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    von Joan Weng

    Es gibt Häuser, in denen man sich sofort wohlfühlt.

    Und es gibt Häuser, die schon beim Betreten eine leise Irritation auslösen

    Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ beginnt genau mit einem solchen Haus.

    „During the whole of a dull, dark, and soundless day in the autumn of the year … I had been passing alone, on horseback, through a singularly dreary tract of country … when my view fell upon the melancholy House of Usher.“

    Der namenlose Erzähler nähert sich dem Anwesen seines Jugendfreundes Roderick Usher, und noch bevor ein Wort gesprochen ist, ist klar: Dieses Haus ist nicht einfach nur ein Gebäude. Es ist ein Zustand.

    Die Mauern wirken krank, der Teich davor liegt still und schwarz, und ein feiner Riss zieht sich durch die Fassade – kaum sichtbar, aber unmöglich zu übersehen, wenn man ihn einmal entdeckt hat.

    Es ist ein Haus, das etwas weiß. Und darin liegt das eigentlich Verstörende dieser Erzählung: Poe erzeugt das Grauen nicht durch plötzliche Ereignisse, sondern durch Atmosphäre. Nichts springt einen an, niemand watet in Blut und Eingeweiden – und doch wird mit jeder Seite deutlicher, dass hier etwas nicht stimmt. Nicht nur mit dem Haus, sondern auch mit den Menschen, die in ihm leben.

    Roderick Usher ist empfindsam bis zur Schmerzgrenze, beinahe durchlässig für alles, was ihn umgibt. Geräusche, Licht, selbst Stoffe scheinen ihn zu überwältigen. Seine Schwester Madeline bewegt sich wie ein Schatten durch die Räume. Und irgendwo zwischen ihnen steht dieses Haus.

    Es ist nicht bloß Kulisse. Es ist Teil des Geschehens. Vielleicht sogar der Ursprung, denn je weiter die Geschichte voranschreitet, desto weniger lässt sich trennen, was eigentlich zerfällt: das Gebäude oder die Familie. Der feine Riss in der Fassade findet sein Echo im Inneren der Figuren. Und was zunächst wie eine äußere Beschreibung wirkt, entpuppt sich als präzises Bild für etwas sehr viel Intimeres: den langsamen, unausweichlichen Zerfall.

    Poe macht dabei etwas, das bis heute erstaunlich modern wirkt. Er verlegt das Unheimliche nicht nach außen, in Monster oder fremde Bedrohungen, sondern nach innen – in Wahrnehmung, Erinnerung, Angst. Das Haus Usher ist deshalb so beunruhigend, weil es keine klare Grenze mehr gibt zwischen Raum und Mensch.

    Man könnte sagen: Das Haus wohnt in seinen Bewohnern.

    Und vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Erzählung: Dass Orte nicht nur Räume sind, die wir betreten – sondern Räume, die uns prägen, verändern, manchmal sogar festhalten.

    Als das Haus am Ende in sich zusammenstürzt und im dunklen See versinkt, wirkt das daher weniger wie ein spektakulärer Abschluss als vielmehr wie eine Konsequenz. Etwas, das längst begonnen hatte und nun sichtbar wird – oder in Poes eigenen Worten:

    „And the deep and dank tarn at my feet closed sullenly and silently over the fragments of the ‘House of Usher.’“

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  • Ein Gastbeitrag von Dorit David Es beginnt harmlos auf einer hellblauen Gymnastikmatte, mit gutem Bodenkontakt und einem langen, starken Rücken. Wo bin ich? In einem kleinen Studio mit einem wirksamen Angebot und einer kompetenten Lehrerin. Seit mehreren Jahren schwitze ich dort. Wie auch an diesem Montag. Das Powerhouse fest angespannt, …

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