Das stille Haus 2: Jörg Lingrön, Gollum

„Wasss für ein schönes Hausss.“ Gollum stand im Schatten der Platane und blickte auf das von Straßenlaternen beleuchtete Gebäude. Mit einem schnellen Sprung gelang er zu den hohen Büschen nahe dem Eingang am Giebel des Hauses.

„Wir dürfen nicht hinein gehen.“

„Doch, wir müssen hinein.“

In all den Jahren der Einsamkeit hatte Gollum nur mit sich selber gesprochen und all diese Selbstgespräche führten schließlich dazu, dass er wie zwei Personen sprach.

„Aber wenn man uns entdeckt, wird man uns wehtun.“

„Ich passse auf dich auf!“

Die Bewohner des Hauses schienen verreist. Das wäre die gute Option. Vielleicht waren sie aber auch nur früh schlafen gegangen. Gollum wollte gar nicht daran denken, was er dann mit ihnen machen müsste. Er lauschte noch einmal in die Nacht und als er kein verdächtiges Geräusch hörte, schlich er zur Haustür. Sie war verschlossen.

„Es ist zu. Wir können wieder gehen. Im Wald war es doch auch schön für uns.“

„SSSei still! Im Wald wird es immer gefährlicher für uns. Der Herbst reißt schon die Blätter von den Zweigen. Kein Schutz mehr da. Du willst es doch auch warm und gemütlich, mein Schatzzz.“

„Ja, warm und gemütlich.“

„Also losss!“ Gollum huschte um das Gebäude. Auf der Rückseite befand sich der Eingang zu einem Souterrain. Natürlich war dieser auch verschlossen, aber Gollum fand einen großen Stein, der ein Blumenbeet begrenzte. Damit  schlug damit er die Fensterscheibe neben der Tür ein. Klirren, dann war es wieder still. Er lauschte einen Augenblick reglos, aber im Haus blieb es ruhig.

„Komm mein Schatzzz, hinein.“ Gollum blicke sich noch einmal ängstlich um, dann stieg er durch das Fenster. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn.

„Passs doch auf! Scherben überall.“

„Scherben in meinem Fusss. Ein böses Zeichen. Gollum gehört hier nicht her.“

„SSSei still!“ Gollum lauschte, aber im Haus  blieb es ruhig. Er sah sich im Raum um. Ständiges Verstecken an dunklen Orten, hatte seine Augen geschult.  Mitten im Zimmer stand ein Schreibtisch, und auf dem Schreibtisch lag ein Laptop. Daneben waren  drei Bilderrahmen. Ein Hochzeitsfoto aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das zweite Foto zeigte den Bräutigam als alten Mann, über die untere Ecke des Bildes verlief ein schwarzer Balken. Auf dem dritten Foto war eine Familie zu sehen, Mutter, Vater und kleine Tochter. Dem Gesicht nach zu urteilen, war es wohl die Tochter der Braut mit ihrer Familie. Gollums Finger strich über den Rahmen.

„Lasss das!“ Die Hand zuckte weg.

An der rechten Wand stand ein Sofa, auf dem eine karierte Wolldecke lag. Gollum setzte sich und zog zwei Scherben aus seinem Fuß. Auf der beigen Auslegware verlief eine rote Blutspur. Er war müde und griff nach der Decke.

„Mein Schatzzz, wir können noch nicht schlafen. Müssen sehen, ob das Haus wirklich leer ist.“

Gollum stand auf und ging zur Tür, die weiter ins Haus führte. Sie war nicht verschlossen, und Gollum gelangte in einen Flur  mit drei weiteren Türen und einer Treppe, die nach oben führte. Leise öffnete er eine Tür und sah eine Wäschekammer mit Waschmaschine und Wäschetrockner. Hinter der zweiten Tür befand sich ein Raum mit einem Bett,  einem Kleiderschrank und einem Tisch mit Stuhl. Ein Gästezimmer, aber das wusste Gollum nicht, weil er so ein Wort nicht kannte. Für ihn war nur wichtig, dass sich hier niemand aufhielt. Die letzte Tür führte in ein Badezimmer mit großer Badewanne und Dusche, nur dass hier auch noch zwei Liegen standen und ein Regal voller sorgfältig gefalteter Handtücher. In einer Ecke des Raumes befand sich eine Kammer aus Holz, aber außer einer Art Ofen und Holzbänken war auch sie leer.

Gollum wollte schon wieder zum Sofa, aber vor der Tür stockte er.

„Wir müssen auch oben sehen, mein Schatzzz. Vielleicht oben jemand ist.“

Er atmete einmal schwer und schlich vorsichtig die Treppe hinauf. Eine Stufe knarrte und Gollum stoppte, um zu lauschen. Alles blieb ruhig. Behutsam ging er weiter und erreichte die Hauptetage. Hier war der Fußboden mit verschiedenen Steinplatten mosaikartig gestaltet. An der Wand hing ein großer Spiegel mit verziertem Goldrahmen. Ein Flur mit drei Türen führte zur eigentlichen Haustür. Gollum untersuchte zuerst die Tür auf der rechten Seite. Sie führte in ein Esszimmer. Hier standen nur ein Tisch mit sechs Stühlen und eine Vitrine, in der wahrscheinlich Geschirr aufbewahrt wurde. Hinter den Türen auf der linken Seite befanden sich ein WC und dann die Küche. Gollum hatte Hunger. Er schaute in den Kühlschrank, aber dort waren nur drei Packungen Milch, sechs Becher mit Joghurt und vier Eier. Er schlürfte die rohen Eier, aber den Hunger konnte er damit nicht stillen.

„Gollum ist müde und hungrig, und der Fuß tut weh!“

„Wir müssen erst sehen, ob das Haus leer ist, mein Schatzzz. Dann können wir Essen suchen und uns ausruhen.“

Gerade als Gollum die Küche verlassen wollte, knarrte in der oberen Etage eine Tür.

„Wir müssen weg, wir werden entdeckt, man wird uns einsperren und wehtun.“

„Wenn du still bist, wird uns niemand wehtun.“ Gollum hielt den Atem an.

„Hallo? Ist da jemand? Wenn da jemand ist, ruf ich die Polizei.“ Es war die Stimme einer älteren Frau. Vermutlich die Braut, die Gollum auf dem Foto gesehen hatte.

Licht wurde im Flur angemacht und Gollum sah sich in der Küche nach einem Versteck um, aber da war kein passender Ort, also schloss er nur vorsichtig die Küchentür.

„Gollum muss hier weg! Gollum gehört hier nicht her.“

„Gollum muss essen und sich ausruhen, mein Schatzzz. Wir haben Hunger und da draußen ist Flei…“

„Hallo?“ Die Frau musste jetzt wohl genau vor der Küchentür stehen. Langsam bewegte sich die Türklinke nach unten und dann ging alles ganz schnell.