von Ulrike Maier
„Darf ich mich für Friedensaktivisten stark machen, wenn ich selbst gar nicht so friedlich bin?“, frage ich. „Wir sollten auf keinen Fall den anderen das Wort überlassen!“, antwortet er. Die Gesichter des Friedens – es gibt sie. Gedanken zu einer Ausstellung:
„Es findet eine Präsentation statt, über Leute, die Frieden stiften“, sagt der Institutsleiter am Telefon. „Würden Sie in diesem Rahmen eine Schreibwerkstatt anbieten?“ Mein Mund wird trocken, meine Hände schwitzen, und ich höre mich sagen: „Aber gerne!“ Und tatsächlich sehne ich mich nach Frieden MACHEN, gerade im Getöse der Welt. Gerne will ich die unterstützen, die ein Zeichen setzen gegen das Krakeele der Despoten. Auf Autorenart, mit einem Friedensstift sozusagen. Allerdings gibt es da einen Stolperstein in meinem hehren „Ja“. Ich fühle mich wie eine Hochstaplerin, denn:
Ich bin dem Sanften nicht geboren, und auch der Weltfriede kommt meistens seiner Bestimmung durch mich nicht näher. Fahre ich durch die Rhein-Main-Metropole zur Arbeit, überkommt mich zuverlässig das Auto-Tourette-Syndrom. Ich finde in diesem Szenario wirklich alle anderen scheiße. Das ist dann auch schon das netteste Wort, das mir aus dem Munde rutscht. Aus zuverlässigen Quellen weiß ich aber, und das ist sehr bedenklich, dass ich nicht die Einzige bin, die rüde Schimpfwörter kennt. Hätten die Autofahrerinnen und ganz gewiss auch die männlichen Kraftfahrzeughalter ein Mikro mit Megafon vor dem Gesicht, käme es in kurzer Zeit zu sehr archaischen Zuständen auf deutschen Straßen. Egal welche Aufkleber auf dem Blech kleben, ob „Frieden schaffen ohne Waffen“, „Ich bremse auch für Tiere“ oder „Böse Onkelz“, im Auto werden wir alle zu intoleranten Idioten.
„Ich bin aber nicht heilig“, füge ich deshalb hinzu. Nicht dass einer sagt, er hätte von nichts gewusst. Der Institutsleiter lacht, es klingt erleichtert. „Dann sind wir beide keine Friedensstifter, sondern eben Friedensstifte!“ WTF?, denke ich. „Stift“, ergänzt er, „im Sinne von Lehrling.“ Und da braucht es noch einen kurzen Augenblick, bevor ich verstehe. Wir gehen bei den Friedensstiftern in die Lehre, damit kann ich leben. Und weil ich mich als Nachrichten-Junky sehr viel und fast ausschließlich mit lauten, persönlichkeitsgestörten Präsidenten beschäftigt habe, mit sehr viel Krieg, mit Waffen und Waffenexporten und eben meinem Auto-Tourette, habe ich keine Ahnung von Leuten, die was machen. Für den Weltfrieden. Es wird Zeit, dass man solche Menschen sieht und hört.
„Gewalt soll nicht das letzte Wort haben“, sagt Otto Raffai aus Zagreb, der sich zur Gewaltfreiheit bekennt. Und er betont: „Wir wirken!“ Eine ungeheuerliche Aussage. Wie viele Menschen denken, sie seien machtlos? Vielleicht auch, weil die Lauten es uns immerzu einreden. Raffai widerspricht ihnen.
Da gibt es Sayed Muhammad Hussaini, der tatsächlich mit Tablet und Stift, um das Wortspiel endgültig auszureizen, gegen die Unterdrückung der Frauen in Afghanistan satirisch anmalt. Er zeichnete sich dabei in Lebensgefahr. Frieden und Frauenrechte gehören für ihn zusammen. Afghanistan, denke ich, ein Versprechen, das wir gebrochen haben.
„Open heart, open mind!“, bringt Ada Hakobyan ihren Friedensbegriff auf den Punkt. Sie wuchs in Armenien auf, wo aus dem Krieg ein Mysterium gemacht wurde, so ihre Worte. Er wurde ihr nicht erklärt, nur der Feind wurde benannt. Deshalb forschte sie zu Ursachen des Krieges. „Friedenschaffen“, sagt sie, „ist jeder Akt der Freundlichkeit. Frieden ist nicht einfach Frieden mit Putin. Er ist die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, in denen keiner Angst haben muss, der zu sein, der er ist.“
Ganz in diesem Sinne agiert das Ehepaar Yuliia und Anastasia, die eine Russin und die andere Ukrainerin. In ihrem „Playoff-Theater“ sitzen Russen und Ukrainer im Publikum und erzählen ihre Geschichten. Diese Geschichten spielen die Schauspielerinnen dann nach, machen sie spürbar. „Nach unseren Auftritten sprechen Menschen miteinander wie am Küchentisch!“, sagen sie. „Es geschieht ein Wunder, wenn wir Räume für Dialog und Begegnung schaffen, auch für Menschen aus Russland und der Ukraine.“
Kämpferischer zeigt sich Hooria Mashour aus dem Jemen, einst Ministerin für Menschenrechte. „Wir Frauen brauchen keine Einladung an den Verhandlungstisch. Wir bringen unsere Stühle selbst mit.“ Der Jemen, ein Konflikt, in dem die ganze Welt mitmischt, den aber die Welt vergessen zu haben scheint.
„So weitermachen ist keine Option!“ Das sind die Worte von Zeynep Karaosman, eine türkische Lehrerin mit palästinensischen Wurzeln. Zusammen mit der ukrainischen Jüdin Swetlana Nowoshenowa gründete sie Palestinians and Jews for Peace, eine Gruppe palästinensischer und jüdischer Freundinnen und Freunde, die sich für differenzierten Dialog und respektvolles Miteinander einsetzen. Berichtet eigentlich noch irgendjemand über Gaza? Da sind noch so viel mehr Menschen und Konfliktgebiete, so viele Institutionen und Aktive, was aber alle berichten: Zerstört ist schnell, und Friedensarbeit ist ein harter Job. Aufgeben ist allerdings keine Option. Eine Ausstellung, die solche Menschen sichtbar macht, um sich mal von den „Anderen“ zu erholen.
Wir sitzen im Auto, in den Nachrichten erzählt einer in Davos, wie großartigst er ist. „Idiot“, sage ich. Der Institutsleiter nickt: „Zeit, dass wir unsere Stühle selbst mitbringen!“
