Thomas Mann und die Bombe

von 42er

Jürgen Block

Im September 1946, Thomas Mann schrieb noch an seinem Roman „Doktor Faustus“, unterbrach er plötzlich „im laufenden Kapitel“ seine Arbeit, für ein besonderes Herzensanliegen. Ein junger Student aus Chicago hatte ihn gebeten, eine Friedensrede zu halten. Thomas Mann berichtet in seinem Essay „Die Entstehung des Doktor Faustus“ (1949), dass er sofort zusagte. Begründung: Er betrachtet in dieser Zeit nach der Zündung der ersten beiden Atombomben von amerikanischen Verbänden über Japan (August 1945) und dem Beginn des Zerwürfnisses der Anti-Hitler-Koalition (1945/46) „eine Botschaft über den Frieden als höchstes Gebot und die Verdichtung der Utopie zum praktischen Lebenserfordernis“. Er fasst also im Herbst 1946 den Frieden als eine pragmatische Utopie auf: als eine Forderung, die hier und heute durchgesetzt werden muss.

Nun könnte man einwenden, dass hier ein zwar weltweit angesehener, aber letztlich machtloser Schriftsteller einen schönen Gedanken ausspricht, der allerdings keine Verankerung im wirklichen politischen Machtspiel habe.

Gut, dann blicken wir zurück auf den 6. Januar 1941, die USA und die Sowjetunion waren noch nicht von Nazideutschland in den Zweiten Weltkrieg hineingerissen worden, als der amerikanische Präsident (und Freund von Thomas Mann) Franklin D. Roosevelt vor dem Kongress eine Ansprache über die Vier Freiheiten hielt.

Roosevelt verlieh seiner Hoffnung Nachdruck, dass jetzt (Januar 1941) eine Welt des Friedens geschaffen werden könne, die auf vier Freiheitsrechten gründet. Hier folgt ein längeres Zitat aus der heute fast vergessenen Rede:

„Erstens – Redefreiheit, und zwar in der ganzen Welt.

Zweitens – Freiheit für jeden einzelnen, Gott auf seine Weise zu verehren, und zwar überall in der Welt.

Drittens – Freiheit von aller Not – das bedeutet, international gesehen, wirtschaftliche Abkommen, die in jedem Lande den Einwohnern gesunde Friedensverhältnisse sichern -, und zwar überall in der Welt.

Viertens – Freiheit von aller Angst – das bedeutet, international gesehen, eine weltumfassende Abrüstung, so gründlich und bis zu einem solchen Grade, daß kein Land mehr in der Lage ist, irgendeines seiner Nachbarländer gewaltsam anzugreifen -, und zwar überall in der Welt.

Das sind nicht etwa Träume von einem fernen tausendjährigen Reiche. Das ist eine bestimmte Grundlage für eine Welt, wie wir sie in unserer Zeit und in unserer Generation schaffen können.“

So weit Präsident Roosevelt im Januar 1941. Wichtig ist hier zum einen die Verknüpfung der dritten und vierten Freiheit: ohne Durchsetzung von sozialen Rechten und ohne allseitige Abrüstung ist kein weltweiter Frieden möglich. Zum zweiten aber stellen die vier Freiheiten zusammen die Voraussetzungen dar, um hier und heute eine friedliche Welt zu schaffen.

Für Thomas Mann war dieses pragmatische Friedensprogramm am Ende des Zweiten Weltkriegs, im August 1945, nachdem Roosevelt verstorben und Henry Truman neuer Präsident geworden war, in Gefahr geraten. Wie er in der „Entstehung des Doktor Faustus“ schreibt, verurteilte er gemeinsam mit Albert Einstein den Einsatz der Atombombe, die für den Sieg über Japan nicht mehr erforderlich gewesen sei.

Im Gegenteil: „Sie war nur nötig, um der Teilnahme Rußlands an diesem Siege zuvorzukommen.“ Thomas Manns sieht also im tatsächlichen Einsatz der Atombomben nicht mehr das Ende aller Kriege, sondern den Bruch der Anti-Hitler-Koalition und den Beginn des Ost-West-Konflikts und einer neuen Ära der permanenten Kriege, die seit 1945 und besonders seit 1990 über uns gekommen ist.

Gerade heute, zu Zeiten einer außer Kontrolle geratenen, sich gegenseitig befeuernden Hochrüstung, wäre im Sinne von Thomas Mann die Forderung nach einem „Frieden jetzt“ ein praktisches (Über-)Lebenserfordernis.