und der treue Waschbär wohnt unter der Spüle. Manchmal trägt er ein kleines Schürzchen. Das kommt besonders gut an.
Wenn ich das Katzenklo reinige, darf es ruhig etwas Düsteres mit Sumpfhexen sein.
Die Kinder helfen ganz gerne mit – nicht unbedingt beim Putzen, aber beim Weiterdenken! Wer den Zauberschlüssel geklaut hat? Wahrscheinlich der Staublappen. Oder der Geschirrspülschwamm. „Der sieht schon so verdächtig aus!“
Es funktioniert wirklich gut – und macht uns allen Spaß.
Nur einen Nachteil hat das Ganze: Als ich gestern meinen Großen bat, doch bitte Klavier zu üben, sah er mich mit ernsthaft geweiteten, blauen Augen an und sagte:
„Ich glaube, ich kann nur üben, wenn ich dabei ein Bonbon lutsche. Das ist eine ganz seltene Form der Blockade. Fast magisch – aber damit kennst du dich ja aus, gell Mama!“
Joan Weng
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