Zwischen Gestern und Morgen: Das Wandern ist des Müllers Lust

von 42er

Die Zeit zwischen Heilig Abend und Neujahr, das alte Jahr kann noch nicht gehen, das neue Jahr noch nicht kommen, lädt dazu ein, nach dem Feiertagstrubel endlich mal innezuhalten und über sich und die Welt zu reflektieren, und sich zu fragen: Was soll eigentlich der ganze Wahnsinn?

Meine Hörempfehlung für diese Raunacht ist mal nicht das Weihnachtsoratorium (auch toll, aber kommt uns vielleicht schon aus den Ohren heraus), sondern der Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, Text: Wilhelm Müller (1821); Musik: Franz Schubert (1823).

Begründung: die „Schöne Müllerin“ bietet selbst eine Reflexion über eine Zeit, die viel Ähnlichkeit mit der unsrigen hat.

Fangen wir gleich mit der ersten Strophe an:

Das Wandern ist des Müllers Lust,

Das Wandern!

Das muß ein schlechter Müller sein,

Dem niemals fiel das Wandern ein,

Das Wandern.

Damit wir noch mehr Spaß an Text und Musik bekommen, gehe ich im Folgenden etwas näher auf die Motive „Müller“, „Lust“ und „Wandern“ ein.

1. Wieso singt hier ausgerechnet ein Müller? Im Jahr 1822 herrschte große wirtschaftliche Not in Deutschland aufgrund des Verfalls des Getreidepreises („Preiskrise“). Eigentlich waren wandernde Müllergesellen selten, sie mussten im Zuge ihrer Ausbildung nicht auf Wanderschaft gehen. Nicht Lust, sondern Armut trieb sie jetzt zum Wandern. Dazu kommt, dass in jener Zeit im Rahmen der Modernisierung die alten Zünfte der Müller abgeschafft wurden. Das heißt, der Müller war, wie Karl Marx sagt, doppelt frei geworden: Erstens frei von den Zwängen der Zunft, aber auch frei von Mühleneigentum. Der im Lied wandernde Müller war ein proletarisierter Geselle, ein mittelloser Wanderarbeiter.

2. In den 1820er Jahren, bevor sich die industrielle Revolution in Deutschland durchsetzte, lag die Zukunft des Müllerberufs noch im Ungewissen. Anders als wir es heute vielleicht vermuten, war damals der Müllerberuf nicht weit verbreitet. Außerdem gab es weitaus mehr Gesellen als Meisterstellen. Jetzt kommt die schöne Müllerin ins Spiel. Eine Chance hätte der Geselle nur, wenn er das Herz einer Müllerstochter gewinnen würde; mit der Heirat könnte er die Meisterstelle übernehmen. Liebe und berufliche Existenz hängen beim Müller unauflöslich zusammen; diese fundamentale Tatsache wird bei vielen Interpretationen der „Schönen Müllerin“ übersehen.

3. Das Wandern hat, allgemein betrachtet, eine doppelte Bedeutung: Einmal steht es für eine zielgerichtete Bewegung von A nach B, zum zweiten kann es aber auch eine Bewegung im Kreis, ein Wandern hin und her zwischen A und B bedeuten.

Der singende Müller ist, so lautet meine These, vom Gegensatz beider Wandertypen geprägt. Zum einen verfolgt er das nicht offen ausgesprochene Ziel, eine Meisterstelle zu ergattern. Damit drückt er auch den Zustand der Gesellschaft von 1822 aus, die sich langsam in Richtung einer industriell-kapitalistischen Gesellschaft entwickelt, aber noch nicht recht die feudale Vergangenheit hinter sich lassen kann. Alles ist im Veränderungsmodus mit ungewissem Ziel.

Vom Wasser haben wir’s gelernt,

Vom Wasser!

Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,

Ist stets auf Wanderschaft bedacht,

Das Wasser.

Zum anderen drehen sich die Gedanken des Müllers aber auch im Kreis wie die Wasserräder und Mühlensteine. Dieses Lied ist ein Strophenlied, bei dem die Musik fünf Mal wiederholt wird.

Das sehn wir auch den Rädern ab,

Den Rädern!

Die gar nicht gerne stille stehn,

Die sich mein Tag nicht müde drehn,

Die Räder.

So steckt der Müller zwischen Vergangenheit und Zukunft fest, mit einem gewissermaßen auf der Stelle tretenden Wandern.

Aber ist unser heutiger Wahnsinn nicht ein ähnliches Auf-der-Stelle-treten? Wir placken uns tagein tagaus ab – für eine Rente, die uns noch den gewohnten Wohlstand garantieren wird? Die jungen Menschen äußerten jüngst Ängste über bedrohliche gesellschaftliche Entwicklungen – wird man sich auf ihre Prognosefähigkeit wie in den letzten Jahrzehnten auch dieses Mal wieder verlassen können?

Der Müller wird sich im Laufe des Zyklus in die schöne Müllerin verlieben, aber die wendet sich lieber dem sozial höher gestellten Jäger zu. Sie verzichtet zugunsten eines Mannes, der mit dem Gewehr aufs Wild schießt, auf die Weiterführung des väterlichen Gewerkes.

Am Ende steigt der Müller in den Bach, ohne die geliebte Müllerin sieht er keine Perspektive mehr. Das letzte Lied des Zyklus „Des Baches Wiegenlied“ singt den Müller in den Todesschlaf. Wenn der irgendwann einmal in der industrialisierten Zukunft erwachen wird: Kreist dann immer noch die Welt ziellos um sich selber oder erwartet ihn dann eine lebenswertere Welt?

Fragt Sie Ihr Jürgen Block

PS: Für die Raunächte empfehle ich die Interpretation der „Müllerin“, gesungen von Julian Prégardien und begleitet von Kristian Bezuidenhout auf dem Hammerklavier.