Wenn es draußen zu heiß ist, hilft manchmal nur noch eine Riesenbirne

von 42er

von Joan Weng

Es gibt Sommertage, an denen man als Mutter oder Vater sehr deutlich spürt: Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem Schluss ist mit der pädagogisch wertvollen Sommerbespaßung von wegen „Wir essen gefrorenes Obst“ und „Kommt, wir machen Nicecream“.

Die Kinder kleben am Sofa fest. Die Katze liegt da wie ein sehr kleiner, sehr beleidigter Teppich. Und im Freibad ist es zu voll, außerdem muss man da ja erst einmal hinkommen. Nee – keine Alternative!

Kurz: Es ist heiß – nicht schön warm. Nicht „ach, herrlich, Sommer“. Es ist heiß.

Es ist eigentlich Vorlesewetter. Aber an solchen Tagen braucht man ein Buch, das nicht auch noch anstrengend ist. Kein Buch, bei dem man viel erklären muss. Kein Buch, bei dem man nach drei Seiten denkt: Sehr schön illustriert, aber leider fühle ich mich jetzt noch erschöpfter.

Man braucht ein Buch, das sagt: Komm, wir lesen – und für eine Stunde sind wir ganz woanders.

Und genau deshalb ist Jakob Martin Strids „Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne“ ein ganz wunderbarer Vorlesetipp für Hitzetage.

Schon die Ausgangslage ist herrlich: Kater Mika und Elefant Sebastian finden beim Angeln eine Flaschenpost. Darin steckt ein geheimnisvolles Samenkorn. Und weil Kinderbücher glücklicherweise nicht von vernünftigen Erwachsenen regiert werden, die erst einmal recherchieren, ob man so etwas überhaupt einpflanzen sollte, wird das Samenkorn natürlich eingepflanzt.

Über Nacht wächst daraus eine gigantische Birne.

Die Biologen unter uns staunen, aber ab da ist dann auch klar: Dieses Buch hat keinen vornehmen Respekt vor der Realität. Sehr gut. Denn was folgt, ist ein großes, schräges, liebevolles Abenteuer mit sprechenden Tieren, einem Seeungeheuer, Piraten, einer Reise über das nachtschwarze Meer und sehr vielen Bildern, in denen man sich wunderbar verlieren kann.

Man liest nicht einfach nur vor – man taucht ein. Man zeigt. Man sucht. Man kommentiert. Man ruft: „Guck mal da!“ Und dann ruft das Kind: „Nein, guck DU mal da!“

Besonders schön ist an diesem Buch, dass es für verschiedene Kinderalter funktioniert. Die Kleinen lieben die Bilder, die Tiere, den Unsinn, die riesige Birne. Die Größeren merken schon, wie komisch die Figuren sind, wie liebevoll überdreht die ganze Welt gebaut ist und wie viel Witz in den Details steckt.Und ich freue mich ganz persönlich, dass „Tender Is the Night“ von F. Scott Fitzgerald in der Birne auf dem Boden liegt. Es ist kein glattes, braves „Jetzt lernen wir alle etwas über Zusammenhalt und Umweltschutz“-Buch. Obwohl man natürlich trotzdem etwas über Zusammenhalt lernt. Aber eben nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern mit einer Birne.

Für heiße Tage ist es perfekt, weil es genau die richtige Mischung hat: viel Abenteuer, aber nicht hektisch. Viel Fantasie, aber nicht verwirrend. Viel Text, aber durch die Bilder so leicht, dass auch müde Sommerköpfe gut mitkommen.

Man kann es auf dem Sofa lesen, im Schatten, im abgedunkelten Kinderzimmer, neben einem Ventilator, mit den Füßen in einer Schüssel voll kaltem Wasser – theoretisch. Praktisch wird dabei vermutlich jemand sagen, dass er jetzt auch eine Flaschenpost basteln möchte.

Dann hat man natürlich ein neues Problem. Aber immerhin ein nasses. Und ich freue mich schon auf den Moment, in dem mich jemand fragt, was ich bei der Hitze gemacht habe, und ich entgegne: „Ich? Ich bin in einer Riesenbirne übers Meer gesegelt.“

P.s.:Alle Copyrights für die Bilder liegen beim Verlag.