Sicher ist man sich nie

von Jörn Lingrön

„Das Einlösen einer verlorenen Wettschuld ist Ehrensache“. sagte mein Sohn und grinste mich dabei hämisch an. Ich bin eigentlich nicht der große Freund von Wetten, und wenn ich mich dazu hinreißen lasse, muss ich mir schon wirklich sehr sicher sein, dass ich recht habe.  Hatte ich aber nicht. Allein das ärgerte mich schon gewaltig und nun verlangte diese Ausgeburt an Schadenfreude auch noch ernsthaft, dass ich für meinen Wetteinsatz geradestehen soll. „Mach ich auch!“, sagte ich und versuchte dabei gechillt herüberzukommen. An Sebastians Blick erkannte ich aber, dass er mir das nicht abnahm. Für mich war der Weihnachtsabend jedenfalls gelaufen.

„Jetzt seid mal nicht albern!“, meinte Pia, meine Schwiegertochter, aber das war ein Vater-Sohn-Ding und da war es völlig egal, wie sie das fand. Sebastian und ich schauten uns an und ich sagte „Du kannst dich darauf verlassen. Ich mache das. Wenn Ihr Übermorgen bei deiner Mutter seid, könnt ihr an mich denken.“

Fünfzig Stunden später fuhr ich, sehr warm angezogen und mit einem Isokissen, elektrischen Handwärmern und einer Thermoskanne voll heißem Tee bewaffnet, auf dem Fahrrad durch die Nacht. Ich wollte zu einer abgelegenen Kreuzung und musste dafür etwa 15 km radeln.

23:17:28 Uhr kam ich dort an. Meine Uhr gab mir außer der Zeit auch den Hinweis ‚clear 1°C‘, aber wenigstens lag kein Schnee oder es hätte ja auch regnen können. Ich stellte mein Fahrrad an einem Baum ab und warf einen faszinierten Blick auf die Sterne, welche ich schon lange nicht mehr so zahlreich und hell leuchtend gesehen hatte. Dann ging ich mitten auf die Kreuzung und drehte mich einmal um die eigene Achse. Finsternis in alle vier Himmelsrichtungen. Ich setzte meinen Rucksack ab und kramte ein Stück Schulkreide hervor. Vor Schreck fiel es mir aus der Hand, als aus dem Wald plötzlich das Knacken eines Astes zu hören war. Wildschweine konnte ich jetzt gar nicht gebrauchen. Einen Augenblick stand ich unbeweglich da und lauschte in die Nacht, aber es war wieder absolut still. Ich hob die Kreide auf und entfernte mich etwa drei Meter vom Rucksack, dann versuchte ich mit der Kreide einen Kreis in genau diesem Abstand auf den Asphalt zu zeichnen. Natürlich hatte ich mich vorher etwas belesen und so erfahren, dass der Kreis groß genug sein sollte, damit mich in der Mitte niemand erreichen kann. Allerdings wurde nirgends erwähnt, wie weit so ein Arm denn reicht. Mit drei Metern wähnte ich mich auf der sicheren Seite und hoffte, dass es auch ein Kreis geworden war, den ich da gezeichnet hatte. Zumindest lagen der Anfangs- und der Endpunkt nicht ewig weit auseinander. Ich setzte mich auf mein Isokissen und goss mir etwas Tee in einen Becher. Dann schaute ich wieder hinauf zu den Sternen, dachte darüber nach, was für ein Idiot ich bin und wartete. Und wartete. Und wartete.

00:00:15 Uhr tauchten am Ender der Straße, die nach Norden verlief, Lichter auf. Erst war es nur ein heller Schein, der die Bäume am Straßenrand traf, aber bald konnte ich deutlich zwei Scheinwerfer erkennen und dann vernahm ich auch das Geräusch eines näherkommenden Autos. Etwas ratlos blieb ich einfach sitzen. Fünf Meter vor mir machten die zwei Pferde Stopp. Oder besser der Citroën 2CV, wobei das 2CV genau „deux chevaux“ bedeutet – zwei Pferde. Ich hatte schon seit Ewigkeiten keine Ente mehr gesehen. Wer in der Ente saß, konnte ich nicht erkennen, da mir die beiden Scheinwerfer genau ins Gesicht schienen, aber es musste wohl eine Frau sein, denn genau diese hatte ihr Fenster herunter gekurbelt und rief jetzt laut „Ho ho ho! Aus dem Weg! Das ist jetzt wirklich nicht die Zeit und der Ort für Klimakleber.“Auf der einen Seite wollte ich gerne glauben, dass da mitten in der Nacht eine ganz normale Frau diese einsame Straße mit ihrem Auto entlangfuhr. Auf der anderen Seite hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl. Plötzlich wurde mir kalt, meine Nackenhaare stellten sich auf und ich bekam ein beklemmendes Gefühl. Alles Anzeichen dafür, dass sich ein Geist in der Nähe befand.

Mit leicht zitternder Stimme rief ich „Sie können doch einfach an mir vorbeifahren.“

„Und dann springen sie mir plötzlich auf mein Auto.“

„Wenn ich Klimakleber wäre, würde das ja wohl schlecht funktionieren.“ antwortete ich.

