Ein Gastbeitrag von Tom Liehr
Die Eltern und Lehrkräfte unterschieden für uns nach Männer- und Frauenberufen, damals, in den Siebzigern, Achtzigern – eine harte, über Jahrhunderte und -tausende tradierte Trennung, die erst in Richtung Jahrtausendwende nachhaltig aufzuweichen begann, weil man eben schwer wieder aus Köpfen rauskriegt, was sehr früh in sie implantiert wurde. Die Jungs durften sich wünschen, Feuerwehrmann, Astronaut, Fußballer oder Manager zu werden, und die Mädchen Sekretärin, Hausfrau und Mutter, Eiskunstläuferin oder bestenfalls Ärztin (was keine qualitative Bewertung der Aufzählung darstellen soll, sondern die Perspektive unserer Eltern verdeutlichen). Geschlechterübergreifende Ideale, im Geheimen geäußert, weil die Eltern sie niemals goutiert hätten, gingen in Richtung Schauspielerei oder andere Formen der Präsenz vor einer Film- oder Fernsehkamera.
Diese Art von Prominenz war zu jener Zeit noch lebenslang haltbar und erreichte ausnahmslos alle Menschen: Wer bekannt war, den kannte auch jeder und jede. Wir sahen und hörten alle das Gleiche, über fast alle Altersgruppen hinweg. Wer das herstellen durfte, was wir alle sahen und hörten, war tatsächlich auserwählt. Sobald man diesen Kreisen angehörte, verlor die Qualität dessen, was man produzierte, vollständig an Relevanz. Es galt das umgekehrte Paradigma: Weil man dazugehörte, musste ja gut sein, was man tat, ganz egal, wie gut es tatsächlich war. Und wir alle haben diesen Schrott konsumiert, wo wir konnten, und wir hatten kaum andere Themen als diesen Schrott. Wir reden uns das damalige Verhalten heute schön, indem wir das Zeug „kultig“ nennen (etwa die dümmlichen Filme mit Bud Spencer und Terence Hill).
Nur bei Büchern war das anders.
Bücher konsumierte man im Privaten, was langsam und in individuellen Zyklen vonstattenging, und es gab zwar Bestsellerlisten und einige Autoren und Autorinnen, die die Auslagen dominierten, aber daran orientierten sich nur wenige. Bekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen waren zwar auch gewissermaßen prominent, aber nur als Namen und Marken, nicht als Personen. Gelesenes war höchstens ausnahmsweise Thema unter uns Heranwachsenden. Druckerzeugnisse, über die man sich öffentlich äußerte, gab es am Kiosk, und sie hießen „Bravo“ und „Pop/Rocky“ (für Mädchen gab es noch eine Reihe weiterer Magazine, um das Rollenverhalten zu trainieren, die Jungs bekamen später „Yps“). Was ich jedoch las, las und verarbeitete ich alleine.
Was ich zu lesen bekam, brachte meine Mutter wäschekörbeweise an, einmal im Monat, weil sie als ambulante Altenpflegerin einige Menschen betreute, die sie die Ramschtische leerkaufen ließen und ihr später die fertig konsumierten, nach Alteleutewohnungen müffelnden Ausschussbücher als Trinkgeld übereigneten. Die Erwachsenensachen sortierte mein Stiefvater ungelesen in seine „Bibliothek“, die er selbst nie benutzte und die mit schierer Menge unsere seltenen Besucher beeindrucken sollte (was nicht funktionierte), und in den paar Büchern, die für Jüngere geeignet waren, durften meine Geschwister und ich stöbern. Vor allem ich.
Natürlich enthielten die Ramschkörbe selten wirklich gute Sachen, für die man sich sonst in der Bücherei auf die Warteliste setzen lassen musste („Die drei ???“ und so), aber es waren ein paar durchaus lesbare Abenteuerromane darunter (und sehr viele Taschenbuchausgaben von Konsalik-Romanen – ungeheuer viele; Taschenbücher galten für die meisten als Wegwerfware, und alle Erwachsenen lasen Konsalik). Mir waren die Namen auf den Umschlägen damals vor dem Lesen und dabei völlig egal und sind es heute oft immer noch – es kommt auf die Geschichten an. Es gab natürlich viel haarsträubendes Zeug unter diesen Büchern, aber es gab auch: Science Fiction. Sogar Science Fiction für Jugendliche. SF galt zu jener Zeit als abwegig, eskapistisch, minderintelligent, völlig unliterarisch und als etwas, das man höchstens im Stillen konsumierte, ohne je darüber zu sprechen. Wer SF las, war vermutlich zu dumm für die reale Welt. Das kam noch hinter Comics.
Aber einer dieser SF-Taschenbuchromane, sogar explizit für Jugendliche gedacht, war „Tunnel zu den Sternen“ von Robert A. Heinlein. Ich habe ihn fünfmal hintereinander gelesen. Atemanhaltend, unter der Bettdecke, bei flackerndem, nicht sehr hellem Taschenlampenlicht. Ich konnte nicht aufhören. Die Figuren, die Welt, die Handlung, die Spannung – ich fand es unglaublich. Anschließend las ich alle anderen „Juveniles“ von Heinlein, die es zum Glück nach und nach in die Wäschekörbe schafften. Und als es keinen Nachschub mehr gab, beschloss ich, selber welchen herzustellen. Ich beschloss, ein Schriftsteller zu sein, der genau so etwas auch schrieb, der Jugendliche wie mich dazu brachte, ihre Nächte lesend unter der Bettdecke zu verbringen. So schwer konnte das ja nicht sein.
