Im letzten Jahr musste ich mit einigen Kollegen (ja, Kollegen! Ich war die einzige Frau) dienstlich nach München zu einer Fachtagung. Da wir am Anreisetag „frei“ hatten, machten wir eine Runde durch den Englischen Garten und setzten uns in den Biergarten am Seehaus, der durch die frisch belaubten Bäume angenehm beschattet war.
In Biergärten setzt man sich nur an einen „freien Tisch“, wenn es den denn gibt, ansonsten setzt man sich irgendwo „dazu“ oder wird von der Kellnerin „dazu gesetzt“. Meine Kollegen platzierten mich so – „rutsch mal durch“ – dass ich neben eine Gruppe von Frauen zu sitzen kam, die ganz offenbar im Verlagswesen tätig waren, denn sie sprachen vom Herbstprogramm, Neuerscheinungen, Neuentdeckungen, Wiederentdeckungen und Longlist-Titeln. Ich gebe zu, ich lauschte ein bisschen, denn auf dem Ohr, dass den Fremden zugewandt war, höre ich einfach besser. Am anderen Ende des Tisches saß ein Paar, das ebenfalls lange Ohren machte. Ich nahm an, dass sie wie wir aus dem Ruhrgebiet stammten, nicht einer entsprechenden Sprachfärbung wegen, sondern aufgrund der direkten Art, auf die sie Kontakt zu Fremden aufnahmen.
„Sind Sie Buchhändlerinnen?“, fragte die Dame aus dem Ruhrgebiet ihre Tischnachbarinnen in eine kurze Gesprächspause hinein, und hakte auf ein mehrfaches Nicken und ein Kopfschütteln hin nach: „Lesen Sie denn dann viel?“
Ich bewunderte die Buchhändlerinnen dafür, dass sie nicht mit den Augen rollten, sondern nur freundlich lachten und „ja freili“ sagten.
„Und Sie sind keine Buchhändlerin?“, wandte sich die interessierte Touristin an die Älteste in der Runde, die den Kopf geschüttelt hatte.
„Nein, ich arbeite als Lektorin.“
„Oh, das ist interessant“, schaltete sich nun der Gatte ein. „Ich schreibe nämlich selbst.“
„Ach ja?“, fragte die Lektorin, „was lesen Sie denn?“
„Nein, nein, Sie haben mich falsch verstanden. Ich schreibe selber.“
„Ja, das hörte ich, aber mich interessiert, was sie lesen.“
„Den einen oder anderen Schreibratgeber und Fachliteratur.“
„Ach so, Sie sind Fachbuchautor.“
„Nein, nein, ich lese nur Fachbücher. Schreiben tue ich Romane.“
„Dann sollten Sie auch Romane lesen“
„Nein, um Gottes Willen! Wie sollte ich da meine Individualität und meinen eigenen Schreibstil finden?“
Nun bewunderte ich die Lektorin, die sich tatsächlich auf dieses Gespräch einließ: „Wie wollen Sie Ihre Individualität finden, wenn Sie nicht wissen, wovon Sie sich abgrenzen möchten? Wie sollen Sie wissen, was neu, originell ist im Vergleich zu Bestehendem? Wie ihren eigenen Schreibstil finden, wenn sie gar nicht wissen, welche Schreibstile es gibt, welche Sie überzeugen, welche Sie ablehnen? Wie wollen Sie in der Praxis die Theorie aus den Schreibratgebern lernen …?“
Der selbstbewusste Schriftsteller klappte seinen Mund auf und zu, aber die Lektorin hatte ein Erbarmen und wandte sich an die Buchhändlerinnen. Mädels, haben wir Tipps für die schreibende Zunft? Beispiele? Bücher?“
„Figurenzeichnung, Figurenzeichnung ist das A und O“, sagte eine der Buchhändlerinnen. „Helmut Krausser ist da ein Genie, zum Beispiel in Thanatos.“
„Hast du es nicht eine bisschen kleiner?“, mischte sich die Nächste lachend ein. „Ich sage nur: Elizabeth George. Sie plottet gut, aber wie sie Figuren zeichnen kann …“
„Ja, gelingt ihr aber nicht immer soooo …“, warf die erste ein.
„Mag sein oder nicht, aber ich denke da an eine Szene in Denn sie betrügt man nicht. Da sieht Yumn während eines Gesprächs mit DS Havers zu, wie ihr kleiner Sohn die Perlen ihrer Schwägerin durcheinanderbringt. In der zärtlichen Geste, wie sie dem Kind das Haar zerzaust, liegt der ganze Hass, den sie gegen die Schwägerin hegt.“
„Denkt an die Darstellung von Gefühlen!“, rief die dritte Buchhändlerin aus.
„Ja, das ist wirklich heikel – und schwer“, nickte ihre Vorrednerin.
„Mhm“, überlegte die dritte Buchhändlerin. Vielleicht Malibu von Leon de Winter? Nirgends habe ich die Trauer so gespürt, wie bei dem Buch. Darüber hinaus ist einfach der Prolog großartig, mit den zwölf Umständen die zu dem führten, was dann geschah.“
Die Lektorin nickte. „Neulich hatte ich auf einer kleinen Messe ein Band mit Short Stories in der Hand: Manchmal das Glück von Ulrike Sabine Maier, aber eigentlich alles schon zu fortgeschritten für Schreibanfänger.“
„Atmosphäre!“ warf wieder eine der Buchhändlerinnen ein. „So so so wichtig!“
„Stimmt (wieder die Lektorin), da würde ich mal etwas aus einem Münchner Verlag empfehlen: Lauras Schweigen von Paula Fox. Der Anfang ist ja fast ein Kammerspiel, wie die Familie nach und nach in dem Hotelzimmer zusammenkommt, Drinks zu sich nimmt, raucht und sich gegenseitig mit Worten quält. Irgendwann willst du rufen: ‚Mach doch mal endlich jemand ein Fenster auf!!!‘“
„Ich hatte letztens eine Neuerscheinung aus einem Kleinverlag in der Hand: Vom Krähenjungen von Sonja Kettenring. Ich habe von der Autorin vorher nie etwas gehört, aber sie hat wohl mal mit einer Kurzgeschichte 2018 den vierten Platz oder so beim Putlitzer Preis belegt. Jedenfalls habe ich in dem ‚toten Wald‘ auch keine Luft bekommen.“
Das Paar war längst gegangen, schon, als um die Figurenzeichnung von Elizabeth George ging.
„Paula! Huhu! Pauline! FRAU LANKOW!!!“ drang es wie durch ein atmosphärisches Rauschen an mein schwerhöriges Ohr. „Wir haben Dich etwas gefragt?“
Ich wandte mich meinen Kollegen zu. „Sorry, etwas laut hier.“
„Wann hast Du in diesem Jahr Deinen Haupturlaub?“
„Erst im September.“
„Was nimmst Du dieses Mal für Lesestoff mit?“
„Mal sehen, vielleicht noch einmal Lauras Schweigen, und etwas von Leon de Winter. Malibu vielleicht, wahrscheinlich aber eher Hoffmans Hunger oder Sokolows Universum. Ganz bestimmt aber Vom Krähenjungen und Manchmal das Glück.“
Ihre
Paula Lankow
