von Paula Lankow
Bislang habe ich noch keine Vita von Autorinnen und Autoren gelesen, in der nicht stand, dass er/sie schreibe, seit er/sie denken könne. Bei mir fing es mit dem Ende der Schule an, also das freiwillige Schreiben. Ich schrieb irgendwelche Texte mit Bleistift in eine Kladde. Mit Bleistift, damit ich radieren könnte oder der Text schnell verblassen möge. Ich hatte den Verdacht, dass ich diese Texte lieber niemandem zeigen sollte. Ich erinnere mich an kaum einen dieser Bleistifteinträge. Aber an den ersten Text, mit dem ich mich sozusagen nackig machte, der vorgelesen wurde in größerer Runde, an den erinnere ich mich noch.
Damals im Grundstudium hielten alle Lehrenden Dr. M. für plemplem, „creative writing“ war seinerzeit spinnerter Quatsch aus Amerika. Aber Dr. M. bot sie an, seine „Stilistischen Übungen in Kurzprosa“, Semester für Semester. Meine Augen blieben hängen bei dem Eintrag im Vorlesungsverzeichnis – dienstags von 16 bis 20 Uhr Raum …
Diese Kurzübungen liefen so ab: M. gab eine Auswahl von drei Themen vor und verließ dann den Raum, nicht ohne einen C4-Umschlag auf dem Pult liegen zu lassen und den Auftrag, der oder die Letzte möge den Umschlag mit all den verfassten Texten vor dem Verlassen der Uni unter seiner Bürotür durchschieben. In der nächsten Woche kam er dann mit dem Umschlag zurück, teilte die Texte aus und dann musste jeder, in einer undurchschaubaren Reihenfolge seinen Text vorlesen.
Ich weiß nicht mehr, wie das Thema gelautet hatte, zu dem ich meinen ersten Text für (wie ich zunächst gedacht hatte) nur einen Leser schrieb. Ich erinnere mich auch nicht an den Titel, nur an den ersten Satz: „Sein Lachen! Wie er den Kopf nach hinten wirft, wenn er lacht!“ Sie ahnen es, es war ein gruselig schlechter Text, ein innerer Monolog, und der gelingt nur den Wenigsten. Es ging um einen Typen, der die Erzählerin an deren Verflossenen erinnert, sein Lachen und „wie er auf ein imaginäres Schlagzeug eindrischt“ (alle Schlagzeuger mögen der Erzählerin verzeihen).
Ich war puterrot, als ich meinen Text vorlesen musste, ich fand ihn schlecht. „Eine hübsche Geschichte“, lobte M. hingegen. „Werfen sie es nicht weg.“ Ich wusste damals noch nicht, dass M. es nicht übers Herz brachte, ernsthafte Kritik zu äußern und seine Studierenden unter Umständen zu verletzen. Und daher wusste ich auch nicht, dass seine Worte genau das bedeuteten: „Bitte werfen Sie es weg. Ihr Text taugt nichts, und zwar überhaupt nichts.“
Weil ich das eben nicht wusste, ging ich weiterhin zu den stilistischen Übungen in Kurzprosa, ich schrieb und schrieb und schrieb und lernte, lernte, lernte. Und letztendlich war es M. dem ich meine allererste richtige Veröffentlichung verdankte.
