Wenn plötzlich der Weltfrieden ausbräche

von 42er

von Paula Lankow

Sonntags machten wir früher regelmäßig Familienausflüge, mit Tanten und Onkel und Großeltern. Ich erinnere mich an ein Frühlingswochenende, an dem wir zum Mahnmal in der Bittermark (ein Waldgebiet am Rande Dortmunds) spaziert sind. Ich war damals drei oder vier Jahre alt und stand ehrfürchtig vor dem Monument. „Mama, wann kommt immer Krieg?“, fragte ich. „Wenn Erwachsene sich streiten“, erwiderte meine Mutter. „Oh“, sagte ich und schaute beunruhigt zu meiner ältesten Tante und deren Mann hinüber, die sich regelmäßig stritten wie die Kesselflicker und also einen Krieg auslösen konnten. „Nein, nein, nein“, sagte meine Mutter rasch und versprach: „Es wird keinen Krieg mehr geben, jetzt ist Frieden“, und ich glaube, damals war sie von der Richtigkeit dieser Behauptung überzeugt.

Ich wollte Frieden, immerwährenden Frieden. Ich will Frieden – für alle! Und ich wollte einen Friedenstext schreiben. Doch jedes Mal erstarb das Projekt im Ansatz oder verwandelte sich in einen Kriegstext bzw. einen Text über den Krieg, in ein klägliches Zeugnis meiner Verzweiflung. Und diese kriegsbedingte Verzweiflung wird vermutlich erst aufhören, in mir zu toben, wenn der Weltfriede ausbricht. „Wie sinnlos also jeder Versuch über den Frieden“, wollte ich resignieren, raffte mich dann doch noch einmal, ein letztes Mal auf.

Und dann, ausgerechnet am Morgen dieses Samstags, dieses 28. Februars, als ich an meinem Schreibtisch sitze, belehren mich die Nachrichten über einen weiteren Kriegsausbruch. Ich heule auf, raufe mir im wahrsten Sinn des Wortes die Haare. Da weht durch mein offenes Fenster die sechzehnjährige Stimme Nicoles, die sich „ein bisschen Frieden“ wünscht. „Ein bisschen?“, will ich aus dem Fenster brüllen. „Seid ihr bescheuert, oder was?“

Da merke ich, dass die Musik aus der Wohnung von Frau B. nach draußen drängt, Frau B., die – während eines Heimaturlaubs gezeugt – ihren Vater niemals kennengelernt hat. Der ist wie sein Bruder „im Krieg geblieben“. So nannten sie das damals euphemistisch, weil nicht immer sicher war, wer, wo und wie und ob überhaupt gestorben war. Frau B.s Mutter beweinte den Gatten, die Großmutter gleich zwei Söhne.

Sofort verzeihe ich Frau B. Und ich muss direkt an den alten Mann denken, der letzten Sommer vor einem Eiscafé an einem Nebentisch saß. Ich lutschte Joghurteis von meinem Löffel, als er sich zu mir herüberbeugte. „Schlimm das mit dem Krieg, jetzt auch in Gaza. Von der Ukraine spricht ja niemand mehr …“ Das stimmte vielleicht nicht ganz, aber ich wollte nicht widersprechen. „Ich komme gerade von meinem Nachbarn vom Schrebergarten. Der hat Tauben. Ich habe ja keine mehr, schon lange nicht mehr. Mit 78 habe ich aufgehört und die Vögel abgegeben. Jetzt werde ich 91. Aber der Fred, der hat noch welche.“

Ich blickte den Alten an. Ich wusste noch nicht, ob er zu den Menschen, gehörte, denen ich gerne meine Aufmerksamkeit gebe, oder eher nicht.

„Man muss ja was machen“, fuhr er fort, „gegen den Krieg.“ Er wischte sich mit einem weißen, akkurat gefalteten Taschentuch die Augen. Ich lächelte etwas hilflos, fragte mich: Was will er tun? (In meinem Kopf erklang das Lied „Das Gewehr geladen in der starken Hand/ Zieht der Ritter ohne Rüstung durch das wilde Land“, aus dem Film Stand by Me. Und ich lächelte – vielleicht etwas spöttisch?). „Wir waren 10 Leute. Jeder hat eine Taube genommen und sie fliegen lassen. Für den Frieden.“

„Das ist … eine schöne Geste“, sagte ich, war gleichzeitig gerührt und machte gedanklich die Geste winzig klein: Wem hilft das? Dabei war ich doch auch einmal friedensbewegt. Ging trotz stärkster Bedenken meiner Eltern auf die Demo gegen den NATO-Doppelbeschluss, las Bertha von Suttners Die Waffen nieder aus dem Jahr 1889, feierte die Schriftstellerin, die als erste Frau 1905 den Friedensnobelpreis verliehen bekommen hatte.

