Ein Jugendroman wie ein Roadmovie – auch für Erwachsene.
Rezension von Ulrike Maier
Wenn ein Autor beim Putlitzer Preis eine Nominierung erhält, wenn ein 42erAutor bezüglich des Romans von einer „frischen, originellen Stimme“ und „Popliteratur“ spricht, dann kommt Neugier auf. Und tatsächlich, der Roman „Und am Ende das Meer“ bringt uns beim Lesen außer Atem, obwohl doch am Anfang alles nach Endstation aussieht. Thorsten Dörps Geschichte liest sich wie das „Tschick“ des Nordwestens, ein bisschen fluffiger, ein bisschen leichter, obwohl sie uns thematisch ertrinken lassen könnte.
Wenn Erwachsene sich nach ihrer Jugend sehnen, vergessen sie, dass das Jungsein ein verdammt harter Brocken sein kann. Für den 17-jährigen Kaspar gilt das allemal: Kaspars Vater hat eine neue Upperclass-Familie, der depressiven Mutter ist die Kontrolle über die Hamsterpopulation in der Wohnung entglitten, und der ältere Bruder hat sich schon vor langer Zeit verpisst. Grund genug für Kaspar, im trunkenen Zustand Scheiben einzuwerfen. Die Fenster in Vaters Villa-Idyll sind dabei nicht das Einzige, das zu Bruch geht. Kaspar landet in einer Jugendeinrichtung am Ende der Republik. Dahinter kommt nur noch Dänemark.
In dieser Institution in Trondjul, in der Kaspar sein neues Zuhause finden soll, wohnen allerlei merkwürdige Gestalten. Aber, so fragt sich der Leser, die Leserin, sind in diesem Alter nicht alle merkwürdig? Elvis, der schon allein mit seinem Namen ein schweres Schicksal trägt und zu Gewaltexzessen neigt. Goran, Kaspars Zimmergenosse, der ihn in Gänze nicht willkommen heißt. Zwillingsschwestern, die eine sehr viel härtere Vergangenheit mit sich herumtragen. Und natürlich Patricia, die Frau mit der Halstätowierung, die Kaspar völlig um den Verstand bringt. Jeder hat seine Geheimnisse. Und Kaspars Geheimnis? Er will so schnell wie möglich abhauen und seinen Bruder finden.
Eine sensationelle Reise beginnt, in der irgendwie ganz schön viel verkackt wird, aber letztendlich doch der Weg das Ziel ist.
Thorsten Dörps Roman verbindet die Leichtigkeit eines Sommers mit der Schwere eines Familiendramas. Dabei erinnert die Geschichte an die eigene Jugend, fast wie eine 90er-Jahre-Retrospektive. Smartphones und Internet spielen eine untergeordnete Rolle, es wird geraucht, gekifft, es gibt eine Diskothek und jede Menge Tanzmusik. Die Heldinnen und Helden fliehen immerzu abenteuerlich vor ihren eigenen Planungsdesastern und geraten vom Großstadtdschungel zu schlammigen Landschaften.
Was dieses Buch ganz besonders macht: Es liest sich wie geschnitten Brot, kann Erwachsene und Jugendliche mitreißen und ist ein echter Jungsroman. Davon gibt es nicht so viele. Und was die Autorin, den Autoren begeistern kann: Die Geschichte ist in vollkommen verständlicher Sprache souverän erzählt, trotzdem kommen immer wie im Sternschnuppenflug großartige Formulierungen vorbeigeflogen. Er kniff erst das eine, dann das andere Auge zusammen, so lange, bis die Zeichen zu springen begannen – wie zu einem Lied. Und wie ein guter Song ist die Geschichte wild und gefährlich komponiert, beginnt mit einem Brief, nicht mit einer Mail, nicht mit einem Messenger, nein, ganz retro-romantisch, und es endet auch mit diesem Brief. Und natürlich mit der Liebe.
