Tote, denen man Lieder schreibt

Man hat es vom Erlanger Bahnhof nicht weit – ein paar hundert Meter, dann sieht man die unüblich gestaltete Friedhofskirche und findet daneben den Eingang zum Friedhof. Ein erster Blick zeigte, dass nicht nur neue Gräber zu finden sind, sondern auch eine erkleckliche Anzahl alter. Angelegt wurde der Friedhof bereits 1703, musste aber in der folgenden Zeit mehrfach erweitert werden. Inzwischen umfasst er 12.000 Quadratmeter.

Es war ein warmer Sommertag, dicht an der Grenze zur Schwüle, als ich das Tor durchschritt. Erlanger Prominenz und Kapazitäten der Universität liegen hier versammelt und pflegen die letzte Ruhe, auch Literaten sollen zu finden sein, etwa der schwedische Dichter Per Ulrik Kernell, der in den Süden gereist war, um seine Tuberkulose zu heilen. Unter anderem war er zur Kur in Bad Ems, hielt sich aber auch in Erlangen auf, wo er 1824 starb. Seinetwegen war ich aber nicht gekommen. Eine efeuumwundene Birke suchend schaute ich mich um. Dort, so hatte man mir gesagt, würde ich es finden. Und richtig, da stand die Birke, unweit der Friedhofskirche. Ich richtete meine Schritte dorthin, blieb aber kurz vor dem Ziel überrascht stehen. Ein großgewachsener Mann, mit langem wallendem Haar, mit altertümlichem, fast bis zu den Waden reichendem Mantel – bei diesem Wetter?, ging es mir durch den Kopf – stand gesenkten Hauptes bei dem Grab. Ich wollte mich zurückziehen, um die Trauer oder Andacht nicht zu stören, doch er sah auf und winkte mich heran. Also trat ich näher.

Der du rastlosen Fußes der Erde Weiten durchzogen,

Welch ein plötzliches Ziel, Wanderer, hat dich bestrickt!

Ich wies auf das Grab und antwortete: „Das Grab wollte ich sehen, das die Trauer so berühmt gemacht hat. Entschuldigen Sie, Herr Rückert, ich wollte sie nicht stören.“

Doch er schüttelte den Kopf, schien sogar ein wenig erfreut zu sein, denn ein leichtes Lächeln hellte sein Gesicht etwas auf.

„Daß es, Kühlung gewährend ermüdeten Wandersmännern,

Segen teile noch aus über des Redlichen Gruft!“

Es hätte mir ja klar sein müssen, das Friedrich Rückert (1788–1866) das Grab seiner Lieblingskinder Luise und Ernst, die hier während seiner Jahre an der Erlanger Universität gestorben und begraben wurden (1833/34), niemals vergessen kann. Aber wer rechnet bei hellem Sonnenschein und mitten am Tage mit so etwas? Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte er:

„Immer scheint die Sonn’ am hellsten,

Wann ich muß ins Haus mich schließen;“

„Mit Ihren Liedern auf die toten Kinder“, sagte ich, „haben Sie die beiden unsterblich gemacht. Hans Wollschläger, ein Kollege von Ihnen, inzwischen auch schon ins Totenreich gegangen, hat die ‚Kindertodtenlieder‘ die größte Totenklage der Weltliteratur genannt.“

Rückert nickte, langsam und lange. Fast hatte ich den Eindruck, er würde in einen Automatismus verfallen, doch er wischte sich einmal mit der rechten Hand über die Augen und hörte mit dem Nicken auf, schaute mich an, hob leicht die Linke wie zum Gruß und sprach:

„Das hab’ ich an mir selbst auf mancher Reis’ erfahren,

Daß anders mir zu Mut im Gehn war als im Fahren.“

Dann drehte er sich um, ging gemessenen Schritts davon, bog um die Kirche – und war verschwunden. „Wiedersehen, Herr Rückert“, rief ich ihm hinterher und dachte dabei: „vielleicht nicht auf dieser Welt, aber doch woanders.“

Friedrich Johann Michael Rückert (* 1788 in Schweinfurt, + 1866 in Neuses bei Coburg) war nicht nur Dichter, sondern auch Übersetzer, Begründer der deutschen Orientalistik und Sprachgenie. Vierundvierzig Sprachen hat er beherrscht, nicht nur aus der indogermanischen Sprachfamilie wie beispielsweise Jacob Grimm, sondern auch semitische Sprachen, Turksprachen, finno-ugrische Sprachen, dravidische Sprachen, austronesische Sprachen und andere. An der Universität Erlangen war er Professor für orientalische Sprachen und Literaturen. Der Tod seiner zwei Kinder hat Rückert so erschüttert, dass er 428 Gedichte darüber schrieb. Auch andere haben diese „Todtenlieder“ berührt, etwa Gustav Mahler, der eine Auswahl vertonte.

Nach dem Friedhof besuchte ich in Coburg das Haus, in dem Rückert ab 1848 wohnte. Ein Ur-Ur-Ur-Enkel lebt darin und verwaltet das Museum. Ich stand an seinem Schreibpult und staunte; selbst nicht gerade klein mit einer Größe von 1,78 Meter hätte ich Mühe gehabt, daran zu schreiben. Rückert muss ein Riese gewesen sein. Dieser große Mensch schrieb in einer kleinen, zierlichen Schrift, wie Handschriften beweisen, die mir vorgelegt wurden. Tausende von Gedichten hat Rückert geschrieben, selbst banale Alltagsereignisse drückte er in Versen aus oder bezog zu politischen Ereignissen in Gedichten Stellung. Der bereits erwähnte Hans Wollschläger hat übrigens die historisch-kritische Ausgabe von Friedrich Rückerts Werken begründet, die bei Wallstein erscheint.

Ihr Horst-Dieter Radke

Die Verse Rückerts sind entnommen: Friedrich Rückerts Werke. Auswahl in sechs Bänden, Berlin, Verlag A. Weichert, o. J.