Ein Gastbeitrag von Dorit David und vielen, vielen anderen
Vorwort zur Geschichte:
Wir pflegen eine Tippgemeinschaft. Eine literarische.
In unserem Gästezimmer steht eine alte Adlerschreibmaschine, die ich nicht im Schrank belassen wollte, denn das Farbband funktioniert noch immer.
Sie stammt aus dem Jahre 1937. Auf diesem Erbstück hinterlassen unsere Gäste – auf meine Bitte hin – Worte oder Sätze.
Ungefähr 30mal im Jahr haben wir Besuch – privater oder geschäftlicher Natur – und alle diese Menschen höre ich mehr oder minder laut auf die Tasten einschlagen. Am Jahresende wird die Geschichte wird von mir „rundgemacht“ und digitalisiert
Dann bekommt die Tippgemeinschaft einen Jahres-End-Brief des gesammelten Werkes per Post.
Analog und mit Bild.
Dieses Jahr dürft auch ihr daran teilhaben.
Viel Freude beim Lesen
Der Balkon
2025 mitgewirkt:: Dagmar, Manja, Matthias, Julia, Lucie, Lucia, Tanja, Verena, Knut, Jutta, Eva, Susanne, Anna, Anka, Benjamin, Roland und Dorit
„Sie meinen Feinfühligkeit?“, vergewisserte sich Edmund höflich, während sich Charlotte über die Brüstung des Balkons beugte und tief einatmet. Ein Seufzer löste sich aus ihrer Brust.: „Nein, nein, ich meine, wie ich es sage! Ich meine frei. Freifühligkeit.“ Dabei öffnete sie ihre Arme und streckte sie in Richtung Himmel, um ein weiteres Mal tief einzuatmen. Sie schaute Edmund in die Augen. „Das war mir mein ganzes Leben lang eine Richtschnur, lange bevor ich in diese Residenz zog.“
Sie dehnte das Wort Residenz in die Längeund kräuselte dabei ihre Nase. Mit einer schwungvollen Kopfbewegung warf sie ihr weißes, volles Haar zurück und schloss die Augen.
Die milde April Sonne ließ ihre Haut in diesem elfenbeinfarbigen Ton leuchten, den Charlotte wohl schon immer gehabt hatte, vermutete Edmund. Er wusste nicht, wie Charlotte als junges Mädchen ausgesehen hatte. Er kannte sie nur von hier. Seit auch er in dieser Seniorenresidenz mit dem Namen Paradies lebte. Aber Charlotte war alterslos schön – so befand er – und er hätte sie noch stundenlang auf diesem Balkon betrachten können, hätte nicht das Mittagssignal zum Essen gerufen.
„SIM Sala Bim!“ Diese synthetische Stimme, die aus den Wänden zu tönen schien, hatte etwas anbiederndes, wie sie zu jedem Essen durch die diskreten Lautsprecher drang, die man nicht sehen, aber überall hören konnte. Tief in Edmunds Inneren wurde etwas angestoßen. Eine Empfindung. Er wandte sich ihr zu, zog daran wie an einem Faden, die Empfindung verknotete sich im Hals, und es begann in seinen Ohren zu sausen. Mit einem tiefen Ausatmer ließ er sich in den Liegestuhl auf den Balkon plumpsen und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem linken Auge.
„Ich würde dann jetzt zu Mittag speisen gehen“, sagte Charlotte zu Edmund, und als er nichts erwiderte, verließ sie den Balkon.
Der alte Mann spürte dieser unglaublichen Frau nach, dann seiner Empfindung. Obwohl sie kaum zu fassen war, erschien sie ihm doch wichtig – wie aus einer alten Zeit herübergeweht. Sie hatte mit seiner kleinen Schwester zu tun, die Charlotte so ähnlichgesehen hatte.
Fallende Blätter in meinem Herzen, dachte er – ja so fühlte es sich an. Dann ihr Geruch, ihre freche Art, wie der seiner Schwester Sophie, in deren Nähe er sich einst so wohl gefühlt hatte. Edmund berührte die Brüstung des Balkons, schloss die Augen und atmete die Frühlingsluft ein. Diese kleine Erinnerung, seine ganz persönliche Zeitverschiebung genoss er sehr. Sie trug ihn weiter zurück ins Grau der alten Zeiten, wie auf verblichenen Sepia Fotos. Plötzlich wurde ihm schwindlig. Ungefragt hatte er sich damals davongeschlichen, hatte seine Schwester Sophie bei ihren und seinen unaushaltbaren Pflegeeltern zurückgelassen…
Vom unteren Balkon rief eine schneidende Stimme: „Frau Marzahn hat die Füße schön!“
Jäh erwachte Edmund aus seinen Gedanken, er erhob sich und trottete in Richtung Speisesaal. Frau Marzahn mit den frisch gemachten Füßen betrat etwas später den Speisesaal als er. Es duftete im Saal nach frischem Salat und wieder kamen ihm Erinnerungen. Diesmal aus dem Garten seiner Jugend. Hell und intensiv schossen Bilder vor seinem inneren Auge auf. Bilder von Sophie, von ihm, von den anderen. Es schien unaufhaltsam, dass ihn diese Erinnerungsbilder bei jedem noch so kleinen Sinneseindruck heimsuchen.
