Und Friede auf Erden

von Horst-Dieter Radke

von Horst-Dieter Radke

Karl May ist den meisten als Autor von Abenteuerromanen bekannt, in denen überfallen, geschossen – und ja, auch gemordet wird. Bei genauem Hinsehen (und Lesen) wird man aber feststellen, dass gerade die Protagonisten immer um friedliche Lösungen von Konflikten bemüht sind. Ein herausragendes Beispiel für Mays pazifistische Haltung bietet der Roman „Und Friede auf Erden“, und genau dieser Text steht in engem Zusammenhang mit einem kriegerischen Konflikt.

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Ab 1899 begannen in China die Yihéquán (義和拳 / 义和拳) – die „Fäuste der Gerechtigkeit und Harmonie“ – sich gegen die westlichen Großmächte und Japan zu wehren. Da die Yihéquán in der traditionellen chinesischen Kampfkunst ausgebildet waren, wurden sie als „Boxer“ bezeichnet. Sie zerstörten ausländisches Eigentum, griffen christliche Missionare und chinesische Christen an und belagerten Peking. Ab 1900 änderte auch die Kaiserinwitwe Cixi ihre Haltung und unterstützte die Boxer durch kaiserliche Truppen.

Eine Allianz aus acht Staaten (Amerika, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich, Deutsches Reich, Italien, Russland und Japan) schickte Truppen, um gegen diese Boxer vorzugehen. Am 27. Juli 1900 hielt Kaiser Wilhelm II. bei der Verabschiedung der deutschen Truppen in Bremerhaven seine berühmt-berüchtigte Hunnenrede: „Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht … Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“

Der Verleger Joseph Kürschner, der als Redakteur beim Verlag Wilhelm Spemann und später bei der DVA (Deutsche Verlags-Anstalt) Erzählungen von Karl May veröffentlicht hatte, wollte in dieser Situation einen Band zu China herausgeben. Der Titel lautete: „China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik“. Er bat May um eine Reiseerzählung. Im Sinn hatte er dabei wohl etwas in der Art, wie May es zwei Jahrzehnte zuvor im Orientzyklus vorgelegt hatte, eben etwas Abenteuerliches.

May hatte aber gerade seine Orientreise hinter sich, die zu einem deutlichen Sinneswandel, sein Werk betreffend, geführt hatte, und so lieferte er eine Erzählung ab, die Kürschner viel zu spät als „nicht patriotisch“ durchschaute. Schon der Titel – Et in terra pax – hätte ihm zu denken geben müssen. Aber als dies dem Verleger auffiel, war es schon zu spät. Damals war es übliche, dass Erzählungen oft zunächst in Teillieferungen erschienen. So auch Mays „Et in terra pax“, und somit konnte Kürschner das Erscheinen nicht mehr verhindern, sondern May nur noch zu einem schnellen Abschluss bereden. Als May den Roman drei Jahre später für seine Gesammelten Werke überarbeitete, fügte er ein weiteres Kapitel hinzu und gab ihm den Titel „Und Friede auf Erden!“. Veröffentlicht wurde der Roman aber erst nach Mays Tod als letzter Band der „Illustrierten Reiseerzählungen“ (1912).

Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Reise der Hauptperson (Mays Erzählerstimme) mit einem religiösen Fanatiker (Waller) nach China. Mit dabei sind die Tochter Wallers und zwei gebildete Chinesen (Vater und Sohn). Unterwegs werden natürlich Abenteuer erlebt, unter anderem bei den Pyramiden von Gizeh. Später kommt eine Art Geheimgesellschaft – die Shen – hinzu, die sich die Verbreitung des Friedens zur Aufgabe gemacht haben. Mit der Erzählung des Märchens von der Taucherinsel endet dieser Roman abrupt. Das später für die Buchausgabe hinzugefügte Kapitel rundet den Roman schlüssig ab. Die Gegenspieler – die sogenannten Zivilisatoren, die schon im Verlauf des Romans für manchen Konflikt gesorgt haben, entpuppen sich als Opiumschmuggler. Der Fanatiker Waller wird von seinem Wahn geheilt und schließt sich den Shen an.

Von Anfang an hatte May im Sinn, Kürschner »zu hintergehen«, denn mit dem China-Feldzug Deutschlands war er, wie seine Kollegin Bertha von Suttner, mit der er brieflich in Kontakt stand, alles andere als einverstanden. Auf die Vorwürfe Kürschners antwortete May mit einem Märchen: „Gleichnis für Zieger“ (zuerst veröffentlicht unter dem Titel „Der Zauberteppich“).

Holger Kuße und Bernhard Schmid haben sich mit Mays Friedensvorstellungen auseinandergesetzt und darüber ein Buch im Karl May Verlag, Bamberg veröffentlicht: „Karl Mays Friedenswege“ (der Nettoumsatz dieses Buches geht seit 2022 an das Aktionsbündnis »Nothilfe Ukraine«).