Wie ich mich in eine richtige Teenagerin verwandelte

von 42er

von Anna Rotele

Mit vierzehn war ich ein Alien. Ein viel zu großes Dorfkind mit viel zu kurzen Hosen in einer Welt, die ich nicht verstand. Es fühlte sich nicht mehr richtig an, Baumhäuser zu bauen und Lämmer mit der Flasche großzuziehen. Aber was dann? Meine Klassenkameradinnen in der Stadt pflegten einen geheimen Zirkel, der mir verwehrt schien. Sie sprachen von Filmen, deren Namen ich noch nie gehört hatte, von Songs, die mir fremd waren; sie gingen nach der Schule ins Eiscafé oder zum Bowlen. Sie warfen ihre Haare zurück und lachten laut und flirteten mit den Jungs. Für mich waren sie geheimnisvolle Wesen, an die ich viele Fragen hatte. Aber die stellte ich nie. Stattdessen studierte ich sie still aus der Ferne, wie es sich für ein gut erzogenes Alien gehörte. Ich selbst ging nach der Schule nirgendwohin außer zur örtlichen Bushaltestelle, denn von da fuhr der einzige Bus des Tages zurück in mein Dorf.

Dort – am Schreibtisch meines Vaters – erfand ich meine eigenen Welten. Wo E.T. den Zeigefinger hob, um nach Hause zu telefonieren, bearbeitete ich mit meinem Zeigefinger Papas Schreibmaschine, um mich genau von dort wegzustehlen. Ich liebte alles daran. Ich schrieb Kurzgeschichten und Romananfänge, nur um das Geräusch der Tasten zu hören, um sie unter meinen Fingerspitzen zu spüren und zu sehen, wie die Buchstaben sich in das weiße Papier drückten. Wenn ich Fehler machte, ging dafür ein teures Stück Korrekturband drauf, also war es Ehrensache, damit so sparsam wie möglich umzugehen.

Wenn ich nicht gerade schrieb, hing ich mit Lillie herum. Lillie war zwei Jahre jünger als ich und außer mir das einzige Mädchen im Oberdorf. Unsere Tage waren endlose Wüsten, die es zu durchqueren galt. So verbrachten wir sie: Wir ritten auf Lillies Ponys, sie auf der großen schlanken Betty, ich – mit den Füßen am Boden – auf dem kleinen dicken Wastl, der die ganze Zeit im Rhythmus des Trabs pupste. Wir liefen zur örtlichen Telefonzelle, die immer nach Pipi stank. Von da aus riefen wir Jungs an, die wir auf der Kirmes kennengelernt hatten und die gleich wieder auflegten, wenn sie unsere Stimmen hörten. Dann setzten wir uns auf die Mauer unten am Dorfplatz und guckten, wer die Dorfstraße hoch- und runterfuhr. Wenn all das erledigt war, gingen wir nach Hause und warteten am Fenster auf Mike aus der Nachbarschaft, um ihn zu fragen, wen von uns beiden er hübscher fände. Seine Wahl fiel immer auf meine Freundin.

Lillie war – außer meiner grundsätzlich begeisterten Mutter – meine einzige Leserin. Aber weil meine Initialen A.L. lauteten, war ich fest davon überzeugt, ich würde einmal ebenso berühmt werden wie Astrid Lindgren. Darum schrieb ich und schrieb ich – unermüdlich. Und berühmt sollte ich tatsächlich werden: zumindest, wenn man die Berühmtheit daran misst, wie viele Menschen im eigenen Dorf (400 Einwohner*innen) sowie im Nachbardorf (300 Einwohner*innen) mich für meine erlesenen Werke kennenlernen sollten. Denn: Eines Tages gewann ich den Kurzgeschichtenwettbewerb der lokalen Kreissparkasse.
Ich weiß nicht mehr, was das Thema des Wettbewerbs war. Aber ich weiß, dass ich eine dramatische Geschichte über einen rechtsradikalen Typen schrieb, der sich in ein Flüchtlingsmädchen verliebte. Und dass die Sache kein gutes Ende nahm. (Es waren die Baseballschlägerjahre, und die Kunde davon hatte ihren Weg selbst bis zu uns an den Rand der Welt gefunden.)
Ich gewann also diesen Wettbewerb und reiste mit meiner Mutter, die sich ungefähr so benahm, als hätte ich den Pulitzer Preis gewonnen, die zwei Kilometer ins Nachbardorf. Dort gab es eine Preisverleihung in der winzigen Bankfiliale, bei der außer mir und meiner Mutter noch der rundliche, dauergrinsende Mann anwesend war, der mein Sparbuch verwaltete und jetzt eine kleine Laudatio hielt. Ein richtiger Tausendsassa. Aber es kam noch besser:
Ein, zwei Tage später erschien ein (sehr gelangweilter) Journalist bei uns zu Hause, stellte mir (sehr langweilige) Fragen, machte ein Foto von mir an Papas Schreibtisch und reiste wieder ab. Tatsächlich bekam ich eine ganze Seite in der regionalen Zeitung, das Foto war schrecklich und riesengroß, und darunter stand fett mein Name mit dem Zitat: „Ich rede lieber, wenn es Probleme gibt!“
Schon ziemlich nah dran an Astrid Lindgren, oder?

