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„Krieg?“ – Was ein französisches Lesebuch, Zweig, Orwell und Hosseini über den Frieden erzählen
von Joan Weng
In meinem Französisch-Lesebuch war eine Geschichte mit dem Titel „Le Petit Nicolas – Les échecs“ (Schach). Vor allem die begleitende Zeichnung ist mir in Erinnerung geblieben: zwei Kinder, die sich glückstrahlend mit schwarzen und weißen Figuren bewerfen, während das zertrümmerte Schachbrett vergessen in der Ecke liegt.
Darunter der Merksatz: « La paix ne dure que tant que personne ne triche. » – frei übersetzt: Frieden gilt nur so lange, wie sich alle an die Regeln halten.
Wahre Worte. Deshalb möchte ich in unserem heutigen Teil der Beitragsserie zum Thema Frieden in der Literatur eine Reihe von Titeln vorstellen, die zeigen, was aus dem Frieden wird, wenn einer – oder sogar mehrere – falschspielen.
Da fiel mir zunächst einmal Stefan Zweigs „Schachnovelle“ ein – für mich persönlich sein Meisterwerk, in dem er zeigt, wie ein Mann in nationalsozialistischer Einzelhaft beginnt, gegen sich selbst Schach zu spielen. Kongenial und ohne jede Effekthascherei beschreibt Zweig, wie Menschen beim Versuch, den Wahnsinn einer aus den Fugen geratenen Zeit zu überleben, am Ende zerbrechen.
Wie kaum ein anderes Werk zeigt die Novelle, dass der eigentliche Krieg nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Inneren des Menschen geführt wird. Ich persönlich liebe das Buch aber vor allem, weil man beim Lesen spürt, wie schmal der Grat ist zwischen geistiger Stärke und völliger Zerrüttung.
In vollständiger geistiger Zerrüttung – über die Selbstaufgabe hinaus – endet George Orwells beklemmend aktueller Roman „1984“. In seiner düsteren Vision eines totalitären Staates gibt es keinen offenen Krieg im klassischen Sinne – der äußere Feind ist unsichtbar, die gegnerischen Parteien werden scheinbar willkürlich ausgetauscht, und doch ist der Frieden vollständig zerstört.
Der Protagonist Winston Smith lebt in einer Welt, in der nicht nur Handlungen, sondern selbst Gedanken vom Großen Bruder kontrolliert werden. Wahrheit wird beliebig verändert, Erinnerung manipuliert, Sprache reduziert. Was bleibt, ist ein Zustand, in dem Vertrauen, Nähe und letztlich sogar das eigene Ich keinen sicheren Ort mehr haben.
Smiths Versuch, diesem Schrecken mit Liebe und Literatur zu trotzen, scheitert so vollständig, wie man es kaum je liest. „Der Große Bruder – er liebte ihn.“ So lautet der letzte Satz über den vollkommen gebrochenen Winston Smith.
Gerade darin liegt die beklemmende Kraft dieses Romans: Orwell zeigt, dass Frieden nicht nur durch Gewalt verloren geht, sondern auch dort, wo Wahrheit und Wirklichkeit selbst ins Wanken geraten.
Nach all dem bleibt die Frage, ob Frieden überhaupt wiederhergestellt werden kann, wenn er einmal grundlegend zerstört wurde.
Eine mögliche Antwort darauf gibt Khaled Hosseini in seinem Roman „Drachenläufer“. Erzählt wird die Geschichte von Amir und Hassan, die als Kinder unzertrennlich sind – bis ein Moment der Feigheit und des Verrats ihre Freundschaft unwiderruflich zerbrechen lässt.
Jahre später kehrt Amir in ein von Krieg gezeichnetes Afghanistan zurück, um sich seiner Vergangenheit zu stellen. Was folgt, ist keine einfache Wiedergutmachung, sondern ein schmerzhafter, oft zögerlicher Versuch, Verantwortung zu übernehmen.
Gerade darin liegt die große Stärke dieses Romans: Er zeigt, dass Frieden nicht bedeutet, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, sondern den Mut zu finden, ihr ins Gesicht zu sehen – und, trotz allem, einen Weg zurück in die Menschlichkeit zu finden.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Hoffnung: dass selbst aus dem tiefsten Dunkel ein Weg zurück ins Licht führen kann – und dass es Geschichten braucht, die genau davon erzählen. Im nächsten Beitrag soll es deshalb um Ostern in der Literatur gehen, um Erlösung, Aufbruch und die leise Möglichkeit eines Neubeginns.
