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Die Wilde Jagd

von Joan Weng

In den Raunächten, so erzählen es alte Überlieferungen, ist der Himmel nicht leer. Denn dann, wenn die Grenzen zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte, brüchig werden, zieht sie durch die Dunkelheit: die Wilde Jagd.

Ein unheimlicher Zug aus Geistern der Ungetauften, schuldbeladener Seelen und alter Mächte, angeführt von einem dunklen König, dessen Name nicht genannt werden darf – und der genau deshalb heute vollkommen vergessen ist. Man soll ihr Wehklagen im Sturm hören können, ihr Heulen im Wind, ihr Vorüberziehen in Nächten, die zu still sind, um harmlos zu sein.

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Raunächte. Ulkig.

von Tom Liehr

Als ich, äh, jung war, schrieb man „rau“ noch mit „h“ am Ende, und Rauhnächte, das waren für mich solche, in denen das fortwährende Feiern zu schmerzen begann, in denen man sich gegen Nachtende so ungefähr um fünf fragte, ob das hier gerade wirklich noch Spaß macht und den Menschenrechtskonventionen genügt und wann man zuletzt richtig erholsam durchgeschlafen hat (und bei wem). Diese Fragen blieben in aller Regel unbeantwortet, denn es ging natürlich um etwas ganz anderes. Wer sich solche Fragen (oder auch: „Wer zur Hölle sind all diese Leute?“) ernsthaft stellte, hatte das Prinzip ohnehin nicht kapiert. Hier wäre die richtige Stelle, um den seligen Falco zum Thema „Achtzigerjahre“ zu zitieren, doch das haben schon zu viele getan.

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Sternenstaub

Soll ich?, frage ich beklommen und neugierig, aber – dann lasse ich mich in die Zeit außerhalb der Zeit fallen. Die sechste Raunacht!  

Schon gleite ich in die andere Realität, die mir hilft, das vergangene Jahr zu verstehen. Ich will mich darauf einlassen. Möglich, dass überhaupt nichts passiert und ich hätte das Salz gar nicht zu streuen brauchen. Aber weiß man es? Ich habe Salz in alle Ecken des Zimmers gestreut, was aus einiger Entfernung aussieht wie die Hinterlassenschaft von manifestierten Geistern. Vorsichtshalber streue ich auch um eine Feuerschale, stelle dazu zwei weiße Kerzen auf und zünde sie an. Meine Schutzlichter. Ich sollte ein kleines Gebet sprechen, hatte ich gelesen, aber das mache ich nicht, das ist mir dann doch zu – ich weiß nicht, wie. Ich brauche mehr innere Ruhe. 

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Intuition

Soraya: Deine Interpretation zur Raunacht gestern über den wandernden Müller war ja ganz schön starker Tobak. Der Müller vom herrlichen Liederzyklus soll ein abgebrannter Wanderarbeiter sein, der nur auf die Mühle der Müllerstochter aus ist? Wie kommst du darauf?

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Zwischen Gestern und Morgen: Das Wandern ist des Müllers Lust

Die Zeit zwischen Heilig Abend und Neujahr, das alte Jahr kann noch nicht gehen, das neue Jahr noch nicht kommen, lädt dazu ein, nach dem Feiertagstrubel endlich mal innezuhalten und über sich und die Welt zu reflektieren, und sich zu fragen: Was soll eigentlich der ganze Wahnsinn?

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Neues von Frau Holle

Horst-Dieter Radke

Wir kennen es alle, dieses Märchen, das die Grimms in ihre Sammlung aufgenommen haben. Frau Holle schüttelt ihre Betten aus und es schneit. Kommt ein tugendhaftes und arbeitsames Mädchen zu ihr, erfährt sie Glück. Die andere, die faule, lässt sie gnadenlos ins Unglück rennen. Aber woher kommt sie eigentlich, diese Frau, die es in den letzten Jahren immer öfters unterlässt, ihre Betten ordentlich auszuschütteln. Vernünftige Schneewinter hatten wir lange nicht mehr. In vielen regionalen Sagen taucht Frau Holle ebenfalls auf, oft herumziehend und die Leute neckend, aber hier und da auch hilfreich unterstützend.

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Belfast on my mind

„Weißt du noch“, fragt sie und es scheint, als wolle der Nebel ihre Worte verschlucken, „dieser letzte Sommer?“ Ich sitze in der Dämmerung auf der Terrasse des Tinyhauses und beobachte meine erwachsene Tochter, wie sie eine Münze, eine Zigarette und ein Rippchen Schokolade auf einen großen Wackerstein legt. „Seit wann rauchst du?“, frage ich und betrachte den Nebel, wie er seine Geistwesen formt. „Zigaretten und Schokolade für das kleine Volk. Das kleine Volk, von dem Finn gesprochen hat. Sie verfolgen dich sonst in deinen Träumen, wenn du sie in den toten Tagen nicht besänftigst!“, sagt sie und mich fröstelt. „Dann hängst du an der Vergangenheit fest!“, fügt sie hinzu. „Das sind doch alles Unkereien. Finn erzählte dunkeldämmrige Hirngespinste, ein Geschichtenerzähler!“  „Glaubst du?“, fragt sie, als wisse sie mehr als ich. „Der Sommer“, sagt sie und die Erinnerungen zeichnen wie der Nebel ihre Bilder auf unsere Haut, in unsere Köpfe.  „Der Sommer, der kein Sommer war“, murmle ich.

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Gregor Weihnachtsmann

von Paula Lankow

„Wer ist der Mann?“, fragte ich und tippte auf das Foto. Wir saßen in dem kleinen Zimmer meiner Großmutter und blätterten, in alten Fotoalben. Ich kannte die Geschichte, aber ich hörte sie so gerne – und meine Großmutter erzählte sie so gerne.

„Gregor“, sagte sie lächelnd.

„Gregor Weihnachtsmann“, ergänzte mein Onkel und „so haben wir ihn immer genannt“, meine Mutter. „Am Heiligen Abend saß immer ein Mann im Wohnzimmer unserer Großmutter, also eurer Urgroßmutter. Er saß neben der großen Standuhr, seinen Stock mit beiden Händen gegen den Boden gestemmt und lächelte. Wenn unsere Großmutter verkündete, der Tisch sei gedeckt, nickte er höflich und folgte uns ins Esszimmer. Und wenn Tante Margot sich ans Klavier setzte, den ersten Akkord von Oh, du fröhliche anschlug und wir in mindestens vier verschiedenen Tonlagen einfielen, schwebte sein wunderschöner, volltönender Bariton unbeirrt durch den Raum.“

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Geisterstunde am Bergfried

»Du bist ganz grün im Gesicht«, meinte Mette.

Klaus wandte sich um und verschwand im Badezimmer. Als er zehn Minuten später wieder erschien und sich auf den Stuhl am Küchentisch fallen ließ, stöhnte er: »Ich kann nicht mehr.«

Mette warf eine Tablette in das bereits gefüllte Wasserglas. Es fing sofort an zu sprudeln.

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Von den rauen Nächten

„Wir sehen uns zwischen den Jahren“ – diese Worte kennt man, hat man vielleicht schon selbst gesagt, ohne groß darüber nachzudenken, wie seltsam sie eigentlich klingen. Zwischen den Jahren? Was soll das sein? Wie soll das gehen? Folgt nicht immer ein Tag dem nächsten?

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