von Joan Weng
„Shostakovich! Walzer Nr. 2!“
Das war die spontane Antwort eines lieben Freundes auf meine Frage, über welches Musikstück ich in der aktuellen Sonntagserie schreiben solle. Und ja – er hat da ganz eindeutig einen Punkt. Obwohl ein Großteil meiner Romane in der Jazz-Ära spielt, haben meine Heldinnen und Helden zu keinem anderen Stück häufiger getanzt, geküsst oder sich mit verräterisch glänzenden Augen auf die Unterlippe gebissen.
Auch Robbie Williams’ Freedom hätte sich angeboten, denn in meiner allerersten – und zu meiner bis heute riesigen Freude mit dem Hattinger Literaturpreis ausgezeichneten – Kurzgeschichte geht es genau um diesen Song und seine Bedeutung für zwei Teenager. Am Ende aber wird er von der Kassette gelöscht, überspielt, von einem bildungsbeflissenen Erwachsenen. Und womit? Natürlich mit Shostakovichs Walzer Nr. 2.
Aber wenn ich ehrlich bin, war es vermutlich ein ganz anderer Titel, der mich wie kaum ein zweiter in meinem Schreiben geprägt hat – auch wenn er bislang in keinem meiner Texte aufgetaucht ist: „Up the Junction“ von der Band Squeeze.
Es ist kein besonders bekanntes Lied, und die Band selbst genießt nur mäßige Berühmtheit. Für mich jedoch war dieses Stück vermutlich richtungsweisend.
Der namenlos bleibende Erzähler berichtet von seiner – trotz aller Härten – glücklichen Beziehung zu einem Mädchen aus dem Londoner Arbeiterviertel Clapham. Man lernt sich bei der Essensausgabe einer Suppenküche kennen; er ist sofort hingerissen von der Hingabe, mit der sie die Portionen verteilt. „You are a lady“, stellt er bewundernd fest – und sie scheint dieser Beschreibung keineswegs abgeneigt, erwidert bescheiden und doch selbstbewusst: „Perhaps, I may be.“
Es folgt eine unvergessliche Nacht auf dem windigen Gemeindeplatz. Die beiden ziehen zusammen in einen Keller; der stinkt zwar, aber es ist ihnen egal, solange sie nur beieinander sind. Der Protagonist findet – trotz grassierender Arbeitslosigkeit – einen Knochenjob: elf Stunden täglich, draußen in der Winterkälte. Und doch macht er ihn gern, bringt seiner zukünftigen Verlobten manchmal Blumen mit, spart jede Woche zehn Pfund und muss am Ende dennoch den Fernseher, ihr einziges Statussymbol, verkaufen, um die gebrauchten Babykleider für ihr gemeinsames Kind zu bezahlen.
Als schlimm empfinden die beiden das nicht; dann sitzen sie eben gemeinsam am Kamin und schauen den Bewegungen des Babys im Bauch zu.
Auch das kleine Mädchen, das seine ewig namenlose Geliebte schließlich zur Welt bringt, ist eine reine Freude – läuft schon mit einem Jahr und gleicht der angebeteten Mutter, if there could be another.
Schön ist das zu hören. Warm. Eine kleine Erfolgsgeschichte, Liebe macht eben alles möglich – selbst im betongrauen Clapham der späten Siebziger Jahre.
Man könnte glatt glauben, den Titel „Up the Junction“ – „vor die Hunde gehen“ – falsch verstanden zu haben.
Doch dann, ganz beiläufig, fast lapidar, berichtet der Erzähler, man sei inzwischen getrennt. Die Geliebte lebe nun mit einem Soldaten zusammen. Seine Briefe blieben unbeantwortet. Sein Trinken und seine Spielsucht seien am Ende eben doch zu lästig gewesen, was ihn zu dem trockenen Kommentar verführt: And so it’s my assumption, I’m really up the junction.
Und genau dieses plötzliche Kippen war es, das mich so nachhaltig beeindruckt hat: die Art, wie eine scheinbar unerschütterliche Glückserzählung mit einem einzigen, unspektakulären Satz aus den Angeln gehoben wird. Kein großes Drama, kein orchestrales Crescendo – nur ein müder, fast entschuldigender Nachsatz, der eine ganze Welt zum Einsturz bringt.
Diese Haltung des Erzählers, dieses beharrliche Berichten von Liebe, Alltag und kleinen Erfolgen, während im Hintergrund längst Risse entstanden sind, hat mich früh fasziniert. Dieses Nichterzählen des Unsagbaren.
Er liebt, er arbeitet, er kämpft – und doch entgleitet ihm sein Leben vollkommen. Wir erfahren nicht warum oder wann, und gerade dieses Weglassen bewundere ich bis heute.
Das kostet Mut und oft auch Sterne bei amazon, aber ich glaube dennoch, das ist es wert, genau wie es die am Ende eben doch gescheiterte Liebe zu dem Mädchen aus Clapham war.
