Spione rund um den Biergarten?

Neulich, da saß ich am Laptop, der eine unangenehme Wärme verbreitete und hinter mir blies der Ventilator die Notizzettel vom Tisch.

Gefrustet starrte ich auf die leere Seite auf dem Bildschirm. Ich hatte mir vorgenommen, eine gewisse Anzahl von Zeichen zu tippen, damit meine neue Romanidee endlich vorankäme. Doch die Seite blieb leer.

Als das Telefon klingelte, war ich regelrecht erleichtert, etwas Ablenkung zu bekommen. Meine neunmalkluge Freundin, die mich einst überredete einen TikTok-Account zu eröffnen, quasselte auch gleich munter drauf los.

Als ihr meine Zerstreutheit auffiel, erkundigte sie sich neugierig, was los sei. Seufzend klagte ich ihr von meinem Leid der leeren Seite, und dass mir wohl die hohen Sommertemperaturen jede Kreativität rauben würden.

Als sie großtönend verkündete, DIE Lösung zu haben, bereute ich schon, ihr davon erzählt zu haben. Was ging sie auch meine leere Seite an?

Der Biergarten sei das Labor der Ideenfindung von Autoren!

Ich musste augenblicklich lachen, doch einen Einwand ließ sie erst gar nicht über meine Lippen kommen. Ich solle mich dort hinsetzen und die Menschen studieren. Ruck Zuck käme ich gar nicht mehr nach, was die Figurenbildung anginge. Das hätte sie in einer wichtigen Zeitung gelesen.

Ich seufzte und verabschiedete mich. Der Biergarten! War das die Lösung? Ich trinke weder Bier noch sonstige Getränke, die man dort genießt. Ich bin ein Teemensch und wäre in einer Teestube besser aufgehoben.

Da ich nichts zu tun hatte, machte ich mich trotz Zweifel auf den Weg, da erst vor Kurzem ein kleiner Biergarten in einer Seitenstraße eröffnet hatte. Wenn man denn ein Lokal mit Grill und Außengarten einen Biergarten nennen darf.

Ich nahm Platz unter einer knorrigen Kiefer und bestellte mir ein stilles Wasser. Die Kellnerin mit ihren Zöpfen, die mich an Pippi Langstrumpf erinnerten, beeilte sich, mir ein Glas mit kühlem Wasser zu bringen, in dem eine Scheibe Zitrone schwamm. Ich kam mir richtig albern vor, dort zu sitzen und die Leute zu studieren. Die waren alle mehr als langweilig. Wer von denen könnte auch nur im Entferntesten die Idee zu meinen Protagonisten liefern?
Wie schon mit dem TikTok-Account würde auch das ein blöder Ratschlag sein, sinnierte ich belustigt.
Ich beobachtete die freundliche Kellnerin, deren Sommersprossen förmlich über das Gesicht wanderten, wenn sie lachte. Ihr zu kurzes Röckchen wippte mit ihren hastigen Schritten und ein nerviger bis lustig klingender niederländischer Akzent ließ sie speziell, aber auch sympathisch wirken.
Zufrieden blicke ich heute auf meine gefüllte Seite. Die Kellnerin wird das Opfer finden und den Kommissar mit ihrem Akzent den letzten Nerv rauben. Doch wer könnte ihr böse sein? Sie ist einfach herzallerliebst.

Birgit Gürtler

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

Die Kommentare sind geschlossen.