Weiterfahren, auch wenn der Tank fast leer ist

Ein Gastbeitrag von Tom Liehr

Der Musikgeschmack meines zehn Jahre älteren großen Bruders und der meine verhielten sich seit jeher divergent. Tatsächlich war er, den ich jederzeit bewundert habe (woran sich bis heute nichts geändert hat), für eine Weile (und nicht nur zu meiner ganz erheblichen Irritation) ein großer Fan des deutschen Bandleaders „James Last“, der vor allem in den Siebzigerjahren mit seinen seichten Orchester-Versionen von Pop- und Volksmusik Furore machte und es irgendwann sogar zu einem Auftritt in der Londoner Royal Albert Hall brachte. Ich hielt von dieser Musik damals nichts, woran sich bis heute nichts geändert hat. Meine von Jugend an gehegte Befürchtung, man würde mit dem Älterwerden neben anderen Geschmäckern auch den für gute Musik einbüßen, hat sich bislang glücklicherweise nicht bewahrheitet (auch bei den anderen Geschmäckern ist noch alles im Lot).

Überraschenderweise war es mein großer Bruder, der neben deutschen Liedermachern wie Ulrich Roski und Reinhard Mey auch Bands wie die Eagles und Supertramp sehr mochte (es war nicht alles schlecht, damals), der mir eines Tages eine LP zuwarf und sagte: „Hör dir die mal an, das wird dir gefallen.“ Ich weiß bis heute nicht, wie er auf die Idee kam, denn er wusste fast nichts über meinen Musikgeschmack.

Auf dem in Braun-, Gold- und Lilatönen gehaltenen Cover war eine Landstraße zu sehen, die zwischen zwei Hügeln in Richtung Himmel zu führen schien, und im Vordergrund, quasi mitten auf dieser Landstraße, stand ein großes Drumkit, ein Schlagzeug. Das Album hieß „Running On Empty“ und war von Jackson Browne, der übrigens, wie ich erst viel später erfuhr (genauso, wie ich erst Jahre später herausbekam, was der Albumtitel bedeutet), den bis dahin größten Hit der Eagles geschrieben hatte, nämlich das berühmte „Take It Easy“. Dieses (inzwischen legendäre) Cover kam mir sofort bekannt vor, und mir fiel auch bald ein, woher – es hing in der Wohnung von Mindy neben der Eingangstür, der Wohnung von Mindy aus der Fernsehserie „Mork vom Ork“, die zu jener Zeit alle geschaut haben, und die Robin Williams weltbekannt machte.

Ich hörte mir die Platte befehlsgemäß in aller Ruhe an und fand nicht alles gleich gut, aber als ich beim Schluss angelangt war, der aus zwei Songs besteht, die mit viel Dynamik ineinander übergehen, war ich, wie man heute sagen würde oder vor ein paar Monaten noch gesagt hat, lost. Browne hatte mich gepackt. Erst „The Load-Out“, der gemächlich beginnende Song (Klavier, Solostimme) darüber, dass man viel zu wenig Zeit für den Auftritt hat und viel zu oft einfach unterwegs ist, wenn man auf Tour ist, obwohl man doch eigentlich nur spielen will, und anschließend in voller Besetzung „Stay“, das eigentlich eine Coverversion ist, und die Leute dazu auffordert, bitte noch eine Weile zu bleiben, damit man wenigstens noch einen weiteren Song spielen kann. Wie alles auf dem Album ist es live aufgenommen, allerdings ist nicht alles vor Publikum gespielt worden, sondern unter anderem im Tourbus oder in einem Hotelzimmer, aber alles während der Zeit auf Tour, während unter Umständen die Tankanzeige des Busses schon auf „Empty“ zuging. Denn „Running On Empty“ bedeutet: Mit so gut wie leerem Tank fahren.

Nach dem dritten, vierten Hören war ich Brownes Stimme und der Platte völlig verfallen, mochte jeden Song (okay, bis auf „Shaky Town“) und jede Nuance, ich lernte die Texte auswendig und versuchte, sie zu verstehen. Dass auf dem Album Instrumente zu hören waren, die von den Musikern aus meinem Beuteschema eher gemieden wurden, etwa Fiddle und Hammondorgel, störte mich nicht. Ich befasste mich mit dem Musiker, mit dem Menschen Jackson Browne – etwas, das ich bislang noch nie getan hatte, weil mich normalerweise nur das Produkt interessierte (und das in aller Regel auch nur vorübergehend) und weniger, wer es warum und wie gemacht hatte. Es war damals, in den späten Siebzigern, ohnehin noch nicht leicht, an Informationen über Musiker aus der zweiten, dritten Reihe (aus deutscher Perspektive – in den U.S. of A. war Browne schon damals sehr populär) zu kommen, und ich habe die Booklets und Plattencover studiert, denn ich habe mir natürlich auch alle anderen Alben gekauft, von denen aber kein weiteres auch nur annähernd an „Running On Empty“ heranreichte.