„Sind sie denn Klimakleber?“ fragte die Frau und ich antwortete „Nein.“

„Na sehen sie. Also könnten sie springen. Gehen sie bitte einfach von der Straße.“

Um von der Straße zu gehen, müsste ich aber meinen Kreis verlassen und dafür war ich mir beim besten Willen nicht sicher genug, dass vor mir wirklich eine Frau in einem Auto saß.

„Mir ist wirklich nicht nach springen zumute. Ich verspreche ihnen, dass ich einfach sitzen bleibe, wenn sie vorbeifahren.“ Zur Bekräftigung hielt ich meinen Teebecher hoch und nahm einen kräftigen Schluck. Das Auto fuhr langsam an, stoppte nach zwei Metern dann aber doch wieder. ‚Sie kommt nicht am Kreis vorbei.‘ ging es mir entsetzt durch den Kopf.

„Wieso sitzen sie hier eigentlich um diese Zeit, völlig im Dunkeln auf der Straße?“

Tja, was sollte ich darauf antworten? „Weil ich eine Wette verloren habe. Und warum fahren sie um diese Zeit hier durch die Gegend?“

„Was war das denn für eine komische Wette?“ fragte sie und ließ meine Frage völlig unbeantwortet. „Und was soll es bringen, hier im Dunkeln auf der Straße zu sitzen? Da kann man ja überfahren werden.“

Ich überlegte kurz, was ich darauf antworten sollte, und kam zu dem Entschluss, dass die Wahrheit immer die beste Alternative ist.

„Mein Sohn behauptete, dass Frau Perchta und Frau Holle für ein und dieselbe Person stehen. Ich war mir sicher, dass dem nicht so ist. Leider hatte er Recht. Darum muss ich jetzt diese Nacht zwischen 00 Uhr und 01 Uhr auf dieser Kreuzung verbringen.“ Aus dem Auto erklang ein etwas unheimliches Lachen. „Und was bringt sie hierher?“ fragte ich. Bisher war ich davon ausgegangen, dass in dem Auto nur eine Frau saß. Auf einmal war ich mir da gar nicht mehr so sicher und überlegte, was wohl besser ist. Von einer Horde Geister verschont oder von einer Gruppe skrupelloser Verbrecher verprügelt und ausgeraubt zu werden. Das Lachen verstummte.

„Ich war über die Feiertage bei meinen Eltern und bin nun auf dem Weg nach Hause.“ Meldete sich die Frauenstimme wieder. Na gut, das klang nicht nach Verbrechern. Sicherheitshalber fragte ich aber vorsichtig nach. „Sind sie allein?“ Es folgte erstmal eine Pause und mir kam der Gedanke, dass die Frau genauso gut denken konnte, dass ich ein Geist oder sowas in der Art sein könnte. „Wieso fragen sie das?“ kam es jetzt zögerlich aus dem Auto. „Na ja, weil ich hier die ganze Zeit von ihren Scheinwerfern geblendet werde und dadurch nicht sehen kann, wer, was oder wie viele in ihrem Auto sitzen.“ Mein Bauchgefühl war immer mehr der Meinung, dass es sich bei der Person im Auto wohl doch um eine ganz normale menschliche Frau handelt. „Ich könnte ihnen ja etwas von meinem heißen Tee anbieten, aber für vier Personen reicht er dann doch nicht.“ Ich versuchte möglichst entspannt zu klingen und scheinbar klappte das auch, denn aus dem Auto erklang ein Lachen. „Zu einem heißen Tee würde ich nicht nein sagen.“

Und dann öffnete sich die Autotür und endlich bekam die Stimme ein nettes Gesicht. Also nach Geist oder Hexe sah sie jedenfalls nicht aus. Ich stand auf, ging ihr zwei Schritte entgegen und reichte ihr einen Becher mit Tee. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Kreidestrich immer noch genau zwischen uns war und einen kurzen Augenblick rechnete ich damit, dass sie mich packt, aber das passierte zum Glück nicht. Dafür verquatschten wir uns und es war schon 01:45:17 Uhr, als ich mit dem Fahrrad wieder nachhause fuhr.

Ein Jahr später kamen Sebastian und Pia am zweiten Weihnachtstag zu mir. Simone hatten sie schon im Sommer kennengelernt, aber es war unser erstes gemeinsames Weihnachten. Sebastian zwinkerte mir verschmitzt zu. „Was sollen denn in diesem Jahr die ganzen Mistelzweige in der Wohnung?“, fragte er mich leise. „Na ja,“ ich blickte kurz in Simones Richtung „wenn man die Umstände unseres Kennenlernens bedenkt, bleibt eine winzige Unsicherheit bestehen. Misteln schützen bekanntlich vor Hexen. Und im Grunde ist jeder Kuss unter einem Mistelzweig nur ein Test, ob die Frau keine Hexe ist.“ Sebastian musste laut lachen. „Papa, aber du denkst schon, dass du mit deiner verlorenen Wette am Ende sehr viel Glück hattest, oder?“

„Das auf jeden Fall. Es hätte ja auch was ganz anderes bei der Kreuzung auftauchen können.“

Jetzt mussten wir beide lachen. Simone und Pia schauten uns nur fragend an und schüttelten die Köpfe.