Wiedergelesen: Johannes Mario Simmel – Begegnung im Nebel, Erzählungen

 

Dieses Buch mit Erzählungen und Novellen war Simmels erstes Buch, 1947 bei Zsolnay in Wien erschienen. Sämtliche Erzählungen sind routiniert geschrieben. Die Novelle, die dem Buch den Titel gab, erinnert ein wenig an Rudolf G. Binding oder Werner Bergengruen: Sie haben eine ausgefeilte, bildhafte Sprache, die gerne in langen, verschachtelten Sätzen zelebriert wird. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich aber Brüche und es wird deutlich, dass der Autor bei der Niederschrift noch am Anfang stand. Die Erzählung »Die Abenteuer des kleinen Waldemar« beispielsweise schildert das Seelenleben eines Knaben, der gerade an der Umwelt leidend zu erwachen beginnt. Das Schicksal des Rasens, auf den der Vater eine schwere Regentonne gewuchtet hat, lässt ihn nicht los und so beginnt er eine aberwitzige Rettungsaktion. Leider schafft es Simmel nicht, diese Entwicklung kindgemäß auszuleuchten, weil eine »erwachsene Instanz« die Entwicklung kommentiert, teilweise auf humorvolle Art, was der Sache aber nicht angemessen ist. Möglich, dass Simmel hier aus eigenem Erleben schilderte, es fehlte ihm damals aber sicher noch die nötige Distanz. Ein bisschen besser gelingt es ihm schon mit der letzten kleinen Erzählung »Das Lächeln«, bei der sich die Erzählerstimme stärker zurückhält. Maria und Ismael betreiben einen Salon. Maria ist 15, Ismael ist 11 Jahre alt. Der Vater ist vor Jahren schon ertrunken und die Mutter arbeitet als Tänzerin. Die Kinder verkaufen Eis im Salon und selbstgemachte Limonade. Nachdem der Autor das Personal der Erzählung und die Stimmung im Salon ausführlich vorgestellt hat, schildert er eine kleine Episode, die jedes der Kinder nach seinem Alter und Temperament angemessen besteht.

Vergleicht man diese kurzen Erzählungen mit anderer Nachkriegsliteratur (Böll, Borchert, Schallück u.a.), so wird deutlich, dass Simmel seine Vorbilder in der Literatur in der Vorkriegsliteratur gesucht hat. Er beschritt in der Folge seinen eigenen Weg, die nahe Vergangenheit literarisch aufzuarbeiten. Seine ersten beiden Romane, »Mich wundert, dass ich so fröhlich bin« und »Das geheime Brot« zeigen noch optimistische Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft. In seinen späteren Romanen kehrte sich das dann um. Simmel prangerte an, teilweise mit ungeheurer Wut. Diese Erzählungen seines Beginns, so »unfertig« sie manchem Kritiker auch erscheinen mögen, sind immerhin doch so gut, dass sie auch heute noch gelesen werden können, ohne dass der Staub die Nase zum Niesreiz anregt.

Ihr Horst-Dieter Radke