Horst-Dieter liest: Schaurige Nächte – Unheimliche Geschichten für den Winter

Die besten Schauer- und Gruselgeschichten schreiben meiner Erfahrung nach immer noch die Engländer. Die Iren sind ihnen nur deshalb unterlegen – wenn auch knapp –, weil ihnen der typisch englische schwarze Humor fehlt. Bram Stoker und Sheridan Le Fanu haben zwar berühmte Werke geschrieben, die nicht kleingeredet werden sollen. Wo aber bitte schön ist in Dracula, Onkel Silas oder Carmilla ein Fitzelchen Humor zu finden?

Die Anthologie Schaurige Nächte enthält acht Kurzgeschichten, die zu den besten neueren Gruselstorys gehören, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Manchmal muss man schon genau hingucken, wenn man den Humor finden will, etwa in der letzten (Elizabeth Macneal: Ungeheuer), in der auf den ersten Blick bei dem bösen Ende nichts Lustiges zu erkennen ist. Betrachtet man die Story aber im Ganzen und mit allen Details, kann man sich auch beim tragischen Ende des Protagonisten eines Lächelns nicht erwehren. Ich kann nicht tiefer gehen, um nicht zu viel zu verraten, aber wer die nie direkt auftauchende Figur des Bruders des Protagonisten als stillen Begleiter der Handlung betrachtet, wird dies schnell erkennen. Die vorletzte Geschichte (Kiran Millwood Hargrawe: Gefangen) hat wohl am wenigsten Humor, weil sie direkt aus dem Leben gegriffen scheint und man die Nöte der Protagonisten gut nachvollziehen kann. Allerdings enthält auch diese Story einiges an Slapstick-Szenen, zum Beispiel rund um die Haushälterin.

Die erste Erzählung (Bridget Collins: Eine Studie in Schwarzweiß) ist weniger an Conan Doyles ähnlich betitelten ersten Sherlock-Holmes-Roman angelehnt, als ich vor dem Lesen glaubte. Schwarzweiß bezieht sich auf das Schachspiel, und das bietet einen guten gruseligen Einstieg in diese Sammlung von Schauergeschichten. Wie die zweite Geschichte (Imogen Hermes Gowar: Thwaites Mieter) ausgeht, kann ich unmöglich verraten. Es ist auch nicht abzusehen bis kurz vor dem Ende. Für mich ist diese Erzählung eine der stärksten aus diesem Buch. Darauf folgt gleich die merkwürdigste der Storys (Natasha Pulley: Die Aal-Sänger), deren Humorfaktor etwas in den Hintergrund tritt, dennoch immer präsent ist. In der folgenden Geschichte (Jess Kidd: Lily Wilt) ist er schon der schrägen Handlung wegen deutlicher herauszulesen – ein Fotograf verliebt sich in eine Leiche, die er fotografieren soll – , ebenso in der folgenden (Laura Purcell: Chillinghams Rollstuhl), in der ein Rollstuhl mit Eigenleben eine entscheidende Rolle spielt. Warum jemand den englischen Weihnachtsschmuck mit Stechpalmenblättern nicht mag, erzählt die drittletzte Story (Andrew Michael Hurley: Das Hängen des Grün).

Sämtliche Geschichten werden dem Anspruch gerecht, Schauriges zu bieten. Sie haben ausreichend – in einem Fall minimale – Komponenten von Humor, der bei den Briten immer ein wenig schwarz daherkommt. Ein Lesevergnügen für die langen Abende im Winter, für ängstliche Naturen auch tagsüber zu genießen.

Bis zum nächsten Schauerroman Ihr

Horst-Dieter Radke

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