Spuk im Biergarten

.Biergärten sind ja bekanntlich unglaublich inspirierend – ich weiß persönlich zwar auch nicht, warum, aber vermutlich ist das eben einfach eine Tatsache? Ein unverrückbarer, nicht länger der Prüfung benötigender Fakt, wie der Umstand, dass mein jüngster Sohn immer – IMMER – das kleinste Stück Kuchen bekommt? Oder dass Toast grundsätzlich auf die Butterseite fällt, außer wenn auf die andere Seite Honig geschmiert wurde, dann klatscht er auf die klebrigere … Aber um zum Thema zurückzukommen, mir persönlich ist noch in keinem Biergarten irgendetwas Inspirierendes oder auch nur Spannendes passiert – und eigentlich plante ich darüber ein paar heitere Worte zu Papier zu bringen, doch dann geschah Schreckliches. Geradezu Grauenerregendes!

Es war ein ganz normaler Samstag, zumindest schien es so. Mit einer anderen Mutter vom Kindergarten war ich in unserem örtlichen Biergarten – der heißt Badgarten, obwohl es dort weit und breit kein Wasser gibt. Dafür alte Kastanien und klebrige Tische, die Getränke sind kalt und der Strudel warm. Ich war immer gerne dort, schon als Kind, denn es gibt eine große Freifläche zum Toben und natürlich eine Eisbox.

 Vergangenen Samstag also war ich wieder da, und während die andere Mutter eine Magherita bestellte, bat ich um einen Flammkuchen. Toskana Art, mit Paprika und Tomaten und Käse. Bitte keine Salami, einfach weglassen. Der Unterschied zur Pizza schien vor allem im Preis zu liegen, aber wenn ich schon mal Freigang ohne Kinder hatte, wollte ich mich mondän geben. Zu trinken bestellten wir eine Flasche Sprudel und zwei Gläser. Und damit begann mein Martyrium – während die andere Mutter heiter über ihren Chef (ein Trottel!) und ihre Kollegen (auch alles Trottel!) zu plaudern begann, brachte die Bedienung das Wasser und stellte der anderen Mutter mit sanftem Lächeln ein Glas hin. Ich bekam keines. Auf Nachfrage, entschuldigte sie sich und versprach gleich eines zu bringen. Die andere Mutter sprach indessen gut gelaunt über die Lehrer ihres Sohnes – alles Trottel, sogar noch schlimmere als im vergangenen Schuljahr! Aber vielleicht nicht ganz so schlimm wie ihr Chef!

 Die Bedienung kam mit dem Essen, dem der anderen Mutter. Meines käme gleich, versicherte sie mir. Zusammen mit dem Glas. Ich wartete und lauschte der anderen Mutter, die inzwischen schon mal angefangen hatte, das konnte ja noch ewig dauern, bis die in der Küche meine Sonderwünsche bearbeitet hatten – waren sowieso alles furchtbare Trottel, die im Service.

Ich überlegte indessen, ob ich vielleicht – ohne es zu selbst zu merken – unsichtbar geworden war. Oder war ich am Ende ein Geist? Vielleicht war ich einfach verstorben – vor Langeweile? Kam das öfter vor? Gewiss! Mein Geschichtslehrer am Gymnasium kam mir in den Sinn. Ein ganz tragischer Fall, mitten in einer Stunde zur Gründung Baden-Württembergs hatte er uns alle durch grässliches Husten aus dem Schlaf gerissen, kurz hatte er das Klassenzimmer verlassen, und als er zurückkam, da erschien er uns ungleich blasser. Ganz klar, er hatte sich selbst zu Tode gelangweilt und unterrichtete von da an ungerührt als Geist weiter – die Lebhaftigkeit seines Vortrags verschlechterte sich dadurch kaum.

 Daran musste ich denken, und wie Schuppen fiel es mir da von den Augen, was mir passiert war! Und auch welche Möglichkeiten sich da erboten! Ich wollte mich schon freuen, einen Roman über meine – sicher sehr aufregenden – Erlebnisse als Gespenst schreiben zu können, da erinnerte ich mich: Ich lese ja gerne mal Geistergeschichten und von daher weiß ich eigentlich, Gespenster schreiben keine Romane. Das höchste der Gefühle ist vielleicht mal ein blutiges Wort auf einer Scheibe? Damit kriegt man keinen Buchvertrag.

 Also überlegte ich, ob ich meine mangelnde Schreibfähigkeit nicht vielleicht anderweitig einsetzten könnte. Zum Beispiel könnte ich ja in die Küche des Badgartens schweben und dort mit Mehl eine Botschaft hinterlassen? Fehlender Flammkuchen? Tisch 11! Vielleicht doch besser ein kurzes „Hilfe!“ – in Schokosoße? Oder um der Dramatik willen in Ketchup? Doch was würde es mir bringen? Ich war ja schon tot – gleichzeitig verhungert, verdurstet und verlangweilt!

Aber gerade als ich beginnen wollte, meine eigene Totenklage zu verfassen – auf Latein und in Hexametern, drunter mach ich’s nicht! –, da kam die Bedienung und brachte Glas und Flammkuchen. Den habe ich dann gegessen, begleitet von Erzählungen zu sehr vielen Trotteln, die ich alle nicht kenne und vermutlich auch nie kennenlernen werde, aber wenigstens kann ich Ihnen jetzt versichern: Ja, Biergärten sind inspirierend – zumindest, wenn man sie lebend wieder verlässt!

Joan Weng

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