Doch mein Pazifismus hatte auch eine wenig friedvolle, eine kratzbürstige Seite. Als eine Kommilitonin einmal meinte, man müsse sich nur geschlossen weigern, den Befehlen der Mächtigen zu gehorchen, erwiderte ich sarkastisch „klar“. Als sie ein Szenario entwarf, in dem alle Frauen sich stark machten gegen Krieg, sah mein Gegenentwurf so aus, dass dann eine Truppe (denn es gäbe IMMER eine hörige Menge) die Kinder entführte und mit deren Tötung drohte, was dann? Die Kommilitonin verstummte. Dabei wünschte doch auch ich mir verzweifelt Frieden für ALLE Menschen (dass wir in Frieden lebten, nahm ich dankbar an, aber ich hatte immer im Kopf, dass das trotz des Versprechens meiner Mutter auch für uns kein Zustand für die Ewigkeit sein muss.)

Ich war streng, nahm die Sache mit dem Frieden sehr ernst! Als Nicole 1982 den ESC (der damals noch Grand Prix Eurovision de la chançon hieß) mit dem Siegel/Meinunger-Song Ein bisschen Frieden gewann, kreischte ich fassungslos: „Im Ernst!?“

„Ist doch schön“, meinte meine Mutter. Den ironischen Unterton in ihrer Stimme hatte ich im Eifer überhört. „Was?! Diese banale Musik! Und der Text! DER TEXT!!! Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen, und dass die Menschen nicht so oft weinen?! Das ist so, so …“ Meine Eltern und meine Schwester warfen sich vor Lachen in die Sofakissen. Das taten sie immer, wenn ich vor Wut schäumte. Das war meistens ihre Methode, zumindest den Familienfrieden wieder herzustellen.

Als Nena kein Jahr später mit 99 Luftballons einen Hit landete, hatte ich in meiner Clique Verbündete. Wir nahmen spöttisch den Text auseinander, zogen uns an dem Reim „99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister“ hoch. „Wenigstens originell“, sagte einer, „aber schlecht“ erwiderte ein anderer. „Wenigstens die Musik ist ganz okay“, meinte ein weiterer. Ich verdrehte die Augen.

Als wir später in einer Theaterübung an der Uni ausgerechnet den Einakter „Der Ausbruch des Weltfriedens“ von Curt Goetz umsetzen sollten, war ich wieder verstimmt. Mit dem Weltfrieden scherzt man nicht, der ist kein Stoff für Komödien, fand ich.

In dem Stück lädt der englische Premierminister die Botschafter aller Staaten zu einer Krisensitzung ein. Ein Gast stellt den teuflischen Plan vom Weltfrieden vor. Man hat nämlich eine entsprechende „Waffe“ entwickelt, den Satellit des guten Willens kurz SAGUWIL. Wird dieser erst einmal ins All geschossen, senkt sich eine ungeheuerliche Friedfertigkeit über alle Menschen und Staatsoberhäupter.

Es entwickelt sich eine hitzige Diskussion. Während die einen erst einmal keine Meinung dazu haben, weil sie die ihres jeweiligen Staatschefs noch nicht gehört haben, geben die anderen zu bedenken, dass dies ja jedes Druckmittel gegen die verfeindeten Staaten nähme. Und wie wirkt sich so ein Weltfriede auf den internationalen Handel aus? Man schlägt vor, sich zu vertagen. Doch weil die Erschaffer von SAGUWIL mit dieser Debatte gerechnet haben, haben sie den Satelliten schon längst ins All geschossen.

Nun ja, eine schöne Fiktion dieses Stück. Aber trotzdem: Wenn irgendjemand zufällig die Baupläne von SAGUWIL findet (und lasst es nicht die Putins, Trumps, Nitanjahus, Chameneis … sein!), bitte, bitte, bitte …

In der Zwischenzeit lassen wir Tauben fliegen, singen Lieder, ob banal, anrührend oder poetisch, und sollten die Hoffnung nicht sterben lassen. Denn der Zustand des Friedens ist ja keine Utopie, wie nicht zuletzt gerade wir in unserer (noch) Oase des Friedens wissen.