Simenon: Maigret als möblierter Herr

von 42er

von Horst-Dieter Radke

Kommissar Maigret wohnt in Paris seit 1913 am Boulevard Richard-Lenoir in der Hausnummer 132, nicht weit entfernt vom Place de la Republique. Vermutlich wohnt er dort immer noch, denn über sein Ableben existieren keine Berichte. Man erfährt in den Romanen wenig über diese Wohnung, mehr über seine Frau, aber auch über diese wenig genug. Über das Haus, in dem der berühmte Kommissar lebt(e) ist also wenig zu berichten.

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Interessanter ist dagegen ein Haus in der Rue Lhomond, das von einer Mademoiselle Clément als Pension geführt wurde. In dieser Pension wohnte zu der Zeit, in der die Geschichte (Maigret en meublé – veröffentlicht im Jahr 1951, weshalb ich davon ausgehe, dass sie, wenn nicht im gleichen Jahr, äußerstenfalls ein Jahr zuvor) spielte, ein junger Kleinkrimineller mit Nachnamen Paulus.

Er hatte zuvor mit einem Komplizen eine Bar überfallen und war von der Toilettenfrau anhand eines Fadens auf der Hose identifiziert worden. Dies führte die Ermittler zu der Pension, in der Paulus aber nicht mehr angetroffen wurde. Getroffen wurde lediglich Janvier, ein Mitarbeiter Maigrets, und zwar von einer Revolverkugel, die ihn direkt vor der Pension zu Boden gehen ließ. Janvier überlebte diesen Schuss zwar mühsam, aber dennoch war Maigret schockiert und da er gerade Strohwitwer war, mietete er sich kurz entschlossen in der Pension ein.

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Die Leserinnen und Leser lernen nun alle Bewohner dieses Hauses kennen: die dicke, immer lachende Pensionswirtin Clément als erstes, die anderen aber nach und nach ebenso. Maigret lässt es sich nicht nehmen, alle ein weiteres Mal zu verhören, auch wenn seine Mitarbeiter das schon gemacht haben. Das bringt einiges der täglichen Routine in diesem Haus durcheinander. Der Onkel, der seine Nichte regelmäßig besucht, bleibt plötzlich weg, die Wirtin wird mitten in der Nacht von Maigret dabei überrascht, wie sie sich etwas zu Essen macht und bald richtet Maigret sein Augenmerk nicht mehr nur auf das Haus, in dem er lebt und die Mieter durch seine Befragungen und Beobachtungen beunruhigt, sondern auch auf das Haus gegenüber.

Natürlich findet Maigret den jungen Paulus und hat schneller begriffen als seine Mitarbeiter, dass dieser mit dem Schuss auf Janvier nichts zu tun hat. Selbstverständlich löst er auch das Rätsel um diesen Schuss, der wie aus dem Nichts gekommen war, weil niemand den Schützen gesehen oder gehört hatte (abgesehen vom Schuss selbst).

Dies jedoch ist nicht das Reizvolle an diesem Roman, sondern die Zeit, die der Kommissar in der Pension verbringt und nach und nach alle Menschen darin für den Leser und die Leserin vorführt und lebendig werden lässt. Hätte man selbst in diesem Haus leben wollen? Ich nicht, außer in der Zeit, in der Maigret darin zu Hause war, allein schon um der Gespräche willen, die man dann mit ihm hätte führen können, ungeachtet der Gefahr, dass der Kommissar einem dabei möglicherweise längst vergessene Vergehen entlockt hätte.