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Tippgemeinschafts Jahresendkollektivgeschichte 25

Ein Gastbeitrag von Dorit David und vielen, vielen anderen

Vorwort zur Geschichte:

Wir pflegen eine Tippgemeinschaft. Eine literarische.
In unserem Gästezimmer steht eine alte Adlerschreibmaschine, die ich nicht im Schrank belassen wollte, denn das Farbband funktioniert noch immer. 
Sie stammt aus dem Jahre 1937. Auf diesem Erbstück  hinterlassen unsere Gäste – auf meine Bitte hin – Worte oder Sätze.

Ungefähr 30mal im Jahr haben wir Besuch – privater oder geschäftlicher Natur – und alle diese Menschen höre ich mehr oder minder laut auf die Tasten einschlagen. Am Jahresende wird die Geschichte wird von mir „rundgemacht“ und digitalisiert  
Dann bekommt die Tippgemeinschaft einen Jahres-End-Brief des gesammelten Werkes per Post.
Analog und mit Bild. 
Dieses Jahr dürft auch ihr daran teilhaben. 
Viel Freude beim Lesen

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Albert, Bach und Ich

Mein Weg zu Johann Sebastian Bach war holperig. Ich erinnere mich, dass mich meine Mutter eines Sonntagnachmittags in die Kirche lockte mit der Bemerkung, bei meiner Vorliebe für Musik würde mir die Darbietung des Kirchenchores mit Werken eines berühmten Komponisten sicher gefallen. Den Komponisten wusste sie nicht zu benennen. Immerhin folgte ich, neugierig gemacht, der Aufforderung, obwohl ich mich damals schon vom freiwilligen regelmäßigen Kirchenbesuch verabschiedet hatte. Geboten wurden Motetten von Johann Sebastian Bach. Zwar war mir dieser Komponist dem Namen nach bekannt, bewusst gehört hatte ich noch nichts von ihm. Die Darbietung war jedoch so katastrophal, dass ich die Veranstaltung nicht bis zum Ende durchhielt und auch Bach nicht auf die Liste der von mir als hörenswert einzustufenden Komponisten aufnahm.

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Anrufe aus Istanbul und Hunde im Regen

(Rain Dogs, Tom Waits; Frank Wild Years, Tom Waits)

„Dein Lieblingsalbum?“

Vermutlich wird jede(r) auf diese Frage dieselbe Antwort geben wie ich: „Hab ich nicht.“ Schließlich hat jede Lebensphase ihre Musik, vielleicht hält sich manche Musik auch über mehrere Lebensphasen, aber wie soll man aus der Playlist seines Lebens ein einziges Album auswählen, um es an die Nummer Eins zu setzen?

Erst in den späteren Neunzigern des letzten Jahrhunderts stieß ich auf Tom Waits. Auf irgendeinem Sender spielten sie Train Song. Ich fand’s irgendwie strange, faszinierend. Die Stimme, die nach Millionen gerauchter Zigaretten und tausenden Flaschen Whiskey in einem Menschenleben und einer dreiviertel aktuell getrunkenen klang, das Drama. Die Instrumentierung, Melodieführung … Mir war klar, niemals könnte ich eine ganze CD von dem Mann hören.

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Die Raunächte

Ein Gastbeitrag von Amos Ruwwe

(in memoriam)

Dreikönigstag, die letzte Raunacht ist vorbei. Vieles wird diesen Nächten vom 24. Dezember bis zum 6. Januar, dem Dreikönigstag, nachgesagt. Hokuspokus, Aberglaube oder auch Historisches. Als Gartenfreund schaue ich sorgsam auf diese besonderen Nächte. Das Wetter in ihnen soll das kommende Jahr voraussagen. Die heiligen zwölf Nächte werden sie auch genannt werden.

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Sicher ist man sich nie

von Jörn Lingrön

„Das Einlösen einer verlorenen Wettschuld ist Ehrensache“. sagte mein Sohn und grinste mich dabei hämisch an. Ich bin eigentlich nicht der große Freund von Wetten, und wenn ich mich dazu hinreißen lasse, muss ich mir schon wirklich sehr sicher sein, dass ich recht habe.  Hatte ich aber nicht. Allein das ärgerte mich schon gewaltig und nun verlangte diese Ausgeburt an Schadenfreude auch noch ernsthaft, dass ich für meinen Wetteinsatz geradestehen soll. „Mach ich auch!“, sagte ich und versuchte dabei gechillt herüberzukommen. An Sebastians Blick erkannte ich aber, dass er mir das nicht abnahm. Für mich war der Weihnachtsabend jedenfalls gelaufen.

