Sonntagsserie: Ideen und Recherche

 Was ist zum Schreiben nötig – für mich

Ein Gastbeitrag von  J. Monika Walther

     Ein vom Gedächtnis fotografiertes Gesicht, die Erinnerung der Augen, Zettel, Gekritzel, ein Blick einmal rund um den Erdball, ohne je in Grönland gewesen zu sein. Schlendern. Viel lesen. Zuhören. Andere erzählen lassen.

Ich hasse die Gänge zum Friseur. Aber die Friseurmeisterin Frau K. und ich verstehen uns von Jahr zu Jahr besser. Sie fragt immer mal wieder: Wie kommen Ihnen all diese Ideen für Ihre Bücher? Eine Frage, die ich nur ihr gegenüber mich bemühe zu beantworten.

Ich sage: Mich können Sie überall hinsetzen mit einem Stift oder einer Tastatur und ich schreibe, seit meinem vierzehnten Lebensjahr. Kritzeln. Malen. Buchstabe. Irgendwas. Geschichten. Erfindungen. Schlechte Gedichte à la Trakl. Ja, aber die Ideen? Und woher wissen Sie das alles?

Erst lange nach meinem Studium begriff ich, dass diese Jahre und die Studentenbewegung für den Beruf der Schriftstellerin getaugt haben, auch wenn ich verstand, dass ich als bürgerliches Kind keine Ahnung von der Arbeiterklasse hatte und lieber meinen Mund halten sollte. Ich habe an der Universität von Geschichte bis Philosophie, Soziologie und Volkskunde alles in mich hineingestopft, neben dem ordentlichen Studium der Publizistik und Psychologie. Ich habe immer viel gelesen und um mich geschaut.

Die Familiengeschichte barg Rätsel, Geheimnisse und Elend, vor allem Fluchten. Nach England, Kanada, Amerika, die Niederlande, Schweiz, Burma unter den Faschisten, Rückkehr, dann wieder Rucksäcke packen und die DDR verlassen. Als Kind hatte ich keine Heimat, kaum ein Zuhause und saß andauernd in Zügen. Ich weiß noch heute, wie lange die Fahrt vom Bodensee nach Hamburg dauerte, durch alle Besatzungszonen hindurch. Das ist die Erinnerung, das Bild. Seit vielen Jahren recherchiere ich meine Familiengeschichte und weiß, da gibt es weder die eine Wahrheit noch mehrere. Es gibt Geschichten, Erzählungen, Erfindungen. Letztere kommen einer möglichen Wahrheit immer näher als jede Recherche. Es sind die Erfindungen, die Wahrheit bergen. Ja, manchmal suche ich auch Stunden nach Fakten, lese mich durch Notizbücher oder fahre, nachdem die Mauer zwischen DDR und BRD weg ist, an der Ostseeküste entlang, zeichne, schaue, höre zu. Später entstand dann der Kriminalroman (und das Hörspiel) „Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht“, aber als ich die alten Kapitänshäuser an der Warne skizzierte, dachte ich nicht an ein Projekt. An das Schreiben. Das Merkwürdige war, dass der Roman der Wirklichkeit vorausgriff: Es waren tatsächlich deutsche Polizisten, hohe Polizeibeamte aus Rostock und alte Stasioffiziere, die an der Ostsee nach der Wende die Kriminalität zusammen mit Nazis aus Westdeutschland organisierten. Ich hatte nur zugehört.

Ich war im faschistischen Spanien im Widerstand, floh dann über die Grenze nach Portugal. Fast zwei Jahre war ich weg. Helga M. Novak und ich waren zwei von vielen, die in Portugal mit den Bauern demonstrierten. Sie schrieb das wunderbare Buch „Die Landnahme von Torre Bela“. Ich veröffentlichte erst zwanzig Jahre später einige lange Erzählungen über diese Zeit. Ich bin nie losgefahren, um zu recherchieren, hatte auch nie einen Plan, aber innen drin gab es immer eine Sicherheit zu wissen, was ich schreiben wollte oder konnte. Wann es Zeit war. Ich habe nie ein Exposé geschrieben, nicht geplottet oder gepitcht. Oder Figuren entwickelt. Das habe ich später anderen beigebracht.

Ich bin immer wieder durch Polen, Litauen und Lettland gefahren, hatte auch in Ventspils ein Stipendium. Dort schrieb ich Gedichte und erst Jahre später dann Erzählungen, Prosa zu diesen Ländern und Reisen. Erst dann wusste ich, dass ich die Wege meiner Urgroßeltern aus Galizien finden wollte.

Es war immer gut, viel zu reisen, zu wissen und zu erfahren. Wenn ich zurückschaue, ist auch wahr, dass Biografie und das Geschriebene zusammengehören. Aber ich habe nie einen Schritt getan, ein Archiv besucht, weil ich „etwas“ schreiben wollte. Oder anders: Ich wollte über die Bachmann schreiben und ahnte, dass das eigentlich gar nicht mehr geht, also habe ich sie neu erfunden. Und Gisela Elsner hat sie zum Leben erweckt. Auch für die Geschichte um Orpheus und Euridice habe mir etwas ausgedacht. Natürlich setzt das Ausdenken, die neue Interpretation voraus, dass viel gewusst wird, aber ich habe nie zielgerichtet gelesen oder gesucht.

Napoleon. Er ist nur zu erfinden. Die heutige B 51 ist nichts anderes als die alte Heeresstraße (A1 von Königsberg nach Aachen), auf der lange vor den Alliierten Napoleon längs zog. Die Heerführer hatten fast alle eine mörderische Idee, und irgendwann verließ sie der Verstand und sie standen vor Moskau und mussten die elenden Kilometer in der Kälte zurück. In meiner Geburtsstadt Leipzig gab es noch eine monströse Schlacht, überflüssig. Genau wie am Ende des 2. Weltkrieges, als sich dort SS verschanzte, obwohl es nur eine gute Tat gab: die weiße Flagge zu hissen. Napoleon, da nützt keine Recherche, weshalb jeder Film über diesen Mann einen anderen Menschen zeigt. Auch mit allen Recherchen ist nur schwer zu begreifen, wie das Leben sich an den Kaiserhöfen im Mittelalter abspielte und doch wird in Romanen und Filmen immer wieder ein Bild entworfen, genauso wie über die Bedeutung der Renaissance. Oder wie wir heute erst begreifen, dass die politischen Probleme und Entwicklungen, die wir erleben, fast alle durch den 1. Weltkrieg verursacht wurden.

Ich wollte immer nach Grönland, dort war ich nie. In Kanada schon, aber ich wollte so gerne ins Eis, obwohl ich ein durch und durch verfrorener Mensch bin. Ich schreibe an einem Journal der unmöglichen Reisen. Ich erfinde die Viktoria Insel im Eis und was dort geschieht, schlendere durch Halifax, reise die Nordwestpassage, das kann ich alles, weil ich ja schreibe. Manchmal erfinde ich auch eine Frau Abraham geborene Goldstücker in Fryslân, weil ich viel über die von Sahers und Goudstickers weiß und sie kenne. Oder ich erzähle vom alten Hamburger Hafen, Otto Stinnes und seinem Prokuristen, und dazu erfinde ich meinen Onkel Herbert, den ich sehr mochte, neu. Er war nie in der Welt und hat sie mir doch erklärt. Mit Fahrten durch den Hamburger Hafen, von seinem Büro aus über dem Hafen an einem Globus. Alle Fluchtwege der Familie.

Ihre J. Monika Walther

 

 

 

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