von Birgit Gürtler
Im Internet recherchierte ich nach einem Goethe-Brevier oder etwas anderes, was mich aus der Epoche der Romantik ansprechen würde und entdeckte ein ganz besonderes Werk.
Wenn ich darin blättere, dann kommt es mir vor, ich lese ein Buch in einer anderen Sprache. Nicht die Sprache einer anderen Nation oder Kultur, nein, es sind Worte, die vor Poesie übersprudeln und meist von einem übermütigen freudigen Taumel untermalt oder von Sehnsuchtsvollen Seufzern getragen werden
Genaugenommen ist es kein Buch im Sinne eines Romans, in dem eine fiktive Geschichte erzählt wird. Stattdessen handelt es sich um den Briefverkehr zwischen Goethe und Bettina von Arnim, den die Schriftstellerin unter dem Titel: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde im Jahre 1835 veröffentlichte.
Es ist gegliedert, in: Das Vorwort, den Briefverkehr, den Bettina mit Goethes Mutter pflegte, dem Briefverkehr mit Goethe und zum Abschluss noch das Kapitel „Buch der Liebe“ In diesem letzten Abschnitt sind Passagen aus verschiedenen Briefen enthalten, die teils nie abgesendet wurden und werden im Inhaltsverzeichnis als Tagebuch bezeichnet.
Schon der erste Satz ist sehr ausdrucksstark und deutet an, dass sich Bettina von Arnim, Schwester des Dichters Clemens Brentano, bewusst war, dass nicht jeder diese Ausgabe mit Wohlwollen aufnehmen würde.
DIES BUCH IST FÜR DIE GUTEN UND NICHT FÜR DIE BÖSEN.
Durch Vergleiche mit originalen Briefen weiß man, dass Bettina von Arnim Passagen im poetischen Sinne ausgeschmückt hat, um den Briefen und der idealisierten Schwärmerei, die sie für Goethe hegte, besondere Bedeutung zu verleihen.
Doch wie dem auch sei. Ich bin immer wieder von ihrer Kunst, Gedanken in ganz besondere Worte zu fassen, zutiefst beeindruckt.
Zu ihren Lebzeiten war sie für ihre unkonventionelle Art bekannt, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen und sich über die Etikette der damaligen Zeit hinwegzusetzen. Sie mochte damit anecken, doch ihrem wachen Geist und ihrer tiefsinnigen Rede konnte sich kaum jemand entziehen, davon zeugen die Briefe und Berichte jener Zeit.
Die Briefe sind ein wahrer Geschichtsschatz. Man taucht in die damalige Sprache und Ausdrucksweise ein. Im Verlauf des Briefverkehrs wird deutlich, dass Frau Goethe und Bettina schnell Freundschaft schließen und sich über Gott und die Welt austauschen. Bettina gerät zudem ins Schwärmen für ihren Sohn Wolfgang. Bettina wird ermuntert, dem großen Dichter in Weimar einen Brief zu schreiben. Fortan liegt auch ein „Billett“ für Bettina in den Briefen, die Goethe an seine Mutter sandte bei.
Während Bettina nun auch dem großen Dichterfürsten regelmäßig in höchst schwärmerischen Tönen schreibt, erfährt man, dass sich Bettina von Goethes Mutter den Werdegang ihres Sohnes erzählen lässt den sie nach Goethes Zuspruch, gewissenhaft aufschreibt.
Auf diese Weise wurde Bettina nicht nur zur schwärmerischen Verehrerin, sondern auch zur Bewahrerin seiner Jugenderinnerungen — Aufzeichnungen, die Goethe später als Gedächtnisstütze für seine eigene Autobiografie nutzte.
Im weiteren Verlauf des Schriftverkehrs wird man nicht nur Zeuge der Wortgewaltigkeit von Bettina, sondern auch um der politischen Lagen Deutschlands und der umliegenden Nationen. Was mir schmerzlich aufgefallen ist, dass Goethes Briefe oft kurz ausfielen, das den innigen Briefen Bettinas nicht gerecht wird.
Besonders berührt haben mich immer wieder die schwärmerischen Passagen, in denen Bettina Goethe beinahe zu einer göttlichen Gestalt erhob. Ihre Worte sind voller Sehnsucht, Überschwang und einer ganz eigenen Poesie. Wer Poesie liebt, wird die Briefe mit Freude lesen. Zwei Passagen möchte ich hier zitieren, von denen es aber noch sehr viel mehr zu entdecken gibt.
Im Kapitel „Buch der Liebe“ schreibt sie:
„Liebe ist immerdar erstgeboren, sie ist ewig ein einziger Moment, Zeit ist ihr nichts, sie ist nicht in der Zeit, da sie ewig ist; sie ist kurz die Liebe. Ewigkeit ist eine himmlische Kürze. Nichts Himmlisches geht vorüber, aber das Zeitliche geht vorüber am Himmlischen.“
Oder diese schwärmerischen Zeilen, in denen sie ihre Gedanken mit Feldblumen vergleicht:
„Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heiße Sehnen und Wollen kann ich nur solchen Feldblumen vergleichen; – sie tun unbewusst über dem grünen Rasen ihre goldenen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann leuchten tausend Sterne über ihnen und umtanzen den Mond und verhüllen die zitternden, tränenbelasteten Blumen in Nacht und betäubenden Schlummer. So bist Du Poete ein von Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken aber liegen im Tal wie die Feldblumen und sinken in Nacht vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem Firmament.“
Diese Rezension soll nur meinen begeisterten Leseeindruck widerspiegeln und erhebt keinen Anspruch wissenschaftliche Genauigkeit
