Das stille Haus – ein Gastbeitrag von Jürgen Block

Die Lamia

Still steht es da. Und doch scheint es bewohnt. Die Fenster sind klar, die Treppe ist immer gefegt, der Garten sauber, wenn auch nicht akkurat. Der Teich davor mit klarem Wasser, obwohl es ein wenig bräunlich ist.

Und doch. Niemand öffnet, wenn man klingelt. Seit Jahren macht er es, wenn er auf seiner Wanderung an diesem Haus vorbeikommt, schon aus Tradition. Auch diesmal. Er hat sich schon umgewandt und will wieder gehen, weil der Pflicht genüge getan ist, da stutzt Jürgen, wendet sich noch einmal um.

Die Tür ist offen. Einen Spalt nur, aber vorhin, als er klingelte, war sie es noch nicht.

Er staunt über die Kühle, die ihm entgegenschlägt. Angenehm, keine alte Kälte, kein Empfinden nach Moder oder Vergangenem. Obwohl – Letzteres kann er nicht beurteilen. Jürgen befindet sich in einem ziemlich großen quadratischen Flur und steht auf einem gelblich-braun gesprenkelten Steinfußboden. Geradeaus und links sind Türen mit Einfassungen, mit kleinen Schnitzereien, wie man sie nur noch in alten Häusern findet. Langsam dreht er sich um. Die Haustür ist geschlossen, obwohl er sie angelehnt hat. Das weiß er genau…

„Jetzt du weiter“, sagt Evi, meine Frau, zu mir.

„Jaja, mal schön sinnig“, sage ich mit einer Entlehnung aus dem Plattdeutschen. Das müssen wir ja übrigens auch hinnehmen, dass die ganzen Dialekte, Bayrisch, Schwäbisch, Sächsisch, das Niederdeutsche (wobei dieses ja schon eine eigene Sprache ist, die – wie das Englische – den Lautsprung nicht mitgemacht hat; „wat mutt, dat mutt“ statt „was muss, das muss“), wie auch immer, diese Dialekte sind ja am Absterben, Wegnippeln, Abkratzen, dagegen kann man nichts nuscht machen (ostpreußisch) und war sich ärgert, dar wird groo und hoat zeitlebens nischt davoo (schlesisch).

„Jürgen?“

„Jaja. Weitererzählen. Entschuldige, aber ich komme nicht so richtig rein in die Geschichte.“

„Du bist der Schreiber, du entscheidest“, sagt Evi.

„Dieser gelblich-braun gesprenkelte Steinfußboden, ehrlich gesagt, der haut mich total raus.“

„Dann ändere es.“

„Außerdem kann ich mit den Schnitzereien in den Türeinfassungen nichts anfangen.“

„Du bist der Chef.“

„Okay, dann versuche ich es noch mal.“

„Viel Glück“, sagt Evi.

„Also, ich schlendere so durch die Gegend, komme an dem ominösen Haus vorbei, Klingelstreich, o Wunder, die Tür springt auf, ich rein, tiefer roter Teppich, glatte, spiegelblanke Türen, Holla, die Haustür wie von Geisterhand wieder zu. Ich perplex, spiegele mich in den Türen: Gott zum Gruße, junger Mann.

Doch dann – – Das glaubt mir mal wieder keiner. Ein süßer, warmer Duft weht mich an. Ich schwöre, ich gebe nur wieder, was sich vor mir abspielt: Frauen mit wehenden Gewändern, bestimmt zwanzig, dreißig Stück, singen und fassen mich an, ziehen mich ins Innere dieses langen, dunklen, roten Gangs. Ich spreche die Nächste, die Schönste, die meine Hand hält, an:

„Hi, und wer bist du?“

„Ich bin’s, die Lamia.“

„Ah ja.“

Von Ferne höre ich ein Rufen. Aber das ist jetzt egal. Denn schon wieder wehen die Gewänder.

„Und woher kennen wir uns?“, frage ich die Lamia.

„Ich bin nur das, was du in mir siehst.“

„Nein!“

„Doch.“

Oh, wir kommen in einen rosaroten, total plüschigen Salon, worin so eine Liege steht, wie man sie von griechischen Trinkschalen kennt. Die Damen leiten mich und setzen mich ab. Wahnsinn, das ist mindestens wie ein Paradies mit 99 Jungfrauen. Und ohne mich vorher in die Luft sprengen zu müssen. Weiter!

Meine Lamia löst sich aus dem Kreis der Holden und sinkt zu meinen Füßen hin.

„Liebster Jürgen“, höre ich in den lieblichsten Engelstönen, „wir lieben dich alle.“

„Jupp!“, sage ich nur. Soll ich mich jetzt etwa ins Bein kneifen und mich aus diesem Mega-Traum rausreißen? Ich bin doch nicht blöd. Wieder dieses Rufen, am besten, ich stopfe mir die Ohren zu. Oh, meine Lamia, du himmlischstes aller Himmelswesen. Du schaust mich an, schon vergehen mir die Sinne und die Flüsse beginnen, bergauf zu fließen. Du kommst näher und näher. Ich kann nicht mehr. Ich schließe die Augen und hülle mich ein in deinen überwältigenden, süßen Duft.

Und dann – Autsch, was ist das?

Da beißt mich das blöde Biest — in den Hals — –

„Jürgen! Was ist?“

„Nö, nichts.“

Ihr Jürgen Block

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