Teddy

Jürgens Liebesgeschichte

Meine erste Liebe war Teddy. Wann es genau anfing? Spät, erst so ab viereinhalb, schätze ich, weil, zum Krankenhaus hatte ich Teddy noch nicht mit, klar, erst danach ging es los mit uns. Vorher gehörte er meiner Schwester, aber die hatte eines Tages die Lust auf ihn verloren, so kam ich zum Zuge. Zuerst gingen wir gemeinsam zu Bett. Später entdeckten wir noch andere Gemeinsamkeiten und hatten uns eine Menge zu erzählen, Geschichten übers Gebrauchtwerden und Zusammenstehen, schon heftiger Tobak, aber es machte uns nur stärker. Er hatte noch die Nazizeit mitgemacht, Aufmärsche und Bombennächte, das erklärte wohl auch einige Schrammen und Schründe an Leib und Seele. Aber jetzt herrschte tiefster Frieden in Europa, tagsüber gingen wir unseren jeweiligen Beschäftigungen nach, er drinnen in meinem Bettkasten, ich draußen im Garten, unsere Interessensgebiete gingen schon ein stückweit auseinander. Ich ging gerne eine Runde kicken, aber dafür hatte Teddy definitiv keinen Sinn und außerdem viel zu kurze Beine. Wenn es dunkel und Bettgehzeit wurde, stiefelte ich, ohne zu maulen, die Treppe rauf in mein Zimmer, das mal Mutters Nähzimmer und nicht viel größer als eine Zelle in Blockland war, aber gut, Schnee von gestern. Dann gehörte mein Kumpel, der schon angelehnt am Kopfkissen auf mich wartete, ganz und gar mir, und ich ihm.

„Hey, alter Sack!“

„Eddel!“

Wobei, ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich ein männliches er für mich war, meine biologische Geschlechtlichkeit war mir noch nicht recht bewusst, so liebte ich vielleicht auch nur sein grammatisches Geschlecht.

Er hatte eine Knubbelnase über der schwarzen Naht seines Mauls und über alldem nussbraune Augen. Wow, das war mal was Südlich-Exotisches, das meiner blauäugigen Familie total abging, meine Schwester hatte das strahlendste Hellblau, meine Eltern lagen dazwischen, ich natürlich mehr Schmutzigblau, Graublau, irgendwie nie eindeutig zu fassen und festzunageln.

Tief innen drinnen war Teddy mit Stroh vollgestopft, das an der Wunde einer Tatze herauszuplatzen drohte, aber sein Kopf war prall gefüllt, womit ich nichts Negatives bezüglich seiner Auffassungsgabe andeuten will. Im Gegenteil, sobald man ihn einen Diener machen ließ, ertönte sein unweigerliches Bööps.

Und richtige Haare hatte er auch am Leib, etwas kratzig, gibt’s heute alles nicht mehr, da spürte man noch was auf der Haut, wenn man ihn an sich presste und die Bettdecke über den Kopf zog, nicht so ein brunstwarmes Synthetikfell, wie heute üblich, was ja nur für Mädchen und Weicheier ist. Tatsache, als ich später mal meiner Nichte, die bei uns übernachtete, meinen Teddy als Ersatz für ihr vergessenes Kuscheltier anbot, senkte sie nur den Kopf und sagte:

„Nee, der kratzt ja und ist überhaupt nicht kuschelig.“

Richtig, Teddy war kein Sondermüll, sondern hundertprozentig abbau- und kompostierbar, mit Ausnahme natürlich seiner unergründlichen Glasaugen. Ein Kumpel, mit dem man gemeinsam über Dick und Doof lachen und über die wirklich wichtigen Sachen reden konnte, Jungensachen eben, ja, er war es, der mir Mut machte, Geschichten über mich und den ganzen Rest zu erzählen, ich bin zu allen Schandtaten bereit.

„Hey, Teddy, du Spast und Muse, hau rein!“

„’fjeden!“

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