Kristin liest: Anne Tyler – Launen der Zeit

Wer Anne Tylers Romane mag, wird die Klugheit mögen, mit der sie Zusammenhänge in Familien aufspürt, die Mechanismen, denen sie unterliegen. Was hält die Familienmitglieder zusammen, was treibt sie auseinander? Darin unter anderem ist die Autorin groß, davon erzählt sie ohne Getue und ohne Tamtam.

Jede ihrer Figuren ist mit allen Stärken und Schwächen liebevoll gezeichnet. In „Launen der Zeit“ ist es Willa, die sich immer still untergeordnet hat. Für Aufbegehren war nicht viel Raum. In der Kindheit hatte die Familie die Brocken irgendwie zusammenhalten, wenn die wütende, sprunghafte Mutter mal wieder ausbrach. Und noch in ihrer mittlerweile zweiten Ehe neigt Willa dazu, sich überhören, übersehen zu lassen.

Da hinein platzt für Willa die Nachricht, dass die Ex-Frau ihres Sohns angeschossen wurde, jetzt im Krankenhaus liegt und die Enkeltochter mithin unversorgt ist. Die, wie sich herausstellt, nicht einmal die Enkeltochter ist, weil das Ganze ein verwandtschaftliches Missverständnis ist.

Die Quasi-Oma, pflichtbewusst wie immer, kommt über mehrere Zeitzonen hinweg angeflogen. Pete, ihr braver Ehemann, reist brummend und schimpfend mit und weiß nicht, was das alles soll.

Hier, am anderen Ende der USA, findet sich Willa in einer ganz anderen als der gewohnten, geordneten Mittelschichtswelt. Es ist keine feine Gegend, in die sie geraten ist. Die Nachbarschaft ist sehr bunt gemischt und die neunjährige Nicht-Enkelin nicht einmal nett und niedlich. Der Nicht-Vater der Kleinen, Willas Sohn also, ist als Ex-Mann der Angeschossenen nur mäßig interessiert.

Willa bleibt eine Weile. Bis die Mutter aus dem Krankenhaus kommt. Bis sie wieder an Krücken laufen kann. Bis sie wieder Auto fahren kann. Der brave, immer wieder vertröstete Ehemann fliegt irgendwann brummend und schimpfend nach Hause – und weiß immer noch nicht, was das alles soll.

Und auch ich erfahre erst nach und nach und vollständig erst im letzten Satz, was das alles soll. Wie immer bei Tyler ist das Charmante, dass man während des Lesens glaubt, inmitten all dieser Leute auf dem Sofa zu sitzen. Dass man irgendwie zu dieser Familie gehört, auch wenn es nicht einmal eine richtige Familie ist. Weil man das alles so gut kennt, weil es so typisch ist: die kleinen und großen Muckeligkeiten zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen, Geschwistern. Der Ärger über jemanden, das Hinunterschlucken des Ärgers. Das Sich-Ärgern über das Hinunterschlucken. Oder das sofortige Relativieren von Dingen, wenn man sie doch ausspricht. In all diesen alltäglichen, manchmal belanglos scheinenden Details leuchtet in „Launen der Zeit“ ein ganzes Leben auf, das Anne Tyler zu einer wunderbaren Geschichte verdichtet.

Ihre
Kristin Lange