„Der Autorenkreis ist eigentlich weniger dazu da, dem einzelnen Autoren zu nutzen, als der Literatur in der Region.“

 Horst-Dieter Radke im Gespräch mit Ulrike Sosnitza über den Autorenkreis Würzburg

Der Autorenkreis Würzburg ist ein Zusammenschluss von Autorinnen und Autoren aus Würzburg und Umgebung. Sie sind recht aktiv und werden vor allem häufig durch öffentliche Aktionen und Veranstaltungen »auffällig«. Sie veranstalten Lesungen, Neujahrsempfänge, offene Textwerkstätten und vergeben neuerdings auch einen Literaturpreis. Grund genug, das Gespräch zu suchen und für unseren Blog ein Interview zu führen. Der Autorenkreis wählte als Gesprächspartnerin Ulrike Sosnitza aus, die ich in ihrem Haus in Reichenberg bei Würzburg besuchen durfte. Es war nicht ganz leicht, das Haus zu finden, denn es liegt nicht direkt an der Straße, sondern sozusagen in der zweiten Reihe. Und dann muss man erst durch einen großen, verwunschenen Garten, bis man das Haus erreicht. Ich hatte Glück. Ein schöner Spätfrühlingstag ließ das Interview auf der Terrasse zu und später dann die Rückfahrt ins Taubertal mit dem Fahrrad.

Horst-Dieter Radke: Einiges kann man ja auf der Homepage nachlesen, aber es bleiben doch eine ganze Menge Fragen offen. Als Gründungsjahr hatte ich 2004 oder 2005 herausgelesen. Kann das sein?

Ulrike Sosnitza: Um das Gründungsjahr ranken sich Mythen. Da sind sich selbst die ältesten Mitglieder nicht ganz sicher, aber das erste Treffen fand wahrscheinlich schon 2003 statt. Es fing als Stammtisch an, einige Autoren trafen sich, andere kamen dazu. Als wir unser Zehn-Jahres-Jubiläum feiern wollten, konnten wir kein genaues Gründungsdatum feststellen.

HDR: Ohne Vorlauf geht es ja selten. Vielleicht können Sie genauer erzählen, wie der Autorenkreis entstanden ist. Ein bisschen haben Sie ja schon gesagt – der Stammtisch – aber vielleicht gibt es noch eine Geschichte dazu.

US: Ich bin erst 2006 dazu gestoßen. Die ganze Geschichte, wie sich der Autorenkreis gegründet hat, kenne ich nur aus Erzählungen. Am Anfang trafen sich Anna Cron, Christian Kelle, Klaus Fischer und Bettina Bauer, sehr bald stießen noch Roman Rausch, Rainer Greubel, Gunther Schunk, Günter Huth und Barbara Wolf dazu. Ziel war, etwas zu unternehmen, um die regionale Literatur mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und etwas zu veröffentlichen, woraus ja dann sehr schnell die erste Autorenkreis-Anthologie „Würzbuch“ entstand. Und ich denke, diese Anthologie, die hat die Autoren zum Autorenkreis zusammengeschmiedet. Hier sieht man auch, dass es recht schnell wesentlich mehr Autoren wurden, es sind zwölf Autoren vertreten.

HDR: Es gibt inzwischen noch zwei weitere Anthologien. Oder?

US: Als nächstes erschien „Von Cappuccino bis Sauerwein“, die Geschichten eines Restaurantkritikers, für den wir die Geschichten extra geschrieben haben. Das „Würzbuch“ war so eine Art „best of“ – „Von Cappuccino bis Sauerwein“ ist thematisch angelegt. Wir hatten uns eine Figur überlegt, den Restaurantkritiker Georg Sauerwein, der in jeder Geschichte vorkommen sollte, damit das Ganze einen Rahmen hat. Alle Geschichten spielen in Würzburger Kneipen und Cafés.

HDR: Und man hat sich nicht den Zorn der Gaststätten zugezogen?

US: Wir haben alle vor der Veröffentlichung gefragt, ob sie damit einverstanden sind. Es gab in der Tat ein Gasthaus in Würzburg, das die Veröffentlichung nicht haben wollte, weil sie der Meinung waren, ihr Gasthaus käme jetzt schlecht weg, nur weil der Ober in der Geschichte etwas unfreundlich ist, was den Konflikt der Geschichte ausmacht. Also gut, dann kam die Geschichte eben nicht rein. Ich meine, wenn man eine Geschichte in einem Gasthaus spielen lässt, dann ist das eine Würdigung des Gasthauses, egal ob das jetzt positiv oder negativ geschrieben ist, einfach unter dem Aspekt ‚Toll, dass es das gibt!‘. Es geht nicht direkt um Werbung, sondern mehr um eine Würdigung. Aber da bin ich vielleicht einfach nicht die Richtige.