Nach und nach wurde aus der Begeisterung für die Musik, die tatsächlich bald zu Gunsten moderner Mucke wieder etwas nachließ (ich hörte „Running On Empty“ aber weiterhin fast regelmäßig), Begeisterung für die Person. Ich fing an, zu erforschen und zu bewundern, was der Mann tat und getan hatte. Sein Talent, seine menschenfreundliche, sozialliberale Einstellung. Seine Bereitschaft, zuzuhören, sich für Leute zu interessieren, sein soziales, aber auch politisches Engagement. Die Art, wie er seine Popularität nutzte, um etwas zu erreichen, ohne sie dafür auszunutzen. Das, was ihm selbst seine eigene Musik zu bedeuten schien. Sein Perfektionismus. Die Fähigkeit, etwas offenbar immer noch sehr zu lieben, das man schon vielhundertmal getan hatte. Das war etwas, wovor ich Angst hatte, als ich meine eigene Laufbahn startete: Irgendwann zu hassen, was ich tat, aber nicht aufhören zu dürfen.

Und dann sah ihn meine Mutter mal im Fernsehen, rief mich an und sagte: „Der sieht ja aus wie du.“ Etwas älter, ja, aber auch ich hatte zu dieser Zeit die mittelgescheitelten, schulterlangen Haare, war ein, wie man sagte, großer Schlaks, und guckte wohl manchmal so ähnlich.

Als über zwanzig Jahre später mein erster Roman „Radio Nights“ (2003) entstand, der, weil es um Radio ging, natürlich auch Musik zum Thema hatte, war es für mich ganz selbstverständlich, Jackson Browne prominent zu erwähnen, zu einer Figur zu machen, für ihn zu werben, und eines der Kapitel des Romans trägt den Titel „Running On Empty“. Tatsächlich nennt die Hauptfigur seinen Sohn Jackson. Aber auch in „Sommerhit“ (2011), in dem es ebenfalls um Musik geht – die Hauptfigur der (an den Graf-von-Montechristo-Plot erinnernden) West-Ost-Geschichte ist ein Musiker, der eher unfreiwillig einen Hit landet –  spielen Browne und seine Musik wichtige Rollen; und in meinem bislang letzten, dreizehnten Roman „Im wechselnden Licht der Jahre“ (2024) trifft der Protagonist Alexander Bengt einen amerikanischen Musiker namens Ayksen Brahoon (bitte laut aussprechen), der in seine Nachbarschaft in Kleinmachnow zieht, einen Ort im Berliner Speckgürtel, und die beiden freunden sich an. Damit habe ich, obwohl er das wohl kaum je erfahren wird, auf meine Art versucht, Jackson Browne für den positiven Einfluss auf mein Zeug Danke zu sagen. Ich habe ihn übrigens einmal persönlich getroffen, bei einem mäßig besuchten Auftritt im Apple-Store am Berliner Ku‘Damm, habe aber nichts Vernünftiges über die Lippen gebracht und mir nur ein Albumcover signieren lassen (das von „The Pretender“, denn das Cover von „Running On Empty“ ist für Edding-Signaturen ungeeignet).

Was ich zu sagen gehabt hätte, habe ich geschrieben.

Tatsächlich ist der inzwischen Siebenundsiebzigjährige immer noch aktiv und unterwegs und macht auch hin und wieder Platten, die ich mir aber nicht mehr anhöre, weil ich diese Musik nicht mehr mag, und auch „Running On Empty“ kommt höchstens alle Jahre mal wieder auf den Plattenteller, generiert dabei aber deutlich weniger Begeisterung als damals. Das ist okay für mich, weil ich es positiv finde, sich zu verändern, doch als Künstler und für sein Engagement bewundere ich Browne nach wie vor, halte ihn für ein, für mein Vorbild.

Mein ganz persönlicher Abschied von seiner Musik fand übrigens vor ungefähr elf Jahren statt, bei einem Konzert in London.

In der Royal Albert Hall.

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