Totes Holz und Fabelwesen
Küstensommer. Wetterglück. Nahezu jeden Tag sind wir gewandert: durch Dünen und Wäldchen, über Heide und Strand, zum Nachbarort oder einfach so mal hier im Kreis, mal dort im Kreis. Und dann, eines Tages, entdecken wir den Hirschbaum, der fest im Erdreich wurzelt. Kein Blättchen, kein Trieb verrät mehr Leben, aber deutlich zu erkennen sind der Hirschkopf, das Geweih.
Der Hirschbaum weckt das Kind Paula in mir.
„Schau! Ein verzauberter Hirsch!“, rufe ich.
„Natürlich“, sagt mein Mann und fügt noch hinzu: „Und vorher war er ein Prinz.“ Ich strecke ihm die Zunge raus. Aber als ich ein Foto vom Hirschbaum mache, zückt auch er sein Handy.
Wir wandern weiter über Heide, balancieren über schmale Stege, gelangen zum Strand. In der Brandung lässt sich ein eigentlich in Schottland verortetes Seeungeheuer eine Wellnessmassage aus Wellen und Sand angedeihen.
„Was macht Nessie denn hier an der Küste Nordjütlands?“, wundere ich mich.
„Urlaub? Auswandern?“, meint der Mann, aber seine Stimme trieft von Sarkasmus. „Frag doch!“
„Ja, das würde dir passen. Und wenn es nach mir schnappt?“
„Wird es nicht“, meint er, „das ist nämlich Treibholz.“
„Sagst Du!“
Der Mann seufzt und stapft durch den Sand an den Rand der Brandung, beugt sich zu Nessie hinunter. „Entschuldigung?“, höre ich seine Stimme. „Excuse me?“ Dann kommt er zurück, schüttelt den Kopf. „It’s not Scottish, it’s not English“, wandelt er ein Filmzitat[1] ab. „Ist nämlich einfach nur totes Holz.“ Ich strecke ihm die Zunge raus.
Wir haben Schuhe und Socken ausgezogen und waten durch die Brandung, bis ich abbiege, die Kamera gezückt.
Der Mann seufzt wieder, bleibt abwartend.
„Der Pelikan, da!“, erkläre ich.
Er folgt mir, schaut auf mein Fotomotiv. „Ziemlich abgemagert, findest du nicht? Könnte aber natürlich einfach ein Ast im Sand sein.“
„Oder ein Geisterpelikan … wie der Affe in Fluch der Karibik“, gebe ich zu bedenken.
„In dem Fall viel Erfolg beim Fotografieren eines Gespenstes!“
Ich strecke ihm die Zunge raus.
Gerade als wir umkehren wollen – wir sind schon so weit gelaufen und haben noch über sechs Kilometer Rückweg vor uns –, entdecke ich den Basilisken. Natürlich wende ich sofort die Augen ab und warne den Mann: „Nicht hinschauen! Nicht hinschauen, sonst wirst du versteinert!“
„Werde ich das? Tja, dann wird es schwierig für dich, mich nach Hause zu schaffen.“
„Allerdings.“
Und dann ganz plötzlich erwacht auch das Kind in ihm. Und wenn er mir auch nicht glaubt, so wird er albern. Er wirft mich einfach in den Sand und dreht meinen Kopf mit festem Griff so, dass ich genau in die Richtung des Basilisken schauen muss. „Weißt du, was ich mit dir mache?“
Ich versuche mich zu wehren, aber das kann ich nicht, denn ich lache. Das haben die anderen Kinder früher schon immer ausgenutzt, mich zum Lachen gebracht, weil sie wussten, dass mich dann alle Kräfte verlassen.
„Ich spiele Steinchenflitschen mit dir. Mal sehen, wie oft du übers Wasser hüpfst.“
„Dazu bin ich nicht flach genug“, japse ich.
„Nanu, ich dachte, du wärst jetzt versteinert.“
Ich bin es müde, ihm die Zunge rauszustrecken. Er aber zieht mich hoch, nimmt mich lachend in den Arm und meint. „Zeit für Kaffee und Brötchen.“
Paula Lankow
[1] Snatch von Guy Ritchie: „It‘s not Irish, it’s not English. It’s just Tinkish.”
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