HDR: Es gibt ja den finanziellen Aspekt bei solch einer Sache, und es gibt den emotionalen. Und der letztere wird leider oft unterschätzt.

US: Ja, emotional ist das richtige Stichwort. Das meinte ich mit Würdigung. Bei dem einen geht es mehr um Emotionen und bei dem anderen darum, was in der Kasse dabei rauskommt. Aber es ist ja auch nicht jeder so. Wir haben auch andere Gastwirtschaften gehabt, wo die Wirte sich sehr darüber gefreut haben. Ich habe eine Geschichte geschrieben, die spielte in einer Cocktailbar und später gab es dort eine Lesung aus dem Buch, der Wirt mochte das.

HDR: Welche Bedeutung hat denn für die Autoren dieser Autorenkreis? Wie groß ist die Verbindung dazu? Ist das enger? Sitzt man öfters zusammen und unternimmt gemeinsam Dinge über solche Veröffentlichungen hinaus?

US: Oh, ich glaube dass das ganz unterschiedlich ist. Also gerade für die, die schon länger dabei sind, ist der Autorenkreis enorm wichtig. Das merkt man, wenn jemand wegziehen muss. Wenn man sich jetzt mal die Autoren vom ersten Buch anschaut, sind von denen fünf oder sechs seitdem weggezogen, und die sind alle noch Mitglied, weil sie sich so verbunden fühlen. Weil sie den Kreis mitgegründet, mitaufgebaut haben, mitgelitten haben bei der Herstellung von Anthologien, Lesungen oder irgendetwas anderem. Dann ist man mit der Zeit schon eng beieinander. Aber das ist nicht bei jedem so, natürlich gibt es auch Austritte.

HDR: Das ist wohl wie überall, dass aus der Masse einige sehr aktiv und andere nur so ein bisschen dabei sind.

US: Wobei wir eigentlich möchten, dass die Autoren aktiv sind. Wir nehmen Mitglieder nur nach einem bestimmten Verfahren auf. Es kann also nicht jeder einfach sagen: So. ich bin jetzt Mitglied. Das würde ganz schnell ausufern. Wir lesen ja auch intern Texte. Oder wenn   Veröffentlichungen organisiert werden oder Lesungen, muss eine Vertrauensbasis da sein und eine gewisse Qualität. Weil jeder, der im Autorenkreis ist, zum Beispiel auch bei allen Veranstaltungen lesen darf. Wir sind jetzt fünfundzwanzig Mitglieder und haben damit unsere Höchstgrenze erreicht.

HDR: Steht das irgendwo in der Satzung?

US: Ja, wir haben eine Satzung, wir sind ja ein Verein, mit der netten juristischen Form eines „nichteingetragenen Vereins“. Die ist vor allem immer dann günstig, wenn ein Verein überhaupt kein Geld und keine Liegenschaften besitzt wie etwa ein Sportverein oder so, aber trotzdem ist das eine juristische Form. Wir haben auch eine Satzung, und wir haben einen Sprecher, bzw. Sprecherkreis von dreien, die gewählt werden, Mitgliederversammlungen, Rechenschaftsberichte, Kassenwarts und all das, wie jeder normale Verein eben auch. Das war am Anfang nicht so, aber mit der Zeit hat sich einfach erwiesen, dass dies sein muss, um Abläufe für neue Mitglieder transparent zu gestalten, und um kooperieren zu können, vor allem mit der Stadt oder wenn es um Fördergelder oder so etwas geht, dann ist es schon günstig, wenn man sagen kann, wir sind das und das.

HDR: Fördergelder gibt es auch für einen nichteingetragenen Verein?

US: Also das mit den Fördergeldern haben wir uns leichter vorgestellt, als es letztendlich ist. Der Autorenkreis hat offizielle Fördergelder, soweit ich weiß, noch nie bekommen, nur einzelne Mitglieder für bestimmte Projekte. Also im Rahmen von „Würzburg liest ein Buch“ gab’s schon mal Fördergelder für eine Lesung zum Beispiel.