Wie es sich für eine Preisverleihung gehört, gab es auch einen Preis. Und der konnte sich wirklich sehen lassen: Ich hatte einen Skiurlaub mit einer Jugendgruppe gewonnen. Und ich freute mich wie verrückt darauf – obwohl ich noch nie Ski gefahren war. Und obwohl das Wort „Jugendgruppe“ mir Bauchschmerzen vor Aufregung verursachte.

Bis ich mit den anderen Teilnehmenden am Bus stand. Und staunte. Niemanden der Mitreisenden kannte ich. Und das Beste war: Niemand der Mitreisenden kannte mich! Die anderen sprachen mit mir, als wäre ich – eine ganz normale Teenagerin. Sie reichten mir auf der Fahrt ihre Kopfhörer herüber, bewunderten meine nagelneue Skijacke und wollten alles über den Wettbewerb wissen. Sie weihten mich ein, wen aus der Gruppe sie süß fanden und wann wir die heimlich mitgebrachten Sektflaschen köpfen würden. Und Daniel, ein Junge mit einem Clownsgesicht und einem Herz aus Gold, sprach mit mir, als wäre ich ein richtiges Mädchen. Eines, das vielleicht als Urlaubsflirt taugte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich das kapierte.

Fünf Tage später, im Bus nach Hause, hatte ich Freunde. Freunde, die glaubten, ich wäre eine richtige Jugendliche. So eine, die ins Kino geht und die Tanzmoves von MC Hammer kennt und bei Schlecker weiß, wo das Lipgloss mit dem Kirschgeschmack steht.
Und das war ich auch. Weil ich nämlich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und mir eine coolere und erwachsenere Version von mir ausgedacht hatte. Weil sich das richtig gut anfühlte. Und weil es diesmal keine Geschichte war oder eben doch, aber meine eigene. „Du bist irgendwie so – hübsch geworden“, sagte Lillie, als ich zurückkam, und ich wusste, dass sie etwas ganz anderes meinte. Das hatte mit dem kleinen, zerknickten Zettel in meiner Hosentasche zu tun, auf dem in krakeliger Jungsschrift Daniels Adresse stand. Und mit allem anderen auch.
Und als ich nach den Ferien in meine Klasse zurückkam, da benahm ich mich wie eine waschechte Teenagerin vom Planet Erde. Weil ich den Rücken dabei grade hielt, von den Leuten auf der Skihütte sprach und hin und wieder ganz nebenbei den Namen meines neuen (pssst: Brief-)Freunds fallen ließ, weil ich außerdem auch noch braun gebrannt war von der Alpensonne, nahmen die anderen meine Veränderung einfach hin. Sie fingen an, mir von Partys zu erzählen und mich zu sich einzuladen und mir ihre Lieblingsmusik vorzuspielen. Ich hatte jetzt nämlich auch Lieblingsmusik. Die aus dem Bus und dem schäbigen Partyraum der Herberge, in der wir die Nächte verbracht hatten.

Das ist alles ziemlich lange her, und Astrid Lindgren bin ich immer noch nicht. Ich habe noch viele Paar Schuhe anprobiert (und ganz nebenbei festgestellt, dass wir eigentlich doch Aliens sind, und zwar alle miteinander). Mit dem Schreiben habe ich nie mehr aufgehört. Und immer haben sich dadurch neue Welten eröffnet.

Zuletzt die der 42erAutoren. Es hört zwar nicht auf mit der Sonderbarkeit. Aber dort verwahren wir immerhin die Antwort auf alles.