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von Joan Weng
Manche Romane liest man und denkt: Das ist aber clever gemacht. Und dann gibt es Bücher wie „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ von Stuart Turton, bei denen man irgendwann nur dasitzt, leicht verwirrt, sehr beeindruckt und mit dem festen Vorsatz, jetzt wirklich nur noch ein Kapitel zu lesen. Was natürlich nicht klappt.
Die Grundidee ist einfach großartig: Ein Mord auf einem heruntergekommenen englischen Landsitz, eine Gesellschaft voller Geheimnisse, ein Fest, das zunehmend unheimlicher wird — und ein Protagonist, der denselben Tag immer wieder erlebt, allerdings jedes Mal in einem anderen Körper. Das klingt erst einmal nach klassischem Krimi mit Zeitschleifen-Kniff, ist aber viel mehr als das. Stuart Turton baut daraus ein wahnsinnig originelles, verschachteltes Rätsel, bei dem man als Leser ständig glaubt, endlich etwas verstanden zu haben, nur um zwei Seiten später festzustellen: nein, natürlich nicht.
Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent der Roman seine eigene Idee durchzieht. Diese Körperwechsel sind kein bloßer Effekt, sondern verändern jedes Mal den Blick auf die Figuren, auf die Ereignisse und auch auf die Frage, was Schuld, Identität und Moral eigentlich bedeuten. Man stolpert gemeinsam mit dem Erzähler durch Blackheath House, sammelt Hinweise, misstraut allen — und manchmal auch sich selbst.
Dabei ist das Buch durchaus umfangreich, und ja, man muss ein bisschen aufmerksam lesen. Es ist kein Roman, den man nebenbei zwischen Wäschekorb und Nudeltopf weg atmet[BG1] . Aber gerade das macht seinen Reiz aus. Trotz der Länge bleibt die Geschichte erstaunlich spannend, weil Turton das Rätsel immer weiter auffächert und gleichzeitig genug Tempo hält, um einen bei der Stange zu halten. Es gibt ständig neue Wendungen, neue Perspektiven, neue Verdächtige und diesen angenehmen kleinen Lesestress, weil man unbedingt wissen will, wie alles zusammenhängt.
Die Atmosphäre ist herrlich düster: ein altes Herrenhaus, Regen, Maskenball, unausgesprochene Feindschaften, elegante Grausamkeiten und Menschen, die alle so wirken, als hätten sie mindestens drei Leichen im Keller — wenn nicht tatsächlich, dann doch moralisch. Das Ganze hat etwas von Agatha Christie auf Abwegen, nur deutlich finsterer, verspielter und moderner konstruiert.
Für mich ist „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ein Roman, der vor allem durch seine Originalität heraussticht. Die Idee ist mutig, die Umsetzung anspruchsvoll, aber nie trocken, und die Spannung trägt auch über die vielen Seiten hinweg. Man muss sich darauf einlassen, aber dann wird man mit einem ungewöhnlichen, klugen und sehr fesselnden Krimi belohnt.
Fazit: Ein origineller, atmosphärischer und erstaunlich spannender Rätselroman für alle, die klassische Krimis mögen, aber Lust auf etwas deutlich Verrückteres haben. Kein leichtes Nebenbei-Buch — aber eines, das im Kopf bleibt.