Der Garten der strengen Pflegeeltern waren Edmunds und Sophies Rückzugsparadies gewesen. Zwischen Bohnenranken, die seine
Pflegeeltern mit abfälligem Unterton Russenmumpeln nannten, versteckten sie sich gern, um ungestört und mit Hingabe Pralinen zu naschen, die sie aus der Speisekammer gestohlen hatten. Schnapspralinen. Niemand war außer ihnen in der Küche gewesen. Sein Pflegevater hatte sich zur Mittagsruhe hingelegt, die Pflegemutter hatte beiden Kindern unter einem erheblichen Mehraufwand ihrer Geduld erlaubt, unbeaufsichtigt zu spielen. Ein Fehler, wie sich angesichts des Übermaßes an verdrückten Schnapspralinen herausstellen sollte. Schon bald wurde ihnen warm und leicht ums Herz, und weil ihnen auch schwindlig wurde, legten sie sich auf den Rücken und lachten über die bollerigen Blüten der Russenmumpeln. Sie waren betrunken, alle beide, mittags um 12:00 Uhr. „Warum heißen die eigentlich so komisch?“, hatte ihn Sophie gefragt. Und Edmund hatte geantwortet: „Weil die Blüten so aussehen wie Munition von Soldaten.“
„Von den vielen toten, Soldaten!“, fügte er großspurig hinzu, denn er wollte vor seiner Schwester auftrumpfen und so welterfahren wirken, wie sein Pflegevater, wenn der vom Krieg erzählte. Sophie hatte die Augen geschlossen und gelächelt und erwidert: „Eine andere Welt liegt jenseits des Himmels. Ich spüre ihre Gegenwart. Süßer Donner berührt mein Herz.“
Noch ehe Edmund fragen konnte, woher Sophie diese lyrischen Worte nahm, zerstörte die schrille Stimme ihrer Pflegemutter die schwere Mittagsstille. Wie das Krachen eines Bergrutsches, so plötzlich…
Edmund sah sich auf dem Flur der Residenz um. Das Mittagessen war vorbei. Vor ihm stand Charlotte. „Ich habe es mir anders überlegt“, sagte sie. „Ich werde jetzt weggehen und nicht wiederkommen. Ich brauche frische Luft und eine Reise. Jetzt, jetzt sofort. Kommen Sie mit?“
Edmund wollte etwas sagen, bemerkte jedoch, dass keine Worte herauswollten, so nickte er nur. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, stolperte er Charlotte hinterher und hüpfte ein paar verwirrte Sekunden später die Stufen zur Straße hinunter. Ein abrupter Stopp und sein Blick ging zum Balkon hinauf, halb erstaunt, halb erleichtert. Dann blickte er der flüchtenden Charlotte nach. „Im Ernst“, flüsterte er leise und krächzte dann ein panisches „Warte!“ hinterher. Die Flucht hatte plötzlich den Geschmack von verbotenen Schnapspralinen und den Geruch von Russenmumpeln. Zu dumm, dass Edmund nicht bemerkte, als er die Tür hinter sich zuzog, dass er seinen geliebten Leatherman auf dem Fensterbrett hatte liegen lassen.
Die beiden schlichen davon, zuerst waren sie noch vorsichtig, unterdrückten ihren Übermut, schoben sich an den Hauswänden vorbei, krochen durch die Hecken, so dass sie niemand entdecken, einfangen oder gar zurückbringen könnten. Erst als sie das Gelände des Paradies verlassen, die gewohnte Umgebung hinter sich gelassen hatten und sich sicher waren, dass ihnen niemand folgte, begannen sie zu rennen. Sie rannten so weit sie ihre alten Gelenke tragen konnten. „Wohin rennen wir eigentlich?“, rief Edmund außer Atem. Allmählich mussten sie langsamer werden. „Zum Hafen“, keuchte Charlotte. „Dorthin, wo die großen Frachtschiffe ablegen.“
Eine halbe Stunde später gingen sie über eine Zuliefererluke an Bord. Der Frachter, der Einzige, der zu dieser Zeit ablegte, schiffte nach Sankt Petersburg aus. Autos aus Wolfsburg standen dort im Frachtraum, nagelneu, unbenutzt, und hätte Edmund sein Multifunktionsmesser nicht auf der Fensterbank liegen gelassen, hätte er eines von diesen funkelnden Schmuckstücken öffnen und Charlotte einen Platz anbieten können. Aber so standen sie nun ratlos herum wie in einem überfüllten Zug – einem Durchläufer mit verspäteter Bereitstellung. Er fühlte sich verloren In dieser großen Halle, selbst In Anwesenheit von Charlotte.
