von Paula Lankow
(The Jam: A Town Called Malice, Album: The Gift)
Spiel Menschen, die an Demenz erkrankt sind, Musik aus alten Zeiten vor, Musik, zu der sie getanzt, „geschwoft“, geküsst haben, und ihre Mienen werden sich erhellen. Sie werden mitsingen, lachen, und für kurze Zeit scheint das Vergessen vergessen, und sogar Gespräche sind möglich.
Ich denke, in seinen Grundzügen ist das in uns allen verankert. Was die Musik anbelangt, die uns geprägt hat, sind wir alle ein kleines bisschen das, was man heutzutage „taste frozen“ nennt. Dabei erwische ich mich selbst des Öfteren. Als Beispiel mag die Playlist des ersten gemeinsamen Urlaubs mit meinem Mann (der damals noch nicht mein Mann war) dienen. Er hatte einiges an Zeit investiert, um Songs, von denen er wusste, dass ich sie mag, von seinen Alben auf Kassette zu überspielen. Darunter The Cure, The Clash, The Jam, Midnight Oil, und natürlich durfte auch der eine oder andere Beatles-Klassiker nicht fehlen.
Die Bands begleiteten uns auf der langen Fahrt nach Nykøbing/Sjæland, wir sangen mit. Wir hörten die Songs auf dem Radio mit Kassettendeck im Ferienhaus, während wir auf Wolke Sieben tanzten oder während wir einfach nur kochten oder aßen, wir hörten sie auf der Rückreise. Und immer noch lösen bestimmte Lieder eine Art „Flash“ in mir aus, wie zum Beispiel Somebody Got Murdered von The Clash oder Power And The Passion von Midnight Oil (das ich damals zum ersten Mal hörte) oder eben auch A Town Called Malice von The Jam.
Vor einigen Jahren hatte mich eine schwere Bronchitis erwischt. Ich bekam starke Medikamente, die meiner Traumwelt nicht eben guttaten, und lag tagelang mit hohem Fieber im Bett oder auf der Couch. Mein Mann war immer noch nicht mein Mann, aber mein Lebensgefährte. Er sorgte für mein Wohl, was hauptsächlich darin lag, mich in Ruhe zu lassen oder mich aus Albträumen zu wecken. Ab und an legte er eine CD in den Player, drehte aber die Lautstärke auf ein für ihn enorm niedriges Maß. Meine Hustenanfälle dürften es ihm noch schwerer gemacht haben, etwas zu hören.
Nach drei oder vier Tagen, sank mein Fieber, die Träume waren weniger Angst einflößend. Ich war benebelt, dösig, sah Bilder, Kurzfilme sozusagen, die für mich einen Sinn ergaben, und da war irgendeine Musik. Als ich richtig wach wurde, realisierte ich, dass gerade A Town Called Malice lief. „Das ist ja interessant“, dachte ich, „das macht ja richtig Sinn“. Ich rappelte mich auf und holte mir Stift und das erstbeste Notizbuch, das ich zu greifen bekam, und machte mir Notizen von den Traumbildern und -Kurzfilmen.
Als und weil mir die „Kurzfilme“ auch nach Wochen noch lebhaft vor Augen standen und sich nach wie vor auf seltsame Weise sinnvoll zusammenfügten, entstand meine Kurzgeschichte Ma Lies; Die Wege des Erzählers mit Lies kreuzen sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder, um am Ende – wie könnte es auch anders sein? – ein Geheimnis zu lüften. Einzelne Zeilen des Songs von The Jam bilden die Zwischenüberschriften (wie z.B. When tears come fast and furious oder Hanging out their old love letters on the line to dry).
Für mich ist Ma Lies eine Art Leidensgeschichte, denn kaum einer meiner Text hat mich so intensiv und dauerhaft beschäftigt. Er tut es immer noch, weshalb ich nach wie vor Kleinigkeiten ändere und mit Passagen und Sätzen hadere.
Oder um es in diesem Fall mit The Jam zu sagen: „Better stop dreaming of the quiet life”.
