Das stille Haus 2: All die Sünder der Literatur – Joan Weng, Daisy Buchanan (F. Scott Fitzgerald)

„Oh, willkommen, willkommen. Ein neues Gesicht? Kommen Sie, setzen Sie sich doch ein wenig. Vielleicht dort drüben? Auf das Plüschsofa. Die Farbe gefällt Ihnen nicht? Sie mögen kein Azurblau? Na, dann sehen Sie genau hin. Habe ich zu viel versprochen? Mir gefällt Rot eigentlich auch besser, und mit solchen Kleinigkeiten halten wir uns hier nicht auf. Wo wir hier sind? Eine seltsame Frage mit Verlaub. Wonach sieht es denn aus? Sehen Sie sich um, lassen Sie sich Zeit, Zeit haben wir hier bis zum Abwinken. Was sehen Sie? Viele bekannte Gesichter, nicht wahr?

Das dort drüben, das ist Becky Sharp, die ehrgeizige Halbwaise aus Jahrmarkt der Eitelkeiten, und der Herr, mit dem Sie spricht, erkennen Sie den? Das ist Clyde Griffiths aus Eine amerikanische Tragödie, aber er sieht aus wie Montgomery Clift, das ist eine Laune des Hauses. Wir sehen so aus, wie die Leser sich uns vorstellen. Und wer kennt heute noch den Roman von Theodor Dreiser? Die Menschen kennen nur die Verfilmung und die – unter uns gesagt – doch auch nur wegen Elizabeth Taylor als Femme fatale. Clyde Griffiths lockt doch keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor, er wird bald ganz verschwinden. Sehen Sie genau hin, er ist schon ganz durchscheinend an den Rändern.

So fängt es an, ich habe das schon bei vielen beobachtet. So fängt es an, dann werden sie blasser und blasser, kaum mehr als ein Nebel und dann eines Tages, puff! Verschwunden, einfach weg.

Ob ich ihn beneide? Vielleicht ein bisschen, manchmal. Die Ewigkeit ist lang. Am Anfang dachte ich, Reue würde mir heraushelfen. Reue über die Schuld, die mir dieser ewig besoffene Schreiberling, dieser F. Scott Fitzgerald, angedichtet hat. Reue, nicht für den Mord an der Geliebten meines Mannes, wir sind hier viele Mörder, aber Mord ist nicht die Sünde, deretwegen wir hier schmoren.

Sie brauchen nicht so panisch nach allen Seiten schauen. Es gibt hier keine Tür. Keine Tür, kein Ausgang, kein Entrinnen. Nein, auch das Fenster nicht. Ich glaube, es gibt gar kein da Draußen – der Baum sieht immer gleich aus, er ändert sich nie. Auch dunkelt es niemals, und niemals verschattet eine Wolke den makellosen Himmel. Das ist die Strafe, verstehen Sie jetzt, wo Sie sind?

Bereuen wird Ihnen nichts nützen. Ich habe bereut und ich bin noch immer hier. Sehen Sie den Herrn mit der Halskrause? Robert Dudley, den hat Schiller mit seiner Maria Stuart hier hereingebracht, er hat geweint und gewehklagt, hat wieder und wieder beteuert, er habe nun verstanden, wie falsch es wahr, politischen Opportunismus über die wahre Liebe zu stellen. Es hat ihm nichts geholfen. Schauen Sie nur, seine Gestalt ist solider denn je. Nie wird er von hier herauskommen, immer wird noch irgendwo ein Provinztheater, ein übereifriger Deutschlehrer seinen Verrat an der Liebe im menschlichen Gedächtnis halten.

Ja, Sie verstehen schnell. Ja genau, deshalb sind wir hier versammelt, wir alle sind Verräter an der Liebe, an unseren Geliebten, an einer Idee, an die wir glaubten. Und wir alle sind Opfer, Opfer dieser grauenhaften Schreiberlinge. Eine grässliche Zunft, für ein bisschen Auflage dichten die einem jede erdenkliche Scheußlichkeit an. Schauen Sie doch mich an, ich bin ein anständiges Südstaatenmädchen gewesen, ich hätte mir auch ein Happy End gewünscht, mit meinem Mann oder natürlich noch besser mit meinem Liebhaber, Jay Gatsby. Eine glückliche Ehe, Kinder, vielleicht ein Hund? Aber nein, das war diesem geldgierigen Schluckspecht von einem Autor nicht dramatisch genug. Die Geliebte meines Mannes musste ich überfahren, gerade ich! Ich hasse Autofahren, aber nichts hat mir geholfen, schon hatte der Kerl mich ans Lenkrad geschrieben, schon diese Myrtle unter meine Reifen. Also um sie ist es sicher nicht schade, nur finde ich persönlich das Ganze dann schon ein bisschen dick aufgetragen. Dass mein geliebter Jay wegen meiner Fahrerflucht ermordet wird, also ich bitte Sie! Die Wahrscheinlichkeit ist doch gleich null, nur diesem Zeilenschinder Fitzgerald ist eben nichts Schlaueres eingefallen. Und wer darf es jetzt ausbaden? Ich!

Seit 1925 hocke ich nun hier, zusammen mit all diesen anderen Romanhelden, da Julien Sorel aus Rot und Schwarz, dort drüben eine von den modernen Sartres, Ève Charlier. Schuldig, schuldig, schuldig. Alle schuldig der Lieblosigkeit, des Liebesverrats aus Opportunismus, aus Habgier, aus vermeintlich guten Gründen. Und gerade als ich dachte, jetzt würde es besser, jetzt würde man mich langsam vergessen, gerade als ich an den Händen schon ein bisschen schimmerig wurde – wissen Sie, was dann passiert ist? Verfilmt haben sie den Schmonzes, mit Robert Redford und Mia Farrow. Ach, es ist nicht auszuhalten, und seit der grässlichen Version von 2013 seh ich für alle auch noch aus wie ein mageres Schweinchen, da war mir Mia Farrow noch lieber. Aber na ja, ich rede und rede, erzählen Sie doch lieber einmal? Warum sind Sie hier? Welcher Autor hat sich an Ihnen verbrochen? Joan Weng? Nie gehört! Wer soll denn das sein?“