Verspätung eines Neuen Jahres

Von Paula Lankow

Die Hofmeisters waren nicht auf Besuch eingestellt. Sie hatten es sich auf ihrer Eckcouch gemütlich gemacht, Kopf an Kopf lagen sie im rechten Winkel, um den gleich guten Blick auf den Fernseher zu haben. Herr Hofmeister hatte seinen Kopf auf den rechten Arm gestützt – „dass dir der Arm nicht einschläft“, wunderte seine Gattin sich jedes Mal, wenn er so da lag – Sie lag etwas hingegossen, den Oberkörper auf einem Kissenturm gebettet, um ihrem Mann etwas von der Anmut zu vermitteln, die sie die kleinen Gelegenheitsjobs als Curvy-Model eingebracht hatte.

Mitten in diese gemütliche Szene klingelte es an der Tür. „Nanu“, wunderte sich Herr Hofmeister; „um diese Zeit?!“ empörte sich seine Frau. Sie hatte auf die Uhr gesehen, es war kurz nach Mitternacht. Die beiden beschlossen den Besucher einfach zu ignorieren und schauten weiter einen ihrer Lieblingsfilme: Drei Männer im Schnee.

Der Besucher wollte sich aber nicht abwimmeln lassen. Denn kurze Zeit später klopfte es an der Terassentür. Sie hätten die Rollläden runterlassen sollen, bevor sie ihren Fernsehabend begonnen hatten. Ungeniert schaute jemand in das Zimmer hinein. Das Paar warf sich unsichere Blicke zu, bis Herr Hofmeister zögernd aufstand und die Tür öffnete.

„Ja?“, fragte er durch den Spalt.

„Dürfte ich vielleicht kurz reinkommen, um mich Ihnen vorzustellen? Außerdem ist es scheußlich kalt.“

Herr Hofmeister schaute sich kurz fragend zu seiner Frau um. Diesen Moment nutzte der Besuch, um rasch ins muckelig warme Wohnzimmer zu schlüpfen. ‚Wie hat er das gemacht?‘, fragte sich Frau Hofmeister. „Ja, nun. Schönen guten Abend, Herr …“, sagte sie.

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin das neue Jahr. Nicht Herr, nicht Frau, schlicht das neue Jahr.“

„Oje, so jung und schon so hohlwangig?“, meinte die Dame des Hauses besorgt.

„Nun, das ist wohl Ihnen zuzuschreiben, liebe Frau Hofmeister“, erwiderte der Gast.

„Mir?“

„Ja, oder haben sie nicht am 28. Dezember gewaschen?“

„Ja, ja, sicher, aber …“

„Und ist Ihnen nicht bekannt, dass sich die Geister des vergangenen Jahres in den Leinen und Laken verfangen?“

„Wir haben einen Trockner.“

„Bitte, was?“

„Wir trocknen die Wäsche nicht auf Leinen, sondern in einem Wäschetrockner.“

Das neue Jahr zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche, in dem es sich einen Vermerk machte. „Kann ich diesen Wäschetrockner vielleicht einmal sehen?“

„Natürlich.“ Frau Hofmeister erhob sich und führte das neue Jahr in die Waschküche im Keller, während Paul Dahlke, Claus Biederstaedt und Günther Lüders im Fernsehen gerade gemeinsam einen Schneemann bauten.

„Wo ist meine Frau?“, fragte Herr Hofmeister, als das neue Jahr alleine aus dem Keller zurückkam.

„Die kommt gleich nach“, erwiderte das neue Jahr, das nun schon etwas weniger hohlwangig aussah, die häusliche Wärme bei dem Ehepaar schien ihm gutzutun. Es setzte sich ganz nah zu dem Hausherrn und lächelte ihn aufreizend an. Der stellte noch fest, dass es ganz niedliche Eckzähne hatte, die ein kleines bisschen länger waren als bei ihm selbst oder seiner Frau. Da beugte es sich schon zu ihm und liebkoste seinen Hals.

***

Das Neue Jahr war sofort besorgt, als es die geöffnete Terassentür sah. Es fand den bleichen Herrn Hofmeister halb sitzend, halb liegend auf der Couch. „Ich bin zu spät“, murmelte es traurig und stieg hinab in den Keller, wo Frau Hofmeister bleich und reglos vor dem Wäschetrockner lag. „Ich hatte ihr sagen wollen, dass sie den Inhalt des Flusensiebs aus dem Hausmüll holen und dem Wind übergeben solle“, murmelte es.

Behutsam bettete das Neue Jahr die Tote neben ihrem Mann auf die Couch, verschloss die Wunden der beiden und tätigte einen Anruf bei der Polizei, bei dem sie sich als besorgte Nachbarin ausgab. Während Paul Dahlke in dröhnendes Lachen ausbrach – er hatte soeben erfahren, dass er das Hotel, in dem man ihn so schlecht behandelt hatte, nicht kaufen konnte, weil es ihm schon gehörte –, schwebte das Neue Jahr betrübt davon, um wenigsten bei der Familie Glienzcek pünktlich zu sein.