Neueste Beiträge

    ein Gastbeitrag von Michael Höfler

    Große Erzählungen drehen sich um die Wichtigkeit von Haus und Heim, gar Heimat. Die einen Geschichten handeln vom Leben in festen Wänden, die anderen vom wörtlich wurzelnahen Leben in der Wildnis. Doch der Mensch ist Mensch, weil er verschieden ist. Mich faszinieren Biografien von Native Americans, die Ende des 19. Jahrhunderts mit beidem zurechtgekommen sind. Die, nachdem ihre (oft, nicht immer) naturnäheren Kulturen in Trümmern lagen, noch ein zweites, komplett anderes Leben in der Kultur der Invasoren mit starrer Häuslichkeit führten.

    Eine wahre solche Geschichte erzählte S.C. Gwynne 2010 in „Empire of the Summer Moon, Quanah Parker and the Rise and Fall of the Comanches, the Most Powerful Indian Tribe in American History“. Quanah Parker (geboren vermutlich zwischen 1845 und 1850) war der erste und zugleich letzte Häuptling aller Comanchen, wohl einem der am wenigsten behausten Völker überhaupt. Die Comanchen lebten von Büffeljagd und Raubzügen, die in der damals unkontrollierbaren Prärie aus mehreren hundert Kilometern Entfernung erfolgen mussten. Quanah Parker kämpfte von 1871 bis 1875 gegen die von General Ranald S. Mackenzie angeführte US-Armee. Nachdem die Comanchen sich schließlich ergeben und in einem Reservat sesshaft werden mussten, war es u. a. Mackenzie, der Parker in die Gebräuche der Weißen, ihr Wirtschaften und ihre Gesellschaft einführte.

    „Empire of the Summer Moon“ ist auch die anrührende Geschichte von Respekt, vielleicht sogar Freundschaft zwischen zwei Männern aus konträren Welten. Parker und Mackenzie bekriegten sich jahrelang bis aufs Messer, aber konnten sich lange nicht gegenseitig besiegen, weil jeder im eigenen, bildlichen Terrain im Vorteil war — Parker in Ortskundigkeit, Mackenzie in Waffen. Hernach begegneten sie sich auf wörtlich gemeinsamem Terrain, dem der Eroberer-Kultur, und hatten offenbar etwas gemeinsam, was außerhalb all dessen lag.

    Quanah Parker reüssierte als weiterhin respektierter Anführer seines Stammes — aber jetzt, indem er Weideverträge aushandelte und allseits vermittelte. Erstaunlicherweise wurde er sogar ein einflussreicher Geschäftsmann mit Freundschaften bis hin zu Präsident Theodore Roosevelt. Ab 1890 residierte er in einem stattlichen Herrenhaus, dem Star House in Oklahoma, mit mehreren Frauen und 25 Kindern. Allerdings schlief er, und so viel Gewohnheit musste dann wohl doch sein, meist auf dem umlaufenden Balkon im Obergeschoss. Quanah Parker lebte noch bis 1911. Mackenzie dagegen, der nicht in eine andere (Wohn)-Kultur geworfen wurde, fiel dem Wahnsinn anheim (!) und verstarb bereits 1889.

    „Empire of the Summer Moon“ erzählt auch die umgekehrten Schicksale von weißen Kindern, die, entführt von den kinderarmen Comanchen (mit Säuglingen ist nicht gut Umherziehen) und als Erwachsene befreit, freiwillig zu Comanchen oder Apachen zurückkehrten. Reale Geschichten von den Urvölkern Amerikas handeln, anders als Wildwest-Fiktionen, von einer unvorstellbaren Vielfalt an Lebens-, Wohn- und gesellschaftlichen Organisationsformen. So einzigartig die Biografie Quanah Parkers ist, der Aspekt des veränderlichen Wohnens setzt sich fort. Es gab ganze Gesellschaften, die sogar halbjährlich zwischen Vagabundieren und Wohnen wechselten. David Graeber und David Wengrow erwähnen in dem Buch „Anfänge“ beispielsweise das Volk der Kwakiutl im heutigen British Columbia, die im Sommer zum Jagen und Sammeln vagabundierten, im Winter jedoch prächtige Siedlungen bewohnten.

    Derlei Lektüre befeuert die Faszination für alles, wozu der Mensch in der Lage ist. Der große bayrische Komiker Gerhard Polt  nennt dieses Faszinosum immer wieder als Antriebsfeder seines Schaffens. Die Welt mit ihren Häusern und mobilen Lebenswirklichkeiten mag ins Wanken geraten. Behausungen mögen gebaut oder planiert werden, Feindschaften und Gegensätze überwunden, wie bei Parker und Mackenzie — und wenn nicht, dann bleibt immer noch der Humor. Mit Polt lässt sich sagen: Wir Menschen sind Gott sei Dank widersprüchlich. Dadurch sind wir spannend. Wir geben der Lächerlichkeit durch unsere Existenz eine Chance.“

     

     

     [MH4]

     [MH5]https://en.wikipedia.org/wiki/Quanah_Parker_Star_House#/media/File:Quanah_Parker_Star_House.jpg

    FacebookTwitterPinterestEmail
  • von Paula Lankow Auf einer meiner regelmäßigen Walking-Routen komme ich an dem Haus vorbei, in dem vor langer Zeit unser ehemaliger Deutschlehrer, Herr Möhlmann, wohnte. Er hatte etwas Kauziges an sich, schon sein Vorname Bodmar mutete merkwürdig an, aber wir Schülerinnen liebten ihn, weil er Humor hatte und seine Begeisterung …

    FacebookTwitterPinterestEmail