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Verspätung eines Neuen Jahres

Von Paula Lankow

Die Hofmeisters waren nicht auf Besuch eingestellt. Sie hatten es sich auf ihrer Eckcouch gemütlich gemacht, Kopf an Kopf lagen sie im rechten Winkel, um den gleich guten Blick auf den Fernseher zu haben. Herr Hofmeister hatte seinen Kopf auf den rechten Arm gestützt – „dass dir der Arm nicht einschläft“, wunderte seine Gattin sich jedes Mal, wenn er so da lag – Sie lag etwas hingegossen, den Oberkörper auf einem Kissenturm gebettet, um ihrem Mann etwas von der Anmut zu vermitteln, die sie die kleinen Gelegenheitsjobs als Curvy-Model eingebracht hatte.

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Ein guter Mensch

Von Paula Lankow

Gottlieb sei ein guter Mensch, heißt es. Es wird wohl stimmen.

„Er wird nicht nur von Gott geliebt“, sagt Pfarrer Seliger (schließlich liebe Gott alle seine Kinder), „sondern auch von allen Menschen, die ihn kennen.“

Aber niemand weiß so recht, ob den Worten des Pfarrers Glauben zu schenken ist, scheint er sich eher aufgrund seines Namens als wegen eines tiefen Glaubens zu seinem Amt berufen zu fühlen. „Einem Pfarrer mit Namen Seliger kann man doch nur vertrauen!“, pflegt er zu sagen, weshalb viele seiner Schäfchen seinen Predigten mit einer gewissen Skepsis lauschen. Doch das ist eine andere Geschichte. Denn letzten Endes sind sich ja doch alle einig: Gottlieb ist ein guter Mensch.

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Dankbarkeit in den Raunächten

von Joan Weng

Die Raunächte gelten als Zeit der Schwelle. Zwischen den Jahren, zwischen dem Alten und dem, was noch keinen Namen hat. Früher nutzte man diese Tage zum Räuchern, zum Innehalten, zum Dank sagen – für das, was war, und für das, was bleiben durfte.

Dankbarkeit klingt dabei oft größer, als sie sich anfühlt. Wir denken an Gesundheit, an Familie, an große Wendepunkte, an einmalige Glücksfälle. Und all das ist richtig und wichtig. Aber gerade die Raunächte bieten eine besondere Gelegenheit, sich der Dankbarkeit im Kleinen zu besinnen: im Alltäglichen, im scheinbar Unbedeutenden.

Zum Beispiel im Dreck.

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Die leere Jacke

Von Paula Lankow

Die Kälte hatte den Tag beherrscht. Ich war durch ihn und die Stadt gehetzt, um nicht länger als notwendig draußen zu sein. Zwei Obdachlose saßen zitternd unter den Arkaden des Kirchenforums. Ich hörte eine ältere Dame die beiden fragen, was sie ihnen Heißes bringen könne. Wir teilten uns die Kosten für heißen Tee „to Go“ und Nussecken aus dem nahe gelegenen Café und trugen jeder einen Becher und etwas Gebäck zu den Männern, die einen gewissen Abstand zueinander hielten. Dann eilte ich weiter südwärts aus der Stadt hinaus, durch den winzig kleinen Park, der ganz in meiner Nähe liegt, und heim in die warme Wohnung.

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Die 42er gehen nach 2026

von Silke Elzner, Achim Friker und Michael Höfler

Unsere unversöhnliche Welt macht es nicht leicht, versöhnliche Wünsche zum Jahreswechsel zu formulieren.

Im Kleinen gelingt das noch ganz gut. Zum Tod unseres lieben Kollegen Amos Ruwwe hat die eine oder der andere passende Worte gefunden (nachzulesen im 42er-Forum). Das tut gut.

Im Großen reicht es schon längst nicht mehr, passende Worte zu finden, und der Versuch, als Schriftstellerin/Schriftsteller einfach ein bisschen wahnsinniger zu sein als der Rest der Welt, scheitert an einer immer noch wahnsinnigeren Welt.

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