Seit er Sophie vor über einem halben Jahrhundert zurückgelassen hatte, fühlte er sich allein, auch in Gegenwart von Menschen. Nach diesem damaligen Ausbruch, ihrem einzigen wirklich abenteuerlichen Ausflug in den Garten ihre Pflegeeltern war die Welt für ihn eine andere geworden. Außer sich vor Wut hatte ihn die Pflegemutter windelweich geschlagen. Er hatte die Tracht Prügel für Sophie gleich mitbekommen, denn ein Mädchen zu schlagen, erlaubte sich die Frau doch nicht. Sie prügelte so lange bis er sich losriss und davonlief. Edmund war nie zurückgekehrt. Sofies unbekanntes Schicksal blieb für immer eine wunde Stelle in ihm. „Darf ich Sie zu einer kleinen Spritztour einladen?“ Charlotte triumphierte mit einer Haarnadel vor der geöffneten Tür eines roten VW-Golfes.
„Ich fahre zwar nicht selbst, aber Poseidon tut das Nötige für unser Vorankommen.“ Verwirrt nickte er, stieg ein, sortierte seine Beine und ließ sich in den weichen Autositz sinken. Es roch nach fabrikneuer Chemiefaser.
„Woran denken Sie eigentlich immer, wenn Sie so in sich selbst versinken?“, fragte Charlotte. „Ach, es sind nur Gespenster aus der Vergangenheit.“
„Fein, ich liebe Gruselgeschichten und wir haben eine lange Nacht vor uns“, frohlockte Charlotte.
Erst schwieg Edmund, doch dann begann er von Sophie zu erzählen. Hin und wieder ermunterte ihn Charlotte mit freundlichen Nachfragen und bald vergaß er, dass Charlotte ihm zuhörte, seine Ausführungen wurden detailreicher je länger er sprach, und so bemerkte er gar nicht, wie schweigsam und ernst seine Begleiterin wurde. Als er ihr erzählte, wie er nach seiner Flucht als kleiner Bube den Rest seiner Kindheit in einem Heim verbrachte und keine Nacht verging, in der er nicht an Sophie hatte denken müssen, fragte Charlotte ihn plötzlich: „Was ist denn eigentlich mit euren Eltern passiert?“
„Ertrunken“, erwiderte Edmund. Charlottes Augen wurden groß und dunkel und Edmund fuhr fort: „Es passierte auf einem Bootsausflug, der erste Schnee fiel vom Himmel und meine Mutter bekam die Wehen, sie war hochschwanger und ich war erst vier. Die Rettungsboote waren zwar schnell, aber meine Mutter bewusstlos. Mein Vater trieb ab. Ich hing halb erfroren im Rettungsring. Sophie konnte geholt werden aber meine Eltern überlebten es beide nicht.
Charlotte schwieg lange. „Wo war das?“, fragte sie schließlich.
„1949 in Wyk auf Föhr, wir hatten ein Haus auf der Insel.“
„Warst du mal dort seitdem?“
„Ja ein einziges Mal, es steht da noch in der Uferpromenade das drittletzte in der Reihe.“
Ungläubig starrte Charlotte ihn an. Ihre anfängliche Abenteuerlust war einer Fassungslosigkeit gewichen.
„Auch ich bin eine Waise“, sagte sie und schluckte bevor sie stockend fortfuhr. „Und ich habe in diesem Haus gelebt. Bei einer sehr alten Tante der Verstorbenen. Sie hat es mit Ach und Krach geschafft mich großzuziehen und starb, als ich vierzehn war. Dieses Bootsunglück war eine häufig erzählte Geschichte in Wyk. Aber was ich nicht verstehe, mir wurde immer erzählt, ich wäre das Kind, dass man gerettet hätte.“ Wieder schwieg sie eine Weile. „Hast du vielleicht ein Foto von deiner Schwester?“ „Ja, selbstverständlich “, erwiderte Edmund ungläubig. „Natürlich“. Dann zog er seine Brieftasche aus dem Jackett. Seine Hände zitterten.
„Hier.“ Er reichte es Charlotte.
Sie nahm es und schüttelte wieder und wieder den Kopf.
„Das kann nicht sein“, murmelte sie erschüttert, „Das kann doch einfach nicht sein.“ Dann schaute sie auf, und ihr Blick zeigte Gewissheit. In ihren Augen standen Tränen, als sie schließlich sagte: „Sie sieht aus wie ich in diesem Alter. Sophie war meine Zwillingsschwester. Unsere Mutter trug wohl zwei Kinder unter ihrem Herzen.“
Pressenachricht/Kurioses aus aller Welt:
Auf einem Frachter nach Russland wurden in der Nacht vom 21. auf den 22. April zwei hochbetagte blinde Passagiere aufgegriffen. Sie hatten ein Fahrzeug aufgebrochen, waren blind vor Tränen und behaupteten starrsinnig Geschwister zu sein, die sich erst jetzt durch einen Zufall wiedergefunden hätten. Die Hände in den Schoß legen käme für sie nicht in Frage, denn sie müssen nun, nach ihren eigenen Aussagen noch eine dritte Schwester finden, bevor sie sich in Föhr zu Ruhe setzen würden. Ob sich diese verschollene Schwester in
St. Petersbug finden ließe, dazu wollten die beiden vorerst festgenommenen Senioren keine Aussage tätigen.


