von Joan Weng
„Ich wollt, ich wär ein Huhn, dann hätt ich nichts zu tun …“ – diesen von den Comedian Harmonists stammenden Nonsens-Schlager hört in der Neuverfilmung von Stefan Zweigs Schachnovelle ausgerechnet ein hauptberuflich folternder Nazischerge. Zur Einstimmung bei der Arbeit.
Obwohl ich den Film wegen seiner zahlreichen Abweichungen von der Vorlage nicht mochte, habe ich diesen Kunstgriff immer als außerordentlich gelungen empfunden: heiterer, jüdisch geprägter Schlager mit hohem nervigem Potential, eng verknüpft mit routinierter, berufsmäßiger Brutalität. Das hätte dem Musikliebhaber Zweig bestimmt gefallen.
Hier gelang für mich der Sprung von Literatur zur Leinwand besonders überzeugend.
Filme arbeiten bekanntlich gern mit solchen Erkennungsmelodien. Laras Thema aus Doctor Zhivago ist nur eines der ersten Beispiele, die einem einfallen; das Indiana Jones-Theme oder der Imperiale Marsch sind längst ikonisch.
Aber auch in der Literatur finden sich bei genauerem Hinsehen zahlreiche gelungene – und auch weniger gelungene – Verknüpfungen zwischen Liedern und Inhalt.
Als aktuelles Erfolgsbeispiel lassen sich die Volkslieder in Der Gesang der Flusskrebse nennen: Sie strukturieren Erinnerungen und Zugehörigkeiten klar. Ähnlich naheliegend geschieht dies auch in 22 Bahnen, wenn die beiden Schwestern gemeinsam der Leserschaft bekannte Hits singen und sich dabei selbst als Einheit bestätigen und begreifen. Auch zur zeitlichen Einordnung der Handlung werden Musikstücke gern genutzt – man denke nur an High Fidelity oder Naokos Lächeln.
Die Liste der Werke, in denen Songs und Melodien auf diese Weise eingesetzt werden, ließe sich fast ins Unendliche verlängern.
Darüber hinaus dient Musik häufig der Charakterisierung von Protagonisten. Um den Klassikern ihren Platz zu geben, sei hier auf Doktor Faustus verwiesen, in dem die Zwölftonmusik des Komponisten Adrian Leverkühn als ästhetisches und moralisches Programm gelesen werden kann. Ebenso auf den Gegensatz von Mozart und Jazz in Der Steppenwolf, der die innere Zerrissenheit Harry Hallers zwischen bürgerlichem Ideal und Lebenshunger eindrücklich spiegelt.
Am schönsten aber ist es meiner Meinung nach, wenn Musik nicht „nur“ Mittel zum Zweck bleibt, sondern quasi organisch in das Werk eingebunden ist. Lolita sei hier als gelungenes Beispiel genannt: Durch die süße Harmlosigkeit von Jazz und Pop entsteht eine heitere Oberflächlichkeit, unter der sich Gewalt, Manipulation und brutalste Hierarchie verbergen.
Meiner Meinung nach unübertroffen in der doppelbödigen Verwendung von Musik ist jedoch A Clockwork Orange. Der „gute alte Ludwig van“ erfährt hier eine radikale Umcodierung – vom harmlosen Einstimmungswerkzeug zur Gewalt, schließlich zum brutalen Folterinstrument –, während Alex spiegelbildlich vom Täter zum Opfer wird.
Und vermutlich ließen sich noch viele weitere Titel großer Autorinnen und Autoren nennen, sobald man einmal damit beginnt, darüber nachzudenken. Wir hoffen, dass unsere Sonntagserie zum Thema Musik genau dazu angeregt hat: nachzudenken, selbst zu lesen oder – vielleicht sogar noch schöner – selbst zu schreiben.