Die größte Hürde schien mir darin zu bestehen, eine so ungeheure Menge Text herzustellen, zweihundertfünfzig, dreihundert Seiten oder mehr, das hätte bei mir Jahre gedauert, sie einfach nur zu schreiben, aufzuschreiben. Die Frage, was da aufzuschreiben wäre, fand ich nebensächlich. Und dann brachte mir meine Mutter eine tonnenschwere, fantastisch laute, extrem unhandliche elektrische Schreibmaschine mit, die ihr einer ihrer Pfleglinge überlassen hatte. Sie tat das eigentlich, damit ich mich selbst und in angemessener Form um die Korrespondenz mit dem Sozialamt kümmern würde. Tatsächlich wurde das zum zweiten, zum entscheidenden Impuls.
Ich belegte sofort einen Kurs im Schreibmaschineschreiben „Anfänger I“ bei der Volkshochschule Schöneberg und fand mich zwei Wochen später unter überwiegend weiblichen Mittzwanzigern, also Menschen, die doppelt so alt wie ich waren, und die, wie ich, beidhändig und blind „KALLA SAAL ALASKA“ tippten, immer wieder, „KALLA SAAL ALASKA“ – zu bilden aus einigen der Buchstaben, die unter den Fingern lagen, wenn man sie in der Grundposition auf der Tastatur hielt. Keine Ahnung, wer „Kalla“ war, aber ich gehörte schon in der ersten Stunde zu den Leuten, die ihre Arbeitsbögen am schnellsten mit seinem oder ihrem Namen gefüllt hatten.
Drei weitere Kurse später beendete ich „Fortgeschrittene II“ als einziger männlicher Teilnehmer. In der Schlussprüfung schaffte ich mehr als 400 Anschläge pro Minute. Fehlerfrei. Als die Frau, die den Kurs leitete, an uns alle gerichtet die Worte sprach, die sie vermutlich jedes Mal zum Abschluss von sich gab („Meine Damen, Sie haben jetzt die besten Voraussetzungen, um eine Arbeit als Sekretärin anzustreben“), sah sie mich irritiert an, und ich dachte:
Jetzt kann ich endlich Schriftsteller werden.
Ich arbeitete an meinem ersten Roman so ähnlich wie ich das heute bei meinem vierzehnten, der veröffentlicht wird (und zwanzigsten insgesamt), immer noch mache: Ich denke über Figuren und Handlung nach, bis sich die Gedanken richtig gut anfühlen, und dann fange ich an zu schreiben, was mal eine Sache von wenigen Tagen, mal eine Angelegenheit von Monaten sein kann. Während meiner Schreibmaschinenlernerei habe ich über „Der Aufstand der Menschen“ intensiv nachgedacht, und als der Tag dann gekommen war, das schnarrende Riesending anzuwerfen, neues Farbband einzulegen, das billige, holzige Schreibmaschinenpapier einzuspannen und loszulegen, wusste ich genau, wo die Reise hingehen würde. Eine Reise, die mit viel Tipp-Ex, Farbbandzurückspulen, dreckigen Fingern, sich verkeilenden Buchstabenhämmerchen, zerreißendem Papier und nervtötendem Warten auf Papiernachschub (das mein Stiefvater aus seiner Firma „mitbrachte“) verbunden war, die sich aber so sensationell anfühlte wie absolut überhaupt nichts, das ich bis dahin erlebt hatte.
Meine Hauptfigur, ein Junge namens Patrick, der in einer Welt lebte, in der die Menschen ihrer motorischen Fähigkeiten beraubt waren, damit sie keine Gefahr für die Regierenden darstellten, wurde ins Abenteuer gestürzt und erlebte und bewältigte es, und ich mit ihm. Ich schuf eine Geschichte, ich schuf Geschichte, arbeitete schneller und schneller, und ich konnte es nach Schulschluss kaum erwarten, zum rasselnden Schreibgerät zu kommen, um die nächsten Seiten zu tippen, engzeilig, bis an den Rand des Papiers, fast zweihundert davon. Bis zum Wörtchen „ENDE“. Dann gab ich das fertige Werk meinem großen Bruder zu lesen, der es genial fand und ein wenig lektorierte, aber ich wusste damals schon, dass auf die Rückmeldung von nahestehenden Menschen nicht viel zu geben ist.
Dann musste ich die Schreibmaschine wieder einmal für ihren eigentlichen Zweck gebrauchen – ich sollte beim Sozialamt Zuschüsse für Bekleidungskäufe beantragen. Ich war vierzehn, fünfzehn. Ich hatte im Schreibmaschinenkurs gelernt, wo man die Adresse setzt, wo Ort und Datum, wie ein Betreff lauten könnte, welche Anreden man wählt, wie man den Brief später faltet, aber wie man Zuschussanträge für Bekleidungskäufe formuliert, das hatte mir niemand erklärt. Also schilderte ich meine Situation und meine Bedürfnisse, stellte eine Liste mit dringend benötigter Kleidung zusammen und begründete bei jedem einzelnen Kleidungsstück wortreich, warum ich es neu brauchte. Dann steckte ich das mehrseitige Schreiben in einen Umschlag, frankierte es und trug es zum Briefkasten.
Einige Tage später klingelte das Telefon. Eine Mitarbeiterin des Sozialamts rief an, wollte mich sprechen, und erklärte mir mit tränenerstickter Stimme, dass die Zuschüsse leider nicht bewilligt werden könnten, was mir einen kleinen Schock versetzte, aber sie hätte einen solchen Brief noch niemals gelesen, deshalb würde sie anrufen, das sei nämlich absolut großartig formuliert, fast druckreif, und ich solle unbedingt darüber nachdenken, später einmal Schriftsteller zu werden. Das wollte sie mir sagen.
Danke dafür, Frau vom Sozialamt.