Es war nicht so einfach aus diesem losen Stammtisch einen Verein zu machen, es war nicht jeder davon angetan, dass auf einmal alle Abläufe in eine Satzung gegossen wurden und dass, wenn man was ändern will, sich alle zusammensetzen müssen.

HDR: Dann ist auch gleich die Frage, wenn wir über den Verein sprechen, wie wird man denn Mitglied?

US: Wer Mitglied werden möchte, wird von uns zu einem Treffen eingeladen und soll einen Text mitbringen. Anhand des Textes und anhand des Gesprächs versuchen wir rauszukriegen, was das für ein Mensch ist und welche Ziele er beim Schreiben hat. Also ob da jemand einfach nur eine biografische Sache aufgearbeitet hat und das jetzt als Buch veröffentlichen möchte und mehr an schreiberischen Zielen nicht da ist, oder ob jemand eben große Ziele hat und sich nur auf dem Weg dorthin befindet, und inwieweit er bereit ist, sich aktiv mit einzubringen. Das ist das Wichtigste.

HDR: Dann entscheidet das Kollegium?

US: Dann entscheiden wir alle zusammen. Genau. Und es gibt teilweise auch recht kontroverse Diskussionen darüber. Ich finde, dass das gut funktioniert, und die Mitglieder, die wir darüber aufgenommen haben, sind eine große Bereicherung. Ich bin damit sehr zufrieden.

HDR: Hat es auch Ablehnungen gegeben?

US: Ja. Am Anfang haben zwei Aufnahmetreffen pro Jahr gehabt und jedes Mal drei Interessenten eingeladen. Von denen wir ungefähr die Hälfte aufgenommen haben. Jetzt ist das weniger geworden, eine Zeitlang haben wir auch überhaupt niemanden mehr aufnehmen wollen. Wir fragen auch manchmal gezielt Autoren an, die wir zum Beispiel durch die offene Textwerkstatt kennen gelernt haben. Und jetzt haben wir unsere Höchstgrenze ja erreicht.

HDR: Die große Expansion ist also nicht geplant?

US: Nein.

HDR: Wie sieht das denn mit der Außenwirkung aus? Gibt es da ein bewusstes Hinarbeiten auf eine bestimmte Außenwirkung, oder ist das kein Thema?

US: Das ist auf jeden Fall ein Thema. Der Autorenkreis ist eigentlich weniger dazu da, dem einzelnen Autoren zu nutzen, als der Literatur in der Region. Also allen Autoren. Das ist auch etwas, was man in diesem Aufnahmegespräch immer ganz besonders klarstellen muss, dass der einzelne Autor nicht denkt, er tritt da jetzt ein und kriegt ganz viel von uns, sondern man tritt ein, um ganz viel für die Literatur in der Region zu machen. Und deswegen ist die Außenwirkung ganz besonders wichtig. Die Veranstaltungen, die wir machen, dienen dazu, den Autorenkreis und damit die Literatur der Region publik zu machen. Natürlich nutzt es immer auch dem einzelnen Autor, weil man dadurch ganz viele andere Autoren kennen lernt und Kooperationen und Freundschaften und Gespräche entstehen, die nicht in eine Veranstaltung oder eine Veröffentlichung münden, auf der Autorenkreis draufsteht. Da findet natürlich ganz viel noch unter uns statt. Aber wenn es am Schluss eine Sache des Autorenkreises ist, dann soll es für alle da sein.

HDR: Und was dann noch interessant ist – zum Teil kam das ja jetzt schon im Gespräch, aber noch nicht vollständig – ist, wie der Autorenkreis sich organisiert.

US: Wir treffen uns einmal im Monat und besprechen dann, was wir gerade organisieren und was dem einzelnen auf dem Herzen liegt. Wir haben alle drei Monate eine Offene Textwerkstatt, die für alle interessierten Autoren und Zuhörer da ist. Und dann gibt es noch eine interne Textwerkstatt, wo wir nur für uns Texte lesen, die findet im Prinzip mit der anderen im Wechsel statt.

HDR: Und eine jährliche Mitgliederversammlung gibt es auch?

US: Ja, haben wir auch.

HDR: Mit der Wahl von Vorsitzenden und so etwas?

