Man weiß nie, wofür es gut ist

Schietwettergeschichte von Amos Ruwwe

Viertel nach sechs ist doch keine Zeit, um Fahrrad zu fahren. Schon mal nicht am Niederrhein an einem Novembertag. Pudelmütze fast in die Augen gedrückt, Handschuhe, einen Parka und einen dicken Pullover drunter fährt Gert Derksen die Triftstraße runter zur Arbeit. Wie jeden verdammten Tag. Schnurgeradeaus, flach wie ein Brett und immer Gegenwind, ist ja klar. Scheißwetter.

„Du bist Gärtner, das ist ja schön. Immer an der frischen Luft.“ Wie oft hat er das schon gehört. Von wegen schön. Bei schönem Wetter, okay. Aber Niederrhein und schönes Wetter? Er schüttelt nur den Kopf. Missgelaunt radelt er vor sich hin. Der Nebel wird dicker, und stockdunkel ist das auch noch. Der Dynamo quietsch gequält am Vorderreifen. Viel Licht gibt es aber trotzdem nicht. Muss auch nicht, den Weg kennt das Fahrrad von allein.

Seine Laune wird besser. In knapp zehn Minuten trifft er, wie jeden Tag seit dem Frühjahr, auf der Gegenspur eine junge Radfahrerin. Jeden Morgen ein flüchtiger Gruß mit erhobener Hand, ein Lächeln, und schon sind beide aneinander vorbei. Wenn er tagsüber in der Gärtnerei draußen arbeitet, sieht er die unbekannte Schöne oft zurückkommen. Auch dann ein freundliches Winken, ein gerufenes „Hallo“ – und vorbei.

Morgens, so denkt er jetzt weiter über die schöne Unbekannte, ist das ja wirklich knapp, also, einfach stehen zu bleiben und sich mal miteinander bekannt zu machen. Nachmittags, keine Chance, jetzt im November, bei so einem Wetter, da gibt es keine Arbeit draußen. Ja, wie kann ich mal mit ihr sprechen? Die Gedanken Gert Derksens mäandern in den Nebel.

Das Nächste, was er sieht, ist das besorgte Gesicht der schönen Unbekannte über seinem Gesicht. „Kannst Du mich hören?“ Ihre Hände halten seinen Kopf. Na klar, will er sagen, aber er hört sich nur stöhnen. „Der Bauer ist schon zum Telefon gelaufen, gleich kommt Rettung.“

Bauer, Rettung? Wo bin ich? Im Himmel? Die Schöne und ich hier ganz alleine? Wunderbar.

„Tach“, will er sagen, wieder kann er nur stöhnen. Sie hebt seinen Kopf vorsichtig etwas hoch, jetzt sieht er direkt in ihre blauen Augen. Äh, was ist los? Verdammmich auch, wieso klappt das nicht, kein Sprechen, keine Bewegung, tut doch gar nicht weh, oder doch? Keine Ahnung. Seine Gedanken sind klar, sonst aber nix. Lalülala, hört er.

„Der Bauer hat dich bei dem Nebel mit seinem Trecker beim Abbiegen übersehen, und du bist voll in den Trecker gekachelt. Jetzt ist Krankenwagen da, alles wird gut.“ Und weg ist die Schöne, stattdessen sieht er jetzt einen Rettungssanitäter, der die gleiche Frage stellt wie vorhin. „Kannst Du mich hören?“

Er blinzelt nur kurz den Sanitäter an. „Schön liegen bleiben, nicht bewegen, gleich wird alles gut?“ Schön liegen bleiben? Scherzkeks. Wo ist die Radfahrerin?

„Eins. Zwei, drei!“ Sanft wird er von zwei Männern auf die Trage gehoben, zugedeckt und angeschnallt. Wie von Geisterhand kommt er dem Himmel näher, nun ist er in der Höhe der Brust von dem Sani. „Gleich geht es dir besser.“ Er fummelt irgendwas am Arm von Gert Derksen und siehe da, stimmt, es geht ihm besser. Er fühlt sich belebt, Wärme strömt durch ihn, eh, ich kann mich bewegen.

Die Unbekannte kommt ganz nah an sein Gesicht. „Die fahren dich jetzt ins Krankenhaus, heute Nachmittag besuche ich dich da, okay?“

Gert Derksen ist verblüfft, freut sich, nickt, macht den Mund auf und will sagen „okay“, stattdessen hört er sich „Scheißwetter“ sagen.

Sie lacht. „Wenn Du meinst. Man weiß ja nie, wofür es gut is, wa? Bis nachher.“

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