US: Genau, das machen wir immer im Rahmen eines Sommerfestes. Im Juli oder August findet es entweder bei uns hier im Garten oder bei einem Autor in Zell statt. Vorher gibt es die Mitgliederversammlung, und nachher grillen wir zusammen oder ähnliches.

HDR: Fällt Ihnen noch etwas ein, was ich noch fragen sollte?

US: (lacht) Ich könnte noch ein bisschen erzählen, was wir sonst noch so machen. Die Anthologien sind eigentlich nicht das Wichtigste, und unsere Erfahrungen damit sind nicht so besonders gut, also bis auf den Sauerwein. Die beiden anderen haben keine große Verbreitung gefunden. Und dann hat man wahnsinnig viel Arbeit da hineingesteckt und fragt sich hinterher: für was? Was wir aber auch machen, ist, Lesungen zu organisieren und einmal im Jahr, seit auch schon sieben oder acht Jahren, den Literarischen Neujahrsempfang. Von dem haben Sie ja vielleicht auch schon gelesen …

HDR: Ja, habe ich.

US: Der Neujahrsempfang hat sich ganz toll entwickelt. Er findet Anfang Januar in der Stadtbücherei statt. Es gibt immer eine Stunde Programm, bei dem sich die verschiedenen Autoren mit wirklich sehr kurzen Texten in einer Lesezeit von zwei Minuten mit Gedichten, Romananfängen, Anfängen von Kurzgeschichten vorstellen. Wir wollen damit zeigen, wie groß die Bandbreite unserer Autoren ist: Lyrik, Drehbuch, Theaterstücke, Krimis, hohe Literatur, Unterhaltungsliteratur, Poetry Slam, alles ist dabei. Es wird von uns ein möglichst launischer Jahresbericht vorgetragen, und wir laden einen Festredner ein, einen Menschen aus der Kulturszene. Letztes Mal sprach Markus Trabusch, der Intendant des Mainfranken-Theaters, über die Zusammenarbeit von Theaterleitung und Autoren, das war sehr interessant. Oder Matthias Repiscus, der Leiter des Bockshorntheaters, die Buchhändlerin Elisabeth Stein-Salomon von „Würzburg liest ein Buch“. Und natürlich Anja Flicker, die Leiterin der Stadtbücherei. Als Gäste laden wir aus der Region eigentlich alles ein, was irgendwie mit Kultur und Literatur zu tun hat. Und diese Leute kommen auch. Es sind siebzig bis achtzig Gäste da, und hinterher gibt’s dann noch Wein und ein bisschen was zu essen. Das ist wirklich schön, weil es einen literarischen Treffpunkt sonst nicht so gibt. Kulturelle Treffpunkte schon, aber dass eben das Hauptaugenmerk auf der Literatur liegt, das ist wirklich eine tolle Sache, die auf jeden Fall fortgesetzt wird.

Es gibt ja neben dem Autorenkreis mittlerweile auch viel mehr literarische Initiativen in der Stadt. Die Infinitive Monkey zum Beispiel. Auch dort gibt es ein Autorentreffen, das aber für jeden offen ist, und die Initiatoren veranstalten eine Offene Lesebühne im „Wunschlos glücklich“, das ist ein Café in Würzburg. Die Infinitive Monkeys sind aus einer Studenteninitiative heraus entstanden, und decken das Alter zwischen sechzehn und fünfunddreißig ab, sag ich mal. Wir vom Autorenkreis sind ja leider nicht mehr sechzehn, sondern ein bisschen älter. Wobei unser jüngstes Mitglied fünfundzwanzig ist, da sind wir sehr stolz drauf. Das älteste ist fünfundachtzig. Eine große Bandbreite. Die Infinite Monkeys kommen zu unseren Veranstaltungen und wir kommen zu ihren. Ich gehe da gern hin, die haben immer tolle Texte.

Eine wichtige Initiative des Autorenkreises fehlt noch: die Offene Textwerkstatt. Letztes Mal waren wir achtzehn Autoren und Zuhörer, was schon fast zu viel war. Ich bin immer wieder erstaunt, was für unterschiedliche Texte vorgetragen werden und wie gut die Diskussionen sind. Wir achten aber auch darauf, dass das eine faire Sache ist und die Kritik konstruktiv. Aber man muss immer aufpassen, den Autor nicht völlig aus der Bahn zu werfen, und ich hoffe, dass das gelingt. Da viele Autoren wiederkommen, gelingt es offensichtlich.

HDR: